Hagen repariert kaputte Sneaker

Was andere Schuhmacher ablehnen, macht er zum Geschäft – im Sinne der Nachhaltigkeit.
Interview von Christina Waechter

Screenshot: Instagram/sneakerrescue

Kleidung gilt vielen Deutschen als Wegwerfware. Laut der Umfrage Wegwerfware Kleidung, die Greenpeace 2015 durchgeführt hat, besitzt jede*r Deutsche durchschnittlich 95 Kleidungsstücke (Socken und Unterwäsche nicht mit einberechnet). Auch Schuhe werden mehr und mehr zu einem Wegwerfprodukt: Mehr als die Hälfte der Befragten gaben an, ihre Schuhe höchstens drei Jahre lang zu nutzen und dann wegzuwerfen. Diese Mentalität will Hagen Matuszak ändern. Der 23-jährige Berliner hat nach seiner Ausbildung zum Schuhmacher begonnen, in seiner Werkstatt olle Turnschuhe zu retten, indem er sie repariert. Und kann sich mit dieser Geschäftsidee vor Kunden kaum retten. Wir haben mit ihm gesprochen. 

jetzt: Hagen, eigentlich bist du gelernter Orthopädieschuhmacher, also vom Fach. Wann wurde dir klar, dass du nicht ewig diesen Job machen willst, sondern was Eigenes ausprobieren?

Hagen Matuzsak: Das war mir schon immer klar. Ich bin in den Job ja eher reingerutscht, weil das mein Vater auch macht. Aber ich habe von Anfang an gedacht, dass ich mal was Eigenes machen will – und zwar nicht im Rentner-Bereich, sondern eher etwas in meiner Altersklasse. Irgendwann habe ich dann angefangen, meine eigenen Sneaker zu reparieren. Dabei ist mir die Idee gekommen, daraus einen Beruf zu machen. Ich habe dann geschaut, ob auf die Idee schon andere Menschen gekommen sind. Aber es gibt ja nicht so viele Schuhmacher und vor allem keine jungen. Als ich gesehen habe, dass es das noch nicht gibt, hab ich angefangen.

Wie viele Schuhe bekommst du ungefähr im Monat?

Es läuft wirklich gut, wir reparieren momentan 200 bis 250 Paar Sneakers im Monat und bekommen weit mehr Anfragen als Schuhe, ungefähr 60 am Tag.

Wer hilft dir?

Meine Freundin kümmert sich um die Anfragen, meine kleine Schwester macht die Fotos und ich habe einen Freund angestellt, der mir beim Reparieren hilft. Gerade suche ich noch jemanden, der Lust hat, Sneaker zu reparieren.

Das könnte schwierig werden, oder? Schuhmacher ist ja nicht gerade ein gefragter Ausbildungsberuf ...

 Das ist wirklich nicht einfach. Die meisten Schuhmacher sind Ende 50 und ich möchte gerne ein junges Team aufbauen. Deshalb habe ich mich jetzt auch entschlossen, abseits des Berufs nach jemandem zu suchen, der handwerklich begabt ist und Lust auf den Job hat.  

Was sind denn die häufigsten Schäden, die du reparierst?

Meist sind die Sohlen durchgelaufen oder sie haben ein Loch im Fersenbereich, weil das Mesh, der Stoff, aus dem die meisten Sneaker sind, zu dünn war.

Und wie viel Arbeit steckst du in so einen Sneaker?

Das kann ich nicht pauschal sagen, aber ich schätze, im Schnitt brauche ich zwei oder drei Stunden pro Paar.

„Die größeren Marken haben überhaupt kein Interesse daran, uns Original-Sohlen zu verkaufen“

Musst du beim Reparieren oft improvisieren?

Wir befinden uns gerade in der absoluten Forschungsphase. Wir schauen, wie man die Patches möglichst originalgetreu reparieren kann, denn es ist fast unmöglich Original-Material zu bekommen – besonders die größeren Marken haben überhaupt kein Interesse daran, uns beispielsweise Original-Sohlen zu verkaufen. Aber mit kleineren Sneaker-Marken haben wir auch schon zusammengearbeitet, die versorgen uns mit ihren Original-Sohlen.

War Nachhaltigkeit auch eine Motivation für dich, das Unternehmen zu gründen?

Klar, Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Aspekt. Ich meine, wenn Schuhe drei Monate oder ein halbes Jahr halten, bevor man sie in die Tonne kloppen kann, dann hat das mit Nachhaltigkeit überhaupt nichts zu tun. Und wenn man Gegenstände repariert, handelt man automatisch nachhaltig. Mir persönlich ist aber Fairness den Produzenten gegenüber am wichtigsten. Wenn man bedenkt, dass in Leute in asiatischen Ländern unsere Sneakers für zwei Euro am Tag produzieren – und wir ohne Ende konsumieren, dann bedeutet das, dass wir die Arbeit dieser Menschen nicht wertschätzen. Deshalb haben wir uns auch vorgenommen, demnächst einen Teil unserer Einnahmen an Organisationen zu spenden, die diese Menschen unterstützen.

Hast du Pläne, euer Geschäft weiter auszubauen?

Wir würden gerne Ende des Jahres einen eigenen Laden aufmachen und suchen gerade nach einer passenden Immobilie. Momentan leben wir ein bisschen arg im Start-up-Modus, Werkstatt und Wohnung gehen quasi ineinander über.

Hast du denn Tipps für uns, wie man seine Sneakers möglichst lange erhalten kann?

Klar habe ich die und es ist wirklich ganz einfach:  Man sollte natürlich immer schön seine Schuhe putzen und imprägnieren. Wenn man sie nicht trägt, sollte man Schuhspanner reintun, damit das Material möglichst geschont wird. Und wenn sie kaputtgehen, sollte man nicht zu lange warten, bevor man sie reparieren lässt und nicht ewig weiter damit durch die Gegend latschen, sonst sind sie nämlich irgendwann nicht mehr zu retten.

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