„Der Geist der vergangenen Beziehung hängt an allen Ecken dieser Stadt“

Unser Autor versucht, über seine Trennung hinwegzukommen. Folge sechs: das Umfeld.
Von anonym*

Illustration: Pia Wermuth

Eine Trennung ist wie der Tod eines geliebten Menschen, sagen die einen. Eine Trennung ist wie ein Wiedergeburt, die anderen. Unserem Autor ist nur eins klar: Seine aktuelle Trennung ist weder das eine noch das andere, sondern einfach das überfordernste Gefühl, das ihm in seinen 25 Lebensjahren widerfahren ist. Also schreibt er darüber. Soll ja angeblich helfen.

Die zweite Aussage, die mein bester Freund nach der Trennung zu mir gesagt hat (die erste war: „Endlich!“): „Jetzt musst du nur noch klarkommen und Abstand kriegen.“ Im ersten Moment mag das nach Mitgefühl klingen. Wenn man aber genauer drüber nachdenkt, kamen beide Aussagen  noch vor „Das tut mir leid, Mate!“. Unabhängig davon waren sie sehr vorausschauend:  Sein Rat sollte sich nämlich nicht nur als sehr angebracht, sondern auch als wahnsinnig schwierig zu beherzigen herausstellen.

Ich bin daran – wie so oft – auch selbst schuld. „Verknall’ dich nicht immer in deine Arbeitskolleginnen“, haben sie gesagt. „Such dir mal jemand unabhängig von deinem Job“, haben sie gesagt. „Dann wird es funktionieren“, haben sie gesagt. „Ja, wie denn?“, habe ich gedacht. Und dann ein Mädchen aus dem erweiterten Ausgeh- und Freundeskreis kennengelernt. Hat nicht funktioniert, sage ich jetzt. Wenn man seine zukünftige Freundin zum ersten Mal auf dem Tresen, hinter dem man arbeitet, küsst und das zweite Mal vor der Bar, in der sie arbeitet, dann kann daraus eine fabelhafte Gastro-Romanze werden – aber auch eine logistisch sehr schwierige Trennung.

Warum eine Beziehung beginnen, wenn man das Ende direkt mitdenkt?

Sie soll halt den Club, in dem ich Gin Tonics verteile, meiden und ich meine Feierabend-Weinschörlchen in einer anderen Kneipe trinken, möchte man lapidar raten. Was ist aber, wenn man dieselbe Musik hört, respektive dieselben Konzerte, respektive dieselben Partys besucht? Auf dieselben Geburtstage geht? Im selben Viertel wohnt? Dann sieht die Sache schon anders aus. Man hätte sich das natürlich auch schon vorher alles denken können, aber warum eine Beziehung beginnen, wenn man das Ende direkt mitdenkt? Realismus, you say? Phantasie, I say!

Das ist auch mein Problem mit der vielzitierten Aussage „Don’t fuck the company“. Es ergibt nämlich schon Sinn, sich in der Arbeit zu verlieben. Man verbringt sehr viel Zeit miteinander, hat möglicherweise gemeinsame Interessen und ähnliche Abläufe. Außerdem: Wo soll man sich denn sonst verlieben? Mit der Arbeit und dem Freundeskreis verbringt man nun einmal den Löwenanteil seines Lebens, abgesehen vom Schlafen. Soll man etwa beim Sport jemanden kennenlernen? Unabhängig von allen hollywoodesken Sexy-Schweiß-Shots aus Film und Fernsehen, finde ich mich während und vor allem direkt nach dem Training eher weniger hot. Nicht minder wichtig ist außerdem der Faktor, dass ich lediglich mit anderen Männern Sport treibe (ohne, dass ich darauf Einfluss hätte). Oder auf dem Bauernmarkt am Sonntag? Den müssten sie ein paar Stunden später veranstalten, damit ich es da jemals hinschaffen würde. Oder doch auf Tinder? Da wehrt sich immer noch meine vielleicht etwas hochnäsige, snobistische, 25-jährige Eitelkeit dagegen. Natürlich mehren sich die Geschichten von Freunden, die am Wochenende auf einer Hochzeit waren, „wo sich das Pärchen auf Tinder gelernt hat”. Schön für sie, warum auch nicht. Aber ich habe keine Lust auf diese digitale Fleischbeschau, bei der obendrein noch jeder sehen kann, dass ich schaue. Das ist mir zu fremd, zu abgeklärt, einfach zu stumpf.

Trotzdem hätte ich vermutlich in dieser Beziehung nicht alle Lebensbereiche so schnell ineinander übergehen lassen sollen. Wir haben nie zusammen gewohnt, auch wenn es sich zeitweise so angefühlt hat – mehr oder weniger eine Straße trennt unsere Wohnungen. Aber wenn man sich zum wiederholten Male nach einer Trennung beim Bioladen, Döner oder Kiosk um die Ecke begegnet, dann überlegt man trotzdem umzuziehen. Nicht in eine andere Stadt, das erscheint dann doch ein wenig drastisch, aber zumindest ans andere Ende dieser Stadt.

Die Stadt war unser gemeinsames Wohnzimmer

Das Bizarrste ist aber, dass es diese tatsächlichen, physischen Treffen mit Lisa gar nicht unbedingt braucht, damit ich an sie denke. Die Stadt war unser gemeinsames Wohnzimmer, überall hängen die gemeinsamen Erinnerungen eingerahmt. Und zwischendurch huscht ein Mädchen mit ähnlicher Frisur und Statur durch die Szenerie und wirbelt sentimentalen Staub auf. Die Stelle am Fluss, an der man immer lag. Die Gesprächsfetzen in der Bar, in denen von einer Party auf ihrer Terrasse berichtet wird. Oder die tatsächlichen Gespräche, die man mit gemeinsamen Freunden führt. Ein Teil von mir will natürlich immer nachfragen, was in ihrem Leben so passiert. Der andere Teil hat keine Lust darauf, hat vielleicht sogar Angst davor – er ist es auch, der durchsetzt, dass ich mit unseren gemeinsamen Freunden tatsächlich nicht über Lisa rede. Letztlich berührt mich ja selbst das schlechte Graffiti, über das wir immer zusammen kopfschüttelnd gelacht haben. Der Geist der vergangenen Beziehung hängt an allen Ecken dieser Stadt. Wie wird man ihn los?

Vielleicht, indem man umzieht und einfach immer zu Hause bleibt? Oder, indem man neue Erinnerungen aufhängt? Es gibt genügend Alternativen und der Zustand der Trauer hält nicht für ewig. Man kann endlich wieder mal die alten Freunde mit dem Kind besuchen und sich ihre neue Wohnung außerhalb der Innenstadt ansehen. Eine neue Stelle am Fluss entdecken, einen neuen Dönerladen. Einfach ein neues Umfeld suchen.

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