„Die Menschheit muss sich verändern, um auf diesem Planeten leben zu können“

Warum Clara im Oktober zur UN-Klimakonferenz nach Chile segelt.
Interview von Lena Mändlen

Clara von Glasow segelt im Oktober zur UN-Klimakonferenz nach Chile.

Foto: Jeffrey Qi

Fliegen ist klimaschädlich, das müsste mittlerweile überall angekommen sein. Doch besonders für lange Strecken gibt es bis jetzt wenig attraktive Alternativen. Dass es trotzdem nicht unmöglich ist, auf klimaschonende Weise mehrere Tausend Kilometer zurückzulegen, wollen 36 junge Aktivist*innen im kommenden Herbst beweisen – und segeln dafür am 1. Oktober dieses Jahres für sechs bis acht Wochen von den Niederlanden nach Rio de Janeiro, um von dort dann den Bus nach Santiago de Chile zu nehmen. Ihr Ziel: die 25. UN-Klimakonferenz, die vom 2. bis 15. Dezember stattfindet. 

Die 25-jährige Clara von Glasow wird mit an Bord sein und vor Ort die Klimadelegation vertreten, eine Gruppe junger Klimaaktivist*innen, die sich auf den internationalen Klimakonferenzen für eine ambitioniertere Klimapolitik einsetzen. Clara hat sich als Schülerin bereits bei der Grünen Jugend ihrer Heimatstadt Hennef engagiert. Im vergangenen Juni hat sie ihr Jura- und BWL-Studium abgeschlossen.

Jetzt: Anfang Oktober segelst du mit 35 anderen Aktivist*innen nach Chile zur UN-Klimakonferenz. Woher kam die Idee dazu?

Clara: Im vergangenen Jahr sind vier Niederländer*innen, die das Ganze organisiert haben, mit einer großen Gruppe Aktivist*innen mit Bus und Bahn zur Klimakonferenz nach Polen gefahren. Sie waren sich damals schon sicher, dass sie dieses Jahr zur Klimakonferenz nach Chile wollen, und wollten die Reise natürlich möglichst emissionsarm gestalten. Deshalb haben sie das Projekt „Sail to the COP“ ins Leben gerufen. Wichtig war ihnen dabei vor allem, auf nachhaltige Reiseformen aufmerksam zu machen, und dafür suchten sie sich dann Mitstreiter*innen. Ich bin eine von zwei von der Klimadelegation, die dafür ausgewählt wurden.

Ihr seid sechs bis acht Wochen lang unterwegs. Wie bereitet ihr euch darauf vor, so lange auf See zu sein?

Wenige von uns sind Segelprofis und auch ich war noch nie so lange auf einem Schiff. Wir haben diese Woche ein Trainingswochenende, bei dem wir uns intensiv mit dem Leben an Bord beschäftigen werden. Ansonsten ist es hilfreich, körperlich fit zu sein, aber das sind wir alle. Und wir haben eine fünfköpfige Crew inklusive Kapitän, der bereits mit Schulklassen den Atlantik überquert hat. Wir helfen dann, indem wir anfallende Aufgaben an Bord sowie Wachdienste übernehmen, hauptverantwortlich ist aber die Crew.

„Uns ist wichtig, dass junge Menschen auf den internationalen Konferenzen präsent sind“

Mit Kapitän und Crew zu segeln, klingt vernünftig – aber auch sehr teuer. Wie viel kostet dich die Reise? 

Die Reise wird zu großen Teilen von Sponsor*innen finanziert. Außerdem gibt es ein großes Crowdfunding. Zusätzlich zahlt jede*r Teilnehmer*in einen Beitrag von 2500 Euro, für den ich auch ein eigenes Crowdfunding gestartet habe.

Welches Signal möchtest du mit der Reise senden?

Mit der Reise wollen wir vor allem auf die Emissionen aus dem Schiffs- und Flugsektor aufmerksam machen. Wir fordern die Politik auf, die Sektoren nicht mehr durch fehlende Steuern mittelbar zu subventionieren, sondern stattdessen Wege nachhaltigen Reisens 

attraktiver zu machen. Außerdem wollen wir zeigen, dass es möglich ist, emissionsarm weit zu reisen. Und uns ist wichtig, dass junge Menschen auf den internationalen Konferenzen präsent sind und der Druck, der von den Straßen kommt, in die Verhandlungsräume Einzug hält.

