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„Mein Gott, jetzt muss doch auch mal gut sein“

Illustration: Pia Wermuth

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Eine Trennung ist wie der Tod eines geliebten Menschen, sagen die einen. Eine Trennung ist wie ein Wiedergeburt, die anderen. Unserem Autor ist nur eins klar: Seine aktuelle Trennung ist weder das eine noch das andere, sondern einfach das überfordernste Gefühl, das ihm in seinen 25 Lebensjahren widerfahren ist. Also schreibt er darüber. Soll ja angeblich helfen. Alle Folgen der Kolumne findest du übrigens hier.

Beim Film „500 Days of Summer“ endet das Trauerspiel des Protagonisten am 500. Tag, nachdem er seine Traumfrau kennengelernt hat. Dazwischen hat er sich heillos verliebt, ist mit ihr, Summer, zusammengekommen und hat sich unter großem seelischen Drama getrennt. Ich habe bei mir und Lisa zwar die Tage nicht mitgezählt, aber der Verlauf war ähnlich. Sie hat mir auch von Anfang an gesagt, dass sie nicht der Typ für eine Beziehung ist, ich wollte es ebenfalls nicht wahrhaben und deswegen hat auch mich die Trennung härter getroffen, als sie es eigentlich sollte. Und: Auch ich hatte diesen 500. Tag. Natürlich nicht ganz wie im Film, da schließt der Protagonist quasi gleichzeitig mit seiner Ex auf einer Parkbank Frieden und trifft ein paar Tage darauf schon eine neue Frau. Weder habe ich kompletten Frieden mit meiner Ex, noch habe ich eine neue Frau, aber dennoch ist bei mir der 500. Tag gekommen – oder anders gesagt: der erste gute Tag.

Entgegen dem cineastischen Vorbild kann man diesen Tag meiner Meinung nach nicht genau festmachen, man sieht ihn noch nicht mal kommen. Über das „Wann es wieder gut wird nach einer Trennung“ gibt es verschiedene Theorien. Um die Popkultur noch einmal zu bemühen: Bei „How I Met Your Mother“ haben Teds Freunde einige Ideen. „Eine Woche für jeden Monat, den ihr zusammen wart“, lautet Marshalls Theorie. Das wären in meinem Fall zwölf Wochen, definitiv zu kurz. Robins Regel ist etwas spezieller: „Es dauert genau 10 000 Drinks, wie lange auch immer das dauern kann.“ Erneut, definitiv zu kurz. Und Lilys meint: „Halb so lang, wie die Beziehung gedauert hat.“ Eine Regel, die bei mir tatsächlich ziemlich genau passt. Und eine, die mir in den letzten Monaten sehr oft begegnet ist, da sie bei vielen meiner Freunde anscheinend auch ungefähr zutrifft.

Natürlich hat auch diese Regel Ausnahmen. Ein guter Freund war 15 Jahre lang mit seiner Ex zusammen und musste trotzdem nicht siebeneinhalb Jahre lang leiden, sondern war nach zwei Jahren darüber hinweg. Hätte seine Trauer länger angehalten, hätte das mit Liebeskummer auch nichts mehr zu tun gehabt. Er hat relativ kurz danach übrigens seine jetzige Freundin kennen gelernt. Das ist nicht nur im Film ein Anlass für bessere Tage. „Richtig weiter kommt man erst, wenn man neue Liebe findet.“ Auch diesen Satz habe ich in letzter Zeit ziemlich häufig gehört.

„Ich wollte zu sehr, dass es vorbei ist“

 

Eine neue Liebe habe ich noch nicht, obwohl es schon ein, zwei Mal so aussah. Es sah auch schon ein, zwei Mal so aus, als wäre jetzt wieder alles gut. Und doch hat mich die Trennung jedes Mal wieder eingeholt – wahrscheinlich gerade deswegen. Ich wollte zu sehr, dass es vorbei ist. Ich habe mir nicht genug Zeit gegeben, auch weil ich meinen Anspruch an mich selbst ständig als Beifahrer hatte: „Mein Gott, jetzt muss doch auch mal gut sein! Du bist 25, hast dein ganzes Leben noch vor dir, wird doch alles nicht so schlimm sein?“ Dieser Kampf, diese Auflehnung gegen die kleinste Trauer haben mich bestimmt noch mal ein paar Wochen gekostet.

Mein erster guter Tag hat sich dann geschickt angeschlichen, war erst nicht mal als solcher zu erkennen. Der erste gute Tag ist nämlich nicht der, an dem man merkt, dass man nicht an sie gedacht hat (in dem Moment, in dem man das bemerkt, hat man ja doch wieder an sie gedacht). Nein, der erste gute Tag könnte sogar ein sehr mieser sein. Er zeichnet sich lediglich dadurch aus, dass er komplett ohne sie auskommt und der Anfang einer Phase ist. Einer neuen Zeitrechnung. Einer zurückgewonnenen Normalität, in der ich den gemeinsamen Lieblingssnack kaufe und mich nur darüber aufrege, dass er wieder teurer geworden ist. In der ich an ihrer Haustür vorbeilaufe und nur daran denke, ob der Späti um die Ecke noch offen hat. 

Das Ende der schlechten Tage ist ein schleichender Prozess, bei dem alles verschwimmt. Die Trauerphase fadet unbemerkt aus, wie ein Song bei einem gelungenen Übergang. Plötzlich findet man sich im nächsten Lied wieder, ohne es wirklich bemerkt zu haben. Oder wie bei einer körperlichen Verletzung, nach der man auch nicht genau den Moment benennen kann, in dem man wieder fit war. Irgendwann merkt man einfach, dass der Schmerz weg ist – und zwar nicht erst seit gerade eben.

Das bedeutet nicht, dass mich in dieser neuen Phase nicht trotzdem ab und an eine gewisse Sentimentalität packt, das lässt sich gar nicht vermeiden. Und es ist auch irgendwie schön, weil es zeigt, wie sehr ich einen anderen Menschen geliebt habe. Welche Gemeinsamkeiten wir geteilt haben. Die Erinnerungen, bei denen es in meiner Brust zieht, werden immer die sein, in denen es um Musik ging und wir gemeinsam unterwegs waren. Die Urlaube im Süden, die Konzerte, auf denen wir geträumt haben, die Läden, in denen wir gefeiert haben, werden meine Trigger bleiben.

Dieser letzte Satz dieser letzten Folge meiner Kolumne ist der vorerst letzte Moment, in dem ich mit Reue und Trauer an diese Beziehung zurückdenke. Bei mir liegt der erste gute Tag nämlich schon ein wenig zurück. Vielleicht treffe ich ja heute auch eine neue Frau.

* Unser Autor möchte lieber anonym bleiben. Vermutlich werden es einige Bekannte trotzdem bemerken, aber damit kann er leben. Seine Ex-Freundin auch, wenngleich sie nicht glaubt, dass ihre Trennung jemanden interessiert. Vielleicht hat sie recht.

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