Nicht grün genug

Illustration: Zoe Opratko

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Die Sache mit der Süßkartoffel sei lächerlich gewesen. Und entschuldigen wollte sie sich dafür auch nicht. Österreichs erfolgreichste Umweltaktivistin und Sinnfluencerin Dariadaria erntete auf ihrem Instagram-Kanal einen Shitstorm, weil sie sich eine Süßkartoffel im Ofen gemacht hatte – die Betonung liegt hier auf EINE. „Was für eine Stromverschwendung!“, so die Kritik.

Madeleine Darya Alizadeh, wie sie mit echtem Namen heißt, setzt sich seit elf Jahren für eine gute und grüne Welt ein. So betreibt die Unternehmerin und Influencerin auf Instagram vor allem „sinnfluencing“: Sie macht sich seit Jahren für Flüchtlinge stark, schreibt über Feminismus, Body Neutrality und Rassismus ebenso wie über Veganismus und Fair Fashion. 2019 ist sie für die Grünen bei der Wahl fürs Parlament angetreten. Und im Frühjahr dieses Jahres schaffte es ihr eigenes Fair-Fashion-Label Dariadéh sogar in die Vogue. Natürlich ließ sie die Stücke ihrer Kollektion nicht von herkömmlichen Models präsentieren, sondern von Frauen unterschiedlichen Typs, Gewichts und Alters. Kein Wunder also, dass eine Journalistin sie unlängst als die „Gutfrau von Instagram“ bezeichnete. Und dennoch wird Madeleine „geshamed“– das heißt, im Internet an den Pranger gestellt, sobald ihr vermeintlich grüne „Fehler“ unterlaufen.

Per Zoom spreche ich mit ihr über Shaming und Blaming in der scheinbar heilen Welt der woken Community. „Gibt es einen grünen Druck?“, will ich wissen. „Auf jeden Fall. Spätestens seit es das Wort „Flugscham“ gibt, ist vielen Menschen klargeworden, dass es diesen Druck gibt“, sagt sie. Und obwohl die 32-Jährige sich dessen bewusst ist und ständig evaluiert, wie transparent sie ihr Leben machen solle, hat die Sache mit der Süßkartoffel sie doch überrascht. „Es gibt immer Personen, die noch etwas finden. Was dazu führt, dass viele Menschen in der Umweltbewegung das Gefühl haben, sie schaffen es eh nicht, sie sind nicht gut genug und können es eh niemandem recht machen. Du musst quasi zu einer Heiligen mutieren.“

Die Wertung der anderen ist allgegenwärtig

Auch Flora* kennt die Frage, ob sie gut genug ist. Die 38-jährige Deutsche arbeitet seit vier Jahren bei einer der größten, internationalen Umweltorganisationen und erklärt, dass der Druck natürlich zunächst auch von einem selbst ausgeht. Hätte man nicht von Grund auf ein ökologisches Bewusstsein und hohe Ansprüche, würde man sich die Branche nicht aussuchen. Es gehöre dabei dazu, sich ständig selbst zu hinterfragen. Flora kommt aus einer umweltbewussten Familie, Fleisch gab es daheim so gut wie nie. Ein ökologischer Lebensstil war ihr immer schon wichtig. „Aber in dem Moment, wo ich dort angefangen habe, bekam ich absurderweise Selbstzweifel und fragte mich: Bin ich öko genug?“ Ihr Umfeld potenziert ihr Bewusstsein – und ja, es mache ihr auch Druck. „Früher, in meinem alten Job, hat man ganz happy erzählt, dass man in den Urlaub fährt. Das ist jetzt anders.“ Als sie einmal von einem Portugal-Urlaub zurückgekommen war, erntete sie den Kommentar: Da könne man aber nicht mit dem Zug hinfahren. Ein Scherz, aber gesessen hat er trotzdem. Durch ihren neuen Job habe sich ihr Reiseverhalten noch mal verändert, erzählt sie. So habe sie beim Freundinnen-Trip nach Barcelona gesagt: „Sorry, da müssen wir in Zukunft mehr Zeit einplanen, denn solche Strecken fliege ich nicht mehr.“

