„Kann man da eine gewisse Wehmut im Blick erkennen?“

Unser Autor versucht, über seine Trennung hinwegzukommen. Dieses Mal: die sozialen Medien.
Von anonym*

Illustration: Pia Wermuth

Eine Trennung ist wie der Tod eines geliebten Menschen, sagen die einen. Eine Trennung ist wie ein Wiedergeburt, die anderen. Unserem Autor ist nur eins klar: Seine aktuelle Trennung ist weder das eine noch das andere, sondern einfach das überfordernste Gefühl, das ihm in seinen 25 Lebensjahren widerfahren ist. Also schreibt er darüber. Soll ja angeblich helfen.

Das Trinken habe ich nun, zwei Monate nach der Trennung, wieder auf ein für Gastronomieangestellte normales Niveau heruntergefahren. Trotzdem gibt es immer noch diese verschwommenen Momente der Sehnsucht, die sich gerne um sechs Uhr in der Früh einstellen. Ich bin gerade von der Schicht in der Bar nach Hause gekommen und lasse mich im Dunkeln auf die Bettkante gleiten, während schwache Bilder der vorangegangenen Nacht sich mit dem Licht der Straßenlaterne vor meinem Fenster mischen. Mühsam winde ich mich aus meinen Klamotten, bloß nicht zu viel Energie aufwenden. Mein Körper gleitet in einer fließenden Bewegung unter die Decke, rollt sich zur Wand und nimmt die Embryohaltung ein. Jetzt nur noch ein kurzer Blick aufs Handy, um den Wecker zu stellen, den Flugmodus zu aktivieren, der letzten Nachricht zu antworten.

Ich erinnere mich selbst an einen Gollum-Verschnitt mit seinem Schatz 

Dann geht es auf einmal los: Sekunden vorher war ich noch zu fertig, um wenigstens  grundlegende Körpersäuberungen vorzunehmen, jetzt hänge ich hellwach vor meinem Handy und scrolle durch Lisas Instagram-Profil. Meine Hand hält das Telefon, wie andere Menschen in diesem Moment vielleicht ein Kuscheltier. Ich erinnere mich selbst an einen Gollum-Verschnitt, mit seinem Schatz in der dunklen Höhle. Nur, dass ich anstatt eines Rings einen kleinen Kasten mit bläulich-schimmernder Oberfläche ganz nah bei mir halte.

Ganz oben in ihrem Profil sind die ersten paar Bilder seit der Trennung, mal der Himmel, mal die Landschaft, ein Schwarz-Weiß-Foto von ihr in meinem Hemd. Sofort beginnt es in mir zu arbeiten: „Kann man da eine gewisse Wehmut im Blick erkennen? Ist das Herz im Text darunter vielleicht gar nicht der Fotografin, sondern mir gewidmet? EINE VERSTECKTE BOTSCHAFT?“ Weiter runter gescrollt offenbart der leuchtende Kasten Einblicke in glücklichere Zeiten. Da ist der See ihrer Heimat, da die Anlage in ihrem Zimmer und da bin sogar ich. Mit offenem Hemd, gewollt locker auf dem Fensterbrett sitzend, gestellt nachdenklich. Weitere Bilder von gemeinsamen Urlauben. Mailand oder Madrid – Hauptsache glücklich. Na dann gute Nacht.

Also schalte ich ihr Profil stumm

Es mag ein bisschen unpassend klingen für mein Alter (ich bin 25), aber ich war noch nie ein Freund von Social Media. Snapchat nutze ich nicht, Twitter nur, um anderen Menschen ihren spontanen Wortwitz zu neiden und Facebook ist halt Facebook – alte Schulfreunde und Veranstaltungshinweise. Das vielleicht einzige Medium, das ich seit Lokalisten und SchülerVZ richtig intensiv genutzt habe, ist Instagram. So simpel, dass selbst der bucklige, alte Mann, der in mir für mein Internetverhalten zuständig ist, damit zurechtkommt. Die „fortgeschrittenen“ Möglichkeiten dieses Mediums hat ihm aber natürlich keiner mitgeteilt. So erfahre ich erst relativ spät, dass man auf Instagram seine Mitmenschen „stumm schalten“ kann. So könnte ich Lisas Stories und Beiträge vor mir verbergen, ohne dass sie das mitbekommt. Also schalte ich auf jedem meiner Accounts ihr Profil stumm – und habe tatsächlich kurze Zeit Ruhe.