Was sind eure Pläne für die Zeit an Bord?

Wir wollen das Schiff in einen schwimmenden Think-Tank verwandeln, in dem wir innovative und realistische Lösungen entwickeln, zu denen wir uns auch vorher und währenddessen mit Expert*innen austauschen. Der Fokus liegt darauf, wie man nachhaltiges Reisens attraktiver und erschwinglicher machen kann. Und wir bereiten uns auf die Klimakonferenz vor. Einerseits wollen wir dort kreative Aktionen auf dem Konferenzgelände umsetzen, beispielsweise mit Musik oder Plakaten, andererseits wollen wir uns auch mit Delegierten unterhalten, um ihnen unsere Forderungen näherzubringen. Im Prinzip ist das Lobbyismus,

aber für eine wichtige und notwendige Sache.

„Die Forderungen sind ambitioniert, aber sie sind nicht unrealistisch“

Segelt ihr nach der Konferenz auch wieder zurück?

Wir werden auf keinen Fall alle zusammen zurückfahren, weil manche länger dort bleiben wollen. Einige planen zwar, zurückzusegeln, aber das ist nur aus der Karibik und auch erst wieder im Frühjahr möglich. Ein paar Leute werden eventuell auf einem Frachtschiff zurückfahren, was natürlich auch seine Umweltprobleme mit sich bringt. Aber so wie’s

aussieht, wird niemand zurückfliegen. Was meine Pläne sind, weiß ich selber noch gar nicht.

Wie ist dein genereller Eindruck von der Klimadebatte?

Ich finde auf jeden Fall, dass sich was tut. Vergangene Woche war ich auf dem „Fridays for Future“-Kongress in Dortmund, dessen Organisation mich unglaublich beeindruckt hat. Alles war vegan, es wurde super wenig Müll produziert und viele haben erzählt, dass sie nach dem Abi nicht weit weg fliegen werden, wie es in meinem Umfeld viele gemacht haben. Mittlerweile scheint es mehr im Trend zu sein, Interrail durch Europa zu machen. Insgesamt passiert die Veränderung aber nicht schnell genug und vor allem eben in der Klimablase dieser Aktivist*innen. Der Klimaschutz muss gesamtgesellschaftlicher werden.

Was entgegnest du Menschen, die sagen, „Fridays for Future“-Aktivist*innen hätten keine Ahnung von gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen? Zum Beispiel, wenn es um drohenden Arbeitsplatzverlust und die damit verbundenen Existenzängste vieler Menschen in der Kohleindustrie geht?

Erstmal ist die Wissenschaft sich einig, dass etwas getan werden muss. Und in Bezug auf die Kohleindustrie muss über Dimensionen geredet werden: Durch die Digitalisierung werden laut Expert*innen in den kommenden fünf Jahren 3,4 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen. Trotzdem wird sie als Fortschritt gefeiert und die Verluste und damit verbundenen Kosten für die Gesellschaft werden hingenommen.

In der Kohleindustrie, einer nicht zukunftsfähigen Branche, reden wir von 20 000 Arbeitsplätzen. Natürlich muss der Kohleausstieg sozialverträglich organisiert werden, aber das geht nur, wenn schnell Maßnahmen ergriffen werden. Und wer denkt, dass die Aktivist*innen nicht wissen, wovon sie reden, soll sich einfach mal mit ihnen unterhalten. Der oder die wird dann schon merken, dass wir uns intensiv damit auseinandersetzen, wie auf politischer Ebene realistische Lösungen gefunden werden können. Klar, die Forderungen sind ambitioniert, aber sie sind nicht unrealistisch. Es ist einfach, das zu behaupten, weil man sich dann nicht damit beschäftigen muss. Aber Fakt ist: Die Menschheit muss sich verändern, um weiter auf diesem Planeten leben zu können.

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