Flora beteuert zwar, dass Grün-Sein kein Wettbewerb sei – aber die grüne Kolleg*innenschaft beobachtet, beurteilt und vergleicht sich dennoch. „Da gibt es natürlich die Kollegin, die alles gefühlt perfekt macht und man selbst ist noch die Person, die irgendwo hinfliegt. Oder man ist diejenige, die nicht extra durch die halbe Stadt fährt, um eine Gurke unverpackt zu kaufen, weil es im Supermarkt am Heimweg das Bio-Gemüse nur in Plastik foliert gibt.“ Auf der anderen Seite wird Flora von vielen Kolleg*innen zugutegehalten, dass sie sich komplett vegan ernährt, während manche ihrer Kolleg*innen immer noch Bio-Fleisch essen oder „nur“ vegetarisch leben. „Jede*r tut, was er oder sie kann“, so Flora. Weil die Bandbreite eines ökologischen Lebensstils eben so weit ist – ob es um Plastik, Ernährung oder Klima geht.

Trotzdem spürt sie die allgegenwärtige Wertung von anderen „Grünen“ auch außerhalb ihres Jobs. Etwa im veganen Shop um die Ecke. Als die Veganerin dort das erste Mal mit ihrer neuen Second-Hand-Lederjacke einkaufte, schämte sie sich. „Die Verkäuferin hat zwar überhaupt nichts gesagt, aber es war ein Gefühl da, dass sie das jetzt scheiße findet. Also, dass ich zwar Tiere nicht konsumiere, aber sie trage.“ Dabei war die neue Lederjacke kein Zufallskauf. Im Gegenteil, Flora hatte sich lange mit ihrer „top-veganen“ Kollegin beraten, was besser sei: eine neue und vegane Lederjacke oder eine aus zweiter Hand. Letztere, ihrer Meinung nach. „Leder ist ein super Produkt, weil es natürlich ist und sich wieder zu Erde zersetzen wird. Das hast du natürlich auch bei einer Mushroom-veganen Lederjacke, also bei einer aus Pilzen gemachten, aber Second-Hand-Leder ist eben schon in der Welt und muss nicht erst produziert werden.“

Blöderweise klebt an Floras Jacke nur kein Label: „Das ist Second-Hand!“ Für sie spielt nicht nur die eigene Gewissheit eine Rolle, sondern auch das Gesehenwerden. So habe eine Freundin einmal ein nicht-öko Spülmittel gekauft und in Floras Wohnung gestellt, als sie für ein paar Tage zu Besuch war. „Da stand auf einmal normales Spülmittel in meiner Küche und ich habe mich gefragt, was mache ich denn jetzt. Ich will nicht, dass jemand reinkommt und denkt: Oh, die Flora benutzt normales Spülmittel!“, lacht sie über sich. Dasselbe Phänomen erlebe sie häufig im Zug, wenn sie ihr Sandwich auspackt, selbst zubereitet mit veganer Wurst, veganem Käse und veganer Mayo. „Aber plötzlich merke ich, wie ich schaue und mir denke: Oh Gott, die Leute sollen nicht denken, dass ich Wurst esse! Ich will doch ein gutes Beispiel sein.“

Madelaine wird von Follower*innen schon dann scharf kritisiert, wenn sie mal vegetarisch statt vegan isst 

Das grüne Leben ist zweifellos ein gutes Leben. Auch ich, die Journalistin, spüre beim Zuhören den Druck, der von innen wie von außen kommt. All das bislang „Normale“ im Leben, ob Sandwich, Jacke oder Urlaub, wird hier in Frage gestellt, meist für nicht gut genug befunden und ein Reset erlangt. Umdenken, neu handeln – das ist richtig, aber auch anstrengend. Ist ein perfektes grünes Leben auf allen Ebenen überhaupt zu schaffen – vom Strom bis zu Zero-Waste über Veganismus bis zur Fair-Fashion? Kann man fehlerfrei grün leben – ohne Angst, kritisiert und - schlimmer – geshamed zu werden, will ich wissen.

