„Das sind die letzten Stunden, die Eltern mit ihrem Kind haben“

Sophia Metzker fotografiert ehrenamtlich „Sternenkinder“, die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind.
Interview von Nadja Schlüter
sternenkind

Manchmal stehen die Eltern noch unter Schock, wenn Sophia mit ihrer Kamera zu ihnen kommt. Aber sie weiß, dass ihnen die Bilder einmal sehr wichtig sein werden.

Illustration: FDE

Sophia Metzker, 30, ist ehrenamtliche Sternenkind-Fotografin: Sie porträtiert Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind, und deren Familien. Die Vermittlung läuft über die Organisation „Dein Sternenkind“, die 2013 gegründet wurde. Mittlerweile sind bundesweit 640 ehrenamtliche Fotograf*innen für „Dein Sternenkind“ tätig, rund 8000 Kinder wurden schon fotografiert, 2877 davon im vergangenen Jahr. Die Organisation hat bereits mehrere Preise für ihr Engagement erhalten.

Sophia hatte bisher etwa zehn Einsätze in Berlin und fotografiert auch Sammelbestattungen von Sternenkindern, deren Eltern keine Einzelbestattung wünschen. Im Interview spricht sie über ihre eigene Geschichte, die sie zu ihrem Engagement gebracht hat, über Berührungsängste von Eltern und darüber, wie die Corona-Krise ihre Arbeit beeinflusst.

jetzt: Sophia, welches Sternenkind hast du zuletzt fotografiert?

Sophia Metzker: Ich war vor ein paar Wochen in einer Klinik bei einem acht Wochen alten Jungen, der an einer Meningitis gestorben ist – in der engen Definition also kein Sternenkind, aber natürlich sagen wir niemandem ab, der Fotos von seinem Kind haben möchte. Nachdem die Geräte abgeschaltet worden sind, durfte ich reingekommen, und wir haben Bilder mit den Eltern und mit dem Geschwisterkind gemacht. Später kam der Bestatter dazu, die Familie hat Handabdrücke des Kleinen gemacht und ihn zusammen in den Sarg gebettet. Das habe ich auch mit der Kamera begleitet.

Du warst also ziemlich lange und nah bei dieser Familie.

Ja, anderthalb Stunden waren es sicherlich. Das ist natürlich ein sehr intimer Moment. Ich kannte die Familie vorher nicht und es ist immer ein bisschen komisch, wenn erstmal beide Seiten nicht so richtig wissen, was einen erwartet. Aber vor allem die Mutter hatte schon eine Vorstellung davon, welche Fotos sie sich wünscht, das hilft immer. Den Eltern war schon bewusst, wie wichtig die Bilder mal sein werden. 

Das ist nicht immer so?

Manchmal sind die Eltern unsicher, weil sie zwar Bilder wollen, aber noch unter Schock stehen oder Berührungsängste haben. Sie wissen dann zum Beispiel nicht, ob sie ihr Kind anfassen dürfen. Je neuer die Situation ist, desto schwieriger kann es sein. Bei Familien, die Zeit hatten, sich vorzubereiten, weil sie schon wussten, dass das Kind sterben wird, ist es oft leichter, als wenn ein Kind ganz plötzlich unter der Geburt verstorben ist. Aber ich weiß, dass die Fotos irgendwann unfassbar wichtig sein werden. Manche gucken sie Monate oder Jahre nicht an, aber wenn sie so weit sind, sind Bilder da. Und die Gelegenheit kommt ja nicht wieder, das sind die letzten Stunden, die die Eltern mit ihrem Kind haben.

„Das Kind war trotzdem gewünscht und wird geliebt, und es ist schön, wenn man das später auf den Fotos sieht“

Was machst du, wenn die Eltern Berührungsängste ihrem Kind gegenüber haben?

Ich versuche, ihnen Mut zu machen, erkläre, was ich vorhabe, spreche ganz viel mit dem Kind, frage die Eltern, ob ich es anfassen darf, sage immer, was ich gerade mache und warum. Je sicherer ich mit dem Kind umgehe, desto mutiger werden oft auch die Eltern, sie kommen näher und sehen, dass es nichts zu fürchten gibt. Ich ermuntere sie dann meistens, viel selbst zu machen, das Kind anzuziehen, eine Hand draufzulegen. Idealerweise nehmen sie es irgendwann auf den Arm. Die Bilder, die dann entstehen, haben nochmal eine ganz andere Qualität. Das Kind war ja trotzdem gewünscht und wird geliebt, und es ist schön, wenn man das auch später auf den Fotos sieht.

sternenkindfotografin galerie

Sophia hat selbst ein Kind verloren. Die Sternenkind-Fotografie hat ihr geholfen, mit dem Verlust umzugehen.

Foto: Frank Metzker

Wie genau finden die Eltern und ihr als Fotograf*innen eigentlich zusammen?