Das alles hindert mich nur leider nicht daran, die letzten Wochen ihres Instagram-Profils in jener Nachtsitzung durchzustalken. Dabei werde ich Zeuge, wie ihr Leben offenbar normal weitergegangen ist. Natürlich kann man auf Instagram wunderbar etwas vortäuschen, aber das alles wirkt leider schon sehr authentisch. Ein erster hässlicher Gedanke schmuggelt sich in mein Gehirn: „Wieso leidet sie nicht mehr? Geht es ihr am Ende gut, sogar besser als vorher?“ Und gleich noch ein zweiter, eine Frage eher: „Wieso gönne ich ihr diese Normalität, dieses Glück nicht? Wo ich sie doch so liebe.“ Der dritte Gedanke: „Sollte ich nicht auch schon längst in die Offensive gehen? Mir geht es vielleicht nicht gut, aber das ist in den sozialen Medien ja nicht relevant.“

Schon könnte man meinen, ich hätte gerade die beste Zeit meines Lebens

Und genau deswegen liest sich mein bildlicher Output über die nächsten Wochen wie die Kampagne einer zweitklassigen Datingseite. Ich als lässig-cooler DJ – meine ganzen fürchterlichen Übergänge in dieser Nacht kann ja keiner auf Instagram hören. Ich als elegant-professioneller Barmann – dass ich nach der Schicht mit dem Kopf auf dem Tresen gelandet bin, vollkommen egal. Ich mit verwegen-verführerischem Blick vor urbaner Kulisse – dass ich diesen Blick nur hinbekommen habe, weil ich vom Fotografen genervt war, geschenkt! Das Ganze natürlich untermalt von lebensbejahenden Storys. Schon könnte man meinen, ich hätte gerade die beste Zeit meines Lebens.

Dass dem nicht so ist, merkt man trotzdem recht einfach, im echten Leben. Als ich mich vor einem Konzert mit ein paar Kollegen auf ein Bierchen treffe, nimmt mich nach einer Weile einer zur Seite und fragt, ob alles ok sei mit mir. „Naja, eher nicht, hab mich ja vor Kurzem von Lisa getrennt.“ „Ach shit, klar, aber ist das noch so schlimm? Ich dachte, dass du da schon drüber weg bist, so wie es bei dir in letzter Zeit läuft.“ Was er nicht weiß: Außer meinen Like-Zahlen ist eigentlich nichts gelaufen. Dementsprechend erstaunt ist er nun verständlicherweise, mich im Real-Life etwas niedergeschlagen zu erleben. So viel zum Thema Selbstdarstellung im Internet. Funktioniert eben nur so halbwegs.

Ähnlich läuft es mit dem Blockieren, denn Lisa taucht trotzdem die ganze Zeit in den Storys oder Postings anderer Menschen auf. Genau wie im echten Leben. Auf Instagram könnte ich ihr natürlich auch entfolgen, allerdings würde man (vor allem sie) das ja mitbekommen und ich möchte nicht, dass es so wirkt, als ob dieser drastische Schritt wirklich nötig wäre. Vielleicht möchte ich mir auch einfach nicht eingestehen, dass es schon nötig wäre. Ich brauche diesen Abstand, um nicht andauernd daran erinnert zu werden, wie schön es manchmal war und dann eben doch – wenn auch unterbewusst – über die 0,1-Prozent-Chance zu sinnieren, mit der wir wieder zusammenkommen könnten. Blockieren oder Entfolgen ist da zwar ein netter Anfang, aber wirklich besser wird es erst, wenn man sich nach dem nächtlichen Nachhausekommen einfach nur die Zähne putzt. 

* Unser Autor möchte lieber anonym bleiben. Vermutlich werden es einige Bekannte trotzdem bemerken, aber damit kann er leben. Seine Ex-Freundin auch, wenngleich sie nicht glaubt, dass ihre Trennung jemanden interessiert. Vielleicht hat sie recht.

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