Die Influencerin Madeleine hat diese Unschaffbarkeits-Spirale am eigenen Leib erfahren. Und geht heute bewusst entspannter mit den eigenen Werten um. „Am Anfang, als ich noch strikt vegan war,“, erzählt sie, „habe ich auf Reisen teilweise nur Brot und Salat gegessen, weil es nichts Veganes gab. Irgendwann habe ich mir allerdings gedacht: Sag mal, bist du doof?!“ Heute isst Madeleine auf Reisen vegetarisch. So proklamiert sie in ihrem Kodex auf ihrer Website nicht nur, was sie nicht unterstützt – etwa die Milchindustrie, Fast-Fashion oder Mineralölunternehmen, sondern erklärt auch, warum sie manchmal von ihrem Lebensstil abweicht. Zum Beispiel bei Reisen in Länder, in denen es nur eine limitierte Auswahl an Speisen gibt. Aber nicht alle ihrer mehr als 300 000 Follower*innen haben dafür Verständnis. Madeleine erinnert sich gut an den Shitstorm, den sie erhielt, als sie auf einer Reise mit der Caritas innerhalb der Ukraine eine vegetarische Speise aß – und  keine vegane. „Wir fuhren im Zug und lernten eine binnen-geflüchtete Frau aus der Pufferzone kennen. Sie bot unserer Gruppe Blinis an, die sie selbst mit ihrer Mutter zubereitet hatte. Ich aß auch eines und postete das.“ Selbst die hardcore-vegane Community werde verstehen, dass sie das aus Höflichkeit nicht ablehnen könne, dachte Madeleine. Doch im Gegenteil folgte krasse Kritik. Follower*innen schrieben ihre Enttäuschung und entfolgten ihr.

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Die Angst vor der Wertung macht das Leben komplizierter.

Illustration: Zoe Opratko

Hier fehle es der grünen Community an intersektionalem Denken, findet die Influencerin. Also, dass es manchmal auch angebracht sei, die streng moralischen Vorschriften hintanzustellen und stattdessen kulturell zu agieren. In jenem Moment im Zug hätte sie „kein veganes Diventum“ heraushängen lassen wollen. Sie habe keine moralische Hoheit gepachtet, beteuert sie. Aber als Dariadaria wird sie dennoch auf ein Podest gestellt – die moralische Erhabenheit wird von ihr kompromisslos erwartet. „Die Leute glauben, wenn du dich für ein bestimmtes Thema einsetzt, dass du 360 Grad fehlerfrei Regenbogen scheißt – aber das ist halt nicht so.“

Beide Frauen betonen, dass die Verhältnismäßigkeit oft abhandenkomme. Die grüne Diskussion führe schnell am Ziel vorbei. „Nach dem Motto: Wenn du jetzt aufhörst, Plastikstrohhalme zu verwenden, dann ist die Welt gerettet. Aber die strukturellen und politischen Probleme werden dabei gar nicht angegriffen, sondern es beschränkt sich auf eine Beschämung von Individuen“, sagt Madeleine. Immerhin seien für den Großteil des CO2-Fußabdrucks auf unserem Planeten lediglich eine Handvoll von Unternehmen verantwortlich. „Da ist es dann total lächerlich, jemanden wegen eines Flugs zu shamen oder weil man das falsche Waschmittel gekauft hat. Es macht das Kraut nicht fett.“ Madelaine sieht daher auch kein Problem darin, ihren eigenen ökologischen Kodex privat manchmal zu durchbrechen. Während des Corona-Lockdowns habe sie sich zum Beispiel einen neuen Lippenstift von L’Oreal gekauft – einfach, weil sie einen neuen Lippenstift haben wollte. „Man darf auch mal Mensch sein!“, appelliert sie für mehr Gelassenheit und Wohlwollen. Das findet auch Flora: „Es geht ja auch darum, unser inneres Ökosystem zu schützen.“