Meistens läuft das über die Kliniken. Wenn klar ist, dass ein Kind es nicht schafft, fragen sie die Eltern, ob sie sich Fotos wünschen, und melden sich dann bei uns. Oft sind es aber auch Freund*innen oder Verwandte der betroffenen Eltern oder eben die Eltern selbst, die sich melden. Über die Webseite von „Dein Sternenkind“ kann uns jeder schnell und einfach anfragen.

Und die Fotos entstehen dann im Krankenhaus? 

Meistens. Denn je weniger Zeit verstreicht, desto mehr Möglichkeiten haben wir, schöne Bilder zu machen. Aber alles ist besser als nichts, daher fotografieren wir auch noch in der Pathologie oder beim Bestatter, wenn die Eltern zu spät von uns erfahren haben. 

Wieso hast du dich entschieden, Sternenkind-Fotografin zu werden? 

Ich habe selbst meinen ersten Sohn verloren. Während meines Fotografiestudiums bin ich schwanger geworden und im vierten Monat haben wir die Diagnose bekommen, dass unser Kind nicht überlebensfähig ist. Ich habe die Geburt einleiten lassen. In der Klinik wurde gesagt „Wir machen Bilder vom Kind“, aber die waren Mist, und uns wurde zwar Zeit eingeräumt, Abschied zu nehmen, aber ich war damit ziemlich alleine. Ich wollte Jamie unbedingt sehen, aber habe mich nicht getraut, ihn anzufassen oder hochzunehmen, weil ich nicht wusste: Darf ich das? Mache ich irgendwas kaputt? Ich hatte Hemmungen – und dann war die Chance vertan. 

„Durch die Fotografie hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass Jamie umsonst gestorben ist“

Wie kamst du dann zur Fotografie?

Anschließend habe ich mein Studium pausiert, weil ich erstmal auf die Beine kommen musste und alles in Frage gestellt habe. Als ich wieder schwanger geworden bin und unser Folge-Wunder gesund zur Welt kam, hat mir das Rückenwind gegeben, mit dem Studium weiterzumachen. In der Zwischenzeit hatte sich „Dein Sternenkind“ gegründet und ich habe mich beworben, weil ich dachte: „Da kannst du fotografieren und trotzdem was Sinnvolles machen!“ Ich hatte dadurch nicht mehr das Gefühl, dass Jamie umsonst gestorben ist, weil er mir diese Richtung gezeigt hat. 

Kann sich jeder*r als Sternenkind-Fotograf*in bewerben?

Grundsätzlich ja, man muss kein*e Profi-Fotograf*in sein, Hauptsache man hat eine ordentliche Kamera. Natürlich möchten sie ein paar Bilder sehen und man wird darauf hingewiesen, dass das eine Aufgabe ist, die einem zu Herzen geht und die auch mal schwierig sein kann. Wenn man sich das zutraut, gibt es viele Möglichkeiten, sich mit anderen Fotograf*innen auszutauschen. Wenn ein Einsatz besonders emotional aufwühlend war oder ist, kann man auch immer jemanden anrufen. Bei meinem ersten Sternenkind hat mir das sehr geholfen.

Was ist da passiert?

Wir hatten einen Termin mit der Klinik und den Eltern vereinbart, aber irgendetwas ist wohl bei der Kommunikation schief gelaufen. Das Kind war schon in der Pathologie, aber als ich dort ankam, waren die Eltern noch nicht da und es hieß auf einmal, der Termin sei viel zu spät und ich könnte nur sofort oder gar nicht mehr rein. Ich habe versucht, die Eltern übers Handy zu erreichen, was nicht geklappt hat, und wusste nicht, was ich tun soll. Ich habe dann einen Fotografen in der Nähe angerufen und gesagt: „Gerade geht alles schief, ich weiß nicht mehr weiter, ich würde jetzt einfach reingehen, findest du das in Ordnung?“ Und er sagte: „Guter Plan, mach das so!“ Am Ende hat alles geklappt und die Eltern kamen auch noch dazu. 

Kannst du noch ein bisschen genauer beschreiben, wie so ein Einsatz abläuft? 

Über die Telefonnummer von „Dein Sternenkind“ ist immer einer der Koordinator*innen erreichbar, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Wenn sich jemand meldet, geht an alle registrierten Fotograf*innen in der Umgebung ein Alarm aufs Handy. Die eigentliche Kommunikation läuft über das interne Forum, wo alle, die den Einsatz übernehmen könnten, sich untereinander absprechen. Ein*e Fotograf*in ruft dann die Eltern oder die Klinik zurück und ist Ansprechpartner*in. Wenn es wirklich soweit ist, kann es aber sein, dass jemand anders kommen muss. So eine Einleitung kann sich ja über Tage hinziehen, es kann also sein, dass man das Handy neben das Bett legt und drei Nächte kaum ein Auge zumacht, weil man immer damit rechnet, dass es losgeht. 

„Einmal war eine Seelsorgerin dabei, die gegen die Fotos war, obwohl die Eltern sich Bilder gewünscht haben“

Und wenn es losgeht?

