Wie geht man mit dem Tod eines geliebten Menschen um?

Darum geht es in Jasmin Schreibers Buch „Marianengraben“.
Interview von Nadja Schlüter
jasmin schreiber

Foto: Jasmin Schreiber

Paula hat ihren kleinen Bruder verloren und kommt nicht darüber hinweg – bis sie Helmut trifft, einen schrulligen alten Herren, der ebenfalls um einen geliebten Menschen trauert und sie mit auf eine Reise nimmt.

Jasmin Schreiber erzählt die Geschichte von Paula und Helmut (und einem Hund und einem Huhn) in ihrem Debütroman „Marianengraben“, der am 28. Februar im Eichborn-Verlag erscheint. Die 32-Jährige lebt in Frankfurt, ist studierte Biologin und arbeitet als Kommunikationsexpertin und Autorin. Ehrenamtlich begleitet sie Sterbende und Trauernde und fotografiert Sternenkinder, also Babys, die vor oder kurz nach der Geburt gestorben sind. 2018 wurde Jasmin für ihre Blogs „La Vie Vagabonde“ und „Sterben üben“ als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet. Sie bloggt und twittert zum Beispiel über Liebe, Trauer, Natur, Depressionen und ihre Hündin. Obwohl Jasmins Buch ein trauriges Grundrauschen hat, ist es sehr lustig. Und sie selbst lacht beim Telefon-Interview so viel und laut, dass man währenddessen richtig gute Laune bekommt.

jetzt: Jasmin, hast du Angst vor dem Tod?

Jasmin Schreiber: Klar! Ich bin ein Lebewesen und kein Lebewesen möchte sterben.

Hast du darum ein Buch übers Sterben geschrieben? Um mit dieser Angst umzugehen?

Für mich geht es in dem Buch gar nicht ums Sterben. Die meisten Leute lesen es so (Jasmins Buch wurde schon vor der Veröffentlichung mehrfach auf vorablesen.de rezensiert, Anm. d. Red.), aber mir geht es eigentlich um was ganz anderes.

Worum denn?

Um Geschwisterliebe. Um die Verbundenheit zwischen zwei Menschen und darum, was passiert, wenn sie getrennt werden und einer alleine zurückbleibt.

Warum ausgerechnet Geschwisterliebe?

Ich habe ein Bruder, den ich sehr liebe, habe in dem Bereich also Expertise. Und außerdem kommt in Büchern fast immer romantische Liebe vor, aber andere Formen von Liebe nur ganz selten. Dabei hat Liebe so viele Facetten: Eltern-Kind-Liebe, Liebe zwischen Freund*innen, asexuelle Liebe, oder eben Geschwisterliebe, die bei mir der Motor war, der mich durch das Buch getragen hat.

„Trauer ist genauso individuell wie die Liebe, die einen mit der verstorbenen Person verbunden hat“

Ich habe es trotzdem als Buch über den Tod und über Trauer gelesen. Stört dich das?

Nein, gar nicht. Ab dem Moment, in dem ich das Buch den Leser*innen gebe, ist es es ja nicht mehr mein Buch, sondern sie machen daraus etwas, das mit ihnen selbst zu tun hat. Das ist megaspannend. Am liebsten würde ich mich immer daneben setzen und mich mit einem EKG oder so an die lesende Person anschließen, um zu erfahren, was für ein Buch sie liest!

Paula, deine Erzählerin, und Helmut, mit dem sie auf eine Reise geht, haben beide einen geliebten Menschen verloren. Sie verstehen sich in ihrer Trauer, gehen aber trotzdem völlig unterschiedlich mit dem Verlust um, oder? 

Ja, Trauer ist sehr individuell, genauso wie die Liebe, die einen mit der verstorbenen Person verbunden hat. Menschen haben oft das Gefühl, sie müssten auf eine bestimmte Art und Weise trauern und in einem bestimmten Zeitraum damit fertig werden. Aber so funktioniert Trauer nicht. Darum habe ich das in meinem Buch auch so beschrieben: Wenn zwei Menschen trauern, ist das, als ob sie die gleiche Sprache sprechen, aber mit einem unterschiedlichen Dialekt. 

Über Paula heißt es, dass sie „ungesund“ trauert. Was bedeutet das?

Trauer ist ein Prozess, sie hat ihren Platz in unserem Leben und muss durchgefühlt werden. Aber Paula kommt nicht voran, sondern hängt in einer Endlosschleife fest. Ihr Bruder ist vor zwei Jahren gestorben und es geht ihr schlechter als jemals zuvor. Ihre Trauer ist pathologisch geworden und sie hat eine Depressionen entwickelt. Das ist keine normale Trauerreaktion mehr. 