„Man kann von niemandem erwarten, nur glutenfreien Haferschleim zu essen“

Während Madeleine innerhalb ihrer professionellen Agenda einen Bildungsauftrag verfolgt, will sie privat niemanden missionieren. Trotzdem werden der vermeintlich Heiligen regelmäßig und ungefragt die Sünden gebeichtet. Wenn ihr etwa veganes Essen bei einer Hochzeitsgesellschaft serviert wird, beginnt sich die Person neben ihr automatisch zu rechtfertigen: „Ich esse eh gar nicht so oft Fleisch!“ Oder wenn sie einer Bekannten ein Kompliment zu ihrem Pulli macht, und die beschämt antwortet: „Ja, ähhh, danke. Ist aber von Zara.“ Dabei sei Madeleine auch nur ein Mensch – wie sie selbst sagt. Und will das auch sein. „Man darf weltliche Gelüste haben! Man kann von niemandem erwarten, nur glutenfreien Haferschleim zu essen und nur im eigenen Land Urlaub zu machen.“ Man dürfe das Leben genießen, sagt sie. Und daher macht sie ihre (Un-)Taten auch transparent – selbst, wenn sie wie kürzlich, für den einen Flug im Jahr mal wieder geshamed wurde. Die harte grüne Community scheint zwar anbeten zu wollen, aber vergeben will sie nicht. Entweder man ist gut oder böse, so die Logik: „Satan oder Engel“, wie Madeleine pointiert.

Doch so sehr irdisches Verhalten bei einer Ikone auch enttäuschen mag, es gibt auch eine Kehrseite: den Erleichterungseffekt. Flora kennt dieses Gefühl von Erleichterung spätestens, seit sie ihre Karriere bei der Umweltorganisation startete. Einmal, als sie den stinknormalen Joghurt einer Billigmarke im Bürokühlschrank entdeckte – und ganz erstaunt über ihre eigene Reaktion war: Sie, die Veganerin, verdrehte nicht empört die Augen über ihren Fund – im Gegenteil, sie war total erleichtert und freute sich: „Hier machen Menschen Fehler – ökologisch gesehen. Wie schön!“ Und auch die Tatsache, dass in dieser Küche eine Mikrowelle stand, sichtlich benutzt, erleichterte sie. Auf einmal schien die Kolleg*innenschaft, zu der sie so aufschaute, nicht mehr unerreichbar perfekt, sondern normal und menschlich. Das tat gut.

Dennoch sieht Flora auch einen positiven Effekt im Schämen. Nämlich als regulierendes Moment: „Schämen kann eine unglaubliche Kraft entfalten, aber auch unglaublich destruktiv sein – nämlich dann, wenn aus Shaming Shitstorm wird.“ Es gibt eben einen Unterschied zwischen sich selbst schämen und beschämt werden. Der spürbare Druck gehöre trotzdem zur Pionierarbeit der grünen Bewegung dazu: Ohne ihn würde Flora beispielsweise nicht so überzeugt vegan leben, Second-Hand kaufen und komplett auf Kurztrips verzichten. „Ich will ja den Change – ich will, dass Tiere nicht weiter so gehalten werden und unser Planet drauf geht.“ Bloß dürfe es nicht elitär werden, ergänzt sie.

* Name von der Redaktion geändert. 

**Unsere Redaktion kooperiert mit biber  – was wir bei jetzt ziemlich leiwand finden. Als einziges österreichisches Magazin berichtet biber direkt aus der multiethnischen Community heraus – und zeigt damit jene unbekannten, spannenden und scharfen Facetten Wiens, die bisher in keiner deutschsprachigen Zeitschrift zu sehen waren. biber lobt, attackiert, kritisiert, thematisiert. Denn biber ist "mit scharf". Für  ihre Leserinnen und Leser ist biber nicht nur ein Nagetier. Es bedeutet auf türkisch "Pfefferoni" und auf serbokroatisch "Pfeffer" und hat so in allen Sprachen ihres Zielpublikums eine Bedeutung.

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