Meine Kameratasche packe ich vorher schon fertig, da sind meistens auch ein paar Mützchen oder Deckchen mit drin und kleine Mitbringsel, gehäkelte Sterne oder Perlenketten. Eins davon bleibt dann beim Kind, das andere nehmen die Eltern später mit. Wenn ich in die Klinik komme, empfängt mich jemand, ich gehe vorsichtig rein – und dann ist es jedes Mal wieder anders.

Dann musst du erstmal schauen, wie gerade die Stimmung ist, oder?

Genau, das muss man dann möglichst schnell erfassen und schauen, was möglich ist. Bisher hatte ich eigentlich immer Glück, es war nie richtig schlimm. Nur einmal war es unangenehm, da hatte ich die Situation, dass eine Seelsorgerin dabei war, die gegen die Fotos war, obwohl die Eltern sich Bilder gewünscht haben. Sie hat mich erst elendig lange warten lassen und ist mir dann anschließend nicht von der Seite gewichen. Und immer, wenn ich die Eltern angesprochen habe, hat sie mir stattdessen geantwortet.

Gibt es etwas, was du zu allen Eltern sagst?

Dass sie mir sagen sollen, wenn sie sich etwas Bestimmtes wünschen. Und dass wir jederzeit abbrechen können, wenn es zu viel wird oder sie eine Pause brauchen. Ich frage immer ganz vorsichtig, ob ich das Kind sehen darf, und spreche es immer direkt an, mit Namen, oder frage, von wem es die Nase hat. Dann tauen die meisten Eltern auf.

Gibt es auch etwas, worauf du besonders achtet, wenn du die Fotos machst? 

Als erstes: das Kind festhalten, mit allen Details, Haarlocken, Wimpern, Füßchen, Händchen. Weil die Erinnerung leider irgendwann verblasst. Als mein Sohn geboren wurde, war er zehn Zentimeter groß, und ich hatte Angst, dass er vielleicht aus Versehen im Klinikmüll landet. Und dann brachten sie ihn rein und ich habe gedacht: „Oh, er hat ja Fingernägel und Fußnägel und Ohren, es ist alles dran!“ Ich war total erstaunt! Gerade bei den etwas kleineren Kindern, versuche ich darum, alles ganz genau festzuhalten. Anschließend mache ich die Bilder mit den Eltern und mit den Geschwistern, wenn sie das wollen.

„Es ist nicht einfach meine Schwangerschaft zu Ende gegangen, sondern ein Mensch ist gestorben“

Warum wünschen sich die Eltern diese Bilder? 

Mir war damals wichtig, dass die Leute verstehen, dass nicht einfach meine Schwangerschaft zu Ende gegangen ist, sondern dass wirklich ein Mensch gestorben ist, mein Kind, und dass ich traurig bin. Ich glaube, dass viele Eltern da ähnlich ticken und diese Bilder, die sie Familie und Freund*innen zeigen können, dabei helfen, das auszudrücken.

Gibt es etwas, dass du während deiner Einsätze über Trauer gelernt hast?

Meine persönliche Erfahrung ist, dass Männer und Frauen oft unterschiedlich trauern. Ich habe ein paar Mal erlebt, dass Frauen eher bereit waren, Fotos zuzulassen. Die Männer haben es in dem Moment natürlich besonders schwer, weil sie nicht nur das Kind verlieren, sondern auch für die Frau da sein und sie beschützen wollen. Und diesen Spagat hinzukriegen, eigentlich selbst gerade am Ende zu sein und trotzdem noch stark sein zu wollen, das ist schwer.

Als Mann hast du das Kind bis zu diesem Moment ja auch wirklich noch nicht kennengelernt. Als Frau hattest du schon eine Verbindung dazu.

Genau. Für Männer wird das ja oft erst später greifbar, wenn der Bauch immer mehr wächst. Deswegen finde ich es ganz wichtig, dass wirklich beide das Baby angucken, damit auch die Männer sehen: Das  ist mein Kind. Das hilft enorm.

Wie beeinflusst die Corona-Krise eure Arbeit? Dürft ihr noch in die Krankenhäuser? 

In den vergangenen Wochen gab es in Berlin keinen Einsatz für uns, aber über unser Forum habe ich mitbekommen, dass Fotograf*innen in anderen Städten teilweise nicht reingekommen sind. Wir haben ein Videotutorial für die Eltern gemacht, wie sie mit dem Handy möglichst gute Bilder machen können, die sie uns schicken, damit wir sie professionell nachbearbeiten. Immer mehr Kliniken sagen jetzt aber, dass sie Räume bereitgestellt haben, wo wir mit möglichst wenig Kontakt zu anderen ein paar Fotos machen können. Das ist wichtig. Denn es kann dir nichts Schlimmeres passieren, als dass dein Kind stirbt. Aber wenn du einen schönen Abschied bekommst und dabei gute Begleitung hast, dann muss das nicht das Ende sein. Dann kannst du den Verlust in dein Leben integrieren und es kann irgendwann wieder gut werden.

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