„Viele Menschen haben Schuldgefühle nach einem Todesfall“

Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit man gesund trauern kann? 

Es ist auf jeden Fall gut, wenn man Leute hat, mit denen man darüber reden kann. Aber das ist oft schwierig, weil andere Angst haben, etwas Falsches zu sagen oder die Bedürfnisse der betroffenen Person nicht genau zu verstehen. Und die betroffene Person weiß nicht, welche Forderungen angemessen sind und ob sie überhaupt davon erzählen soll, oder die anderen damit belastet oder nicht verstanden wird. Dadurch entsteht eine gewisse Distanz.

Was kann man tun, um die zu überbrücken?

Ein typischer Satz ist: „Meld dich, wenn was ist!“ Aber jemand, der in einer Trauersituation ist, meldet sich dann eher nicht. Weil er oder sie manchmal selbst gar nicht weiß, was los ist, und außerdem niemanden nerven will. Als Freund*in sollte man darum immer wieder nachfragen oder auch Angebote und konkrete Vorschläge machen: „Ich komme vorbei und nehme deine Kinder mit in den Zoo, dann hast du mal ein bisschen Ruhe“, oder „Ich bin auf dem Weg zum Büro und kann was für dich einkaufen“. Und man sollte immer wieder signalisieren, dass es okay ist, wenn es dauert. Trauer ist ein unglaublich kompliziertes Gefühl mit ganz vielen Schritten und es dauert länger, als wir es in unserer Leistungsgesellschaft gerne hätten. Ich meine: Wenn ein Kind stirbt, kriegt man zwei Tage Sonderurlaub – und dann soll alles wieder gut sein?

jasmin schreiber buch

Foto: Eichborn Verlag

Du beschreibst in deinem Buch auch den Zusammenhang von Trauer und Schuld. Paula zum Beispiel fühlt sich schuldig für den Tod ihres Bruders, obwohl sie gar nicht dabei war, als er gestorben ist. 

Viele Menschen haben nach einem Todesfall Schuldgefühle. Wenn die Oma stirbt, denkt man: Letzte Woche wollte ich unbedingt zu dieser Party, dabei hätte ich da doch auch nochmal bei ihr vorbeischauen können. Frauen, die ein Kind verlieren, fühlen sich oft schuldig, dass sie es nicht beschützt haben. Schuld und Trauer gehören zusammen – obwohl das von außen betrachtet nicht berechtigt ist. 

„Ich glaube, dass ein natürlicher Zusammenhang zwischen Trauern und Lachen besteht“

Obwohl du über ernste Themen schreibst, hast du eine sehr lustige, leichte Sprache gewählt und viele absurde Situationen in die Geschichte eingebaut. Warum?

Erstens hätte ich es gar nicht ausgehalten, ein nur trauriges Buch zu schreiben! Es war so schon schwer genug – ich habe ganz viele Passagen des Buchs im Zug geschrieben und saß manchmal blinzelnd und schniefend vor meinem iPad. Die anderen Leute haben sich wahrscheinlich gefragt, was ich da mache. Für die Leser*innen ist es sicher auch besser, wenn es nicht nur todtraurig ist, das würde sie ja nur runterziehen. Und ich glaube, dass ein natürlicher Zusammenhang zwischen Trauern und Lachen besteht, den ich lange auch nicht kannte. 

Wo hast du ihn kennengelernt?

Ich habe 2016 im Hamburger Kinderhospiz Sternenbrücke ehrenamtlich Räume bemalt und hatte vorher riesengroße Ängste. Ich dachte: „Das muss der schlimmste und traurigste Ort der Welt sein!“ Aber als ich da war, habe ich gemerkt, dass es ein unglaublich fröhlicher Ort ist. Ja, die Kinder, die da sind, sterben – aber sie sind rumgeflitzt und haben gelacht. Mittlerweile habe ich mehrer Bestatter begleitet und viele Einsätze als Sternenkinder-Fotografin gehabt und in all diesen Situationen wird auch oft gelacht. Weil das Menschsein sich zwischen Freude und Trauer bewegt. Es oszilliert zwischen diesen beiden Polen.

Mir fiel noch auf, dass im Buch auch Tiere eine wichtige Rolle spielen. Warum?

Weil Tiere und Natur in meinem Denken eine wichtige Rolle spielen. Ich bin gerne und viel draußen in der Natur. Und gerade sitze ich in meinem Wohnzimmer zwischen ganz vielen Terrarien, Aquarien und Zimmerpflanzen. 

Wenn man das jetzt überinterpretieren will, könnte man sagen: Du umgibst dich mit sehr viel Leben.

Genau, so würde man es in der Deutsch-Klassenarbeit schreiben! Aber ja: Ich finde Leben super und deswegen umgebe ich mich mit möglichst viel davon. 

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