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„Die Klimakrise nimmt Frauen die Möglichkeit, finanziell unabhängig zu sein“

Rosalie hat in Sierra Leone eine lokale Gruppe von Fridays For Future gegründet.
Foto: Roseline Isata Mansaray

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Die Auswirkungen der Klimakrise bedrohen die Lebensgrundlage von Menschen weltweit. An manchen Orten sind die Folgen schon heute besonders zu spüren. In den Klimatagebüchern berichten Menschen davon, wie sich das Leben in ihren Regionen durch die Klimakrise verändert. 

In der fünften Folge berichtet Roseline Isata Mansaray, 29, aus Sierra Leone davon, wie sie verstand, dass die sozialen Probleme in ihrer Heimat mit der Klimakrise zusammenhängen. Ihr Hauptthema ist Geschlechterungleichheit – denn Frauen sind stärker von der Klimakrise betroffen als Männer.  

„Auf Social Media hörte ich zum ersten Mal von diesem jungen Mädchen, Greta Thunberg. Ich war für mein Studium nach Uganda gegangen und hatte begonnen, mich mit der Klimakrise zu beschäftigen. Da wurde mir bewusst: All das, was ich seit meiner Kindheit erlebt hatte, hat irgendwie mit dem Klimawandel zu tun. In Sierra Leone lernten wir nichts darüber in der Schule. Meine Eltern sind Bauern und ich wuchs eine Zeit lang bei Verwandten in der Hauptstadt Freetown auf. Oft rief meine Mutter mich an und erzählte, dass ihre Pflanzen nicht richtig wuchsen. Die Ernten waren häufig schlecht – aber uns war nicht bewusst, dass das eine Auswirkung der Klimakrise ist. Das habe ich erst im Studium verstanden, wo ich besseren Internetzugang hatte und viel darüber lesen konnte.  

In meinen Recherchen fand ich auch heraus, dass Sierra Leone eines der ärmsten Länder ist und von verschiedenen Faktoren der Klimakrise getroffen wird. Und das stimmt, ich habe so viele Klimakatastrophen gesehen in meinem Land: Brände, Überflutungen, Erdrutsche, Dürren – die Menschen leiden darunter.  

Deshalb habe ich im Januar 2020 Fridays for Future in Sierra Leone gegründet. Wir haben quasi bei null angefangen. Mittlerweile sind wir rund 2500 junge Menschen, vor allem Schulkinder, da wir eng mit Schulen zusammenarbeiten. Doch wenn ich zu sehr über die Klimakrise nachdenke, macht mir das eine Riesenangst. Und ich bin wütend, weil ich merke, dass wir nicht alle die gleichen Rechte haben. Für mich wirkt es, als würde ein Teil von uns Menschen priorisiert – nämlich diejenigen im globalen Norden mit Zugang zu sämtlichen Ressourcen. Als junge afrikanische Frau fühle ich mich dagegen diskriminiert und nicht respektiert. Die Menschen im globalen Norden denken nicht an diejenigen, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind. Und das sind hierzulande vor allem die Frauen. Denn die Klimakrise nimmt Frauen die Möglichkeit, finanziell unabhängig zu sein, besonders in Ländern, die stark von der Landwirtschaft geprägt sind.  

Bei uns in Sierra Leone arbeiten mehr Frauen als Männer in der Landwirtschaft. Hier sind Frauen dafür verantwortlich, dass es genug zu essen gibt, sie müssen Feuerholz sammeln, Wasser holen und das Überleben ihrer Kinder und Familien sichern. Wenn zum Beispiel Starkregen die Felder zerstört, dann sind Frauen noch stärker unter Druck. Meistens sind es die Töchter, die dann nicht mehr zur Schule gehen, um ihren Müttern bei der Feldarbeit zu helfen. Deswegen fehlt es vielen von uns an Bildung. Aber wir Frauen haben in der Gesellschaft eine wichtige Rolle, wir müssen auch das Recht haben mitzureden, wenn politische Entscheidungen getroffen werden. Ich brauche keinen Politiker, der für mich spricht, ich kann gut für mich sprechen – ich brauche einen Platz am Tisch.  Besonders wichtig wäre es, dass auch junge Frauen einbezogen werden. Denn bei Klimakatastrophen verlieren viele Familien alles, sie haben von einem Tag auf den anderen kein Haus mehr, keine Kleidung, kein Essen, nichts. Dann sieht man viele Mädchen und junge Frauen auf der Straße, die sich prostituieren, um ihren Familien das Überleben zu sichern. Das machen sie nicht, weil sie das wollen, sondern weil sie keine andere Möglichkeit sehen.  

Zusätzlich zu den Problemen, die durch die Klimakrise verursacht werden, leidet Sierra Leone unter den Folgen von Umweltzerstörungen. Wir haben zum Beispiel ein riesiges Problem mit Entwaldung. Bis 2002 herrschte hier Bürgerkrieg und im Zuge dessen wurde ein großer Teil des Waldes gerodet. Das hat bis heute zur Folge, dass wir mit Bodenerosion kämpfen und höhere Temperaturen erleben, da Bäume fehlen, die die Luft kühlen. Auch ein Großteil der Mangrovenwälder wurde abgeholzt, sie schützen die Küste vor Erosion und bilden eine natürliche Barriere gegen das Wasser. Wenn der Meeresspiegel steigt, fehlt jetzt dieser Schutz. Bis heute geht die Entwaldung weiter, ausländische Firmen fällen die Wälder und graben nach Gold, Diamanten oder Bauxit. Sie hinterlassen unser Land noch verwundbarer. All das verstand ich erst in Uganda. Für mich war klar, dass ich etwas tun musste. Also rief ich ein paar Freund:innen an und sagte: Wir müssen Kampagnen zum Klimaschutz machen und uns dafür einsetzen, dass die Politiker:innen etwas dagegen tun. 

Wenn man heute in die Schulen oder in die Nachbarschaften selbst geht und die Kinder fragt, was die Klimakrise ist, können sie das erklären. Sie lernen etwas über das Problem mit Plastikmüll in unseren Abwasserkanälen und erzählen ihren Eltern davon. Denn viele Menschen werden deswegen krank, sie bekommen zum Beispiel Durchfallerkrankungen, die von Moskitos übertragen werden, die in den verdreckten Abwässern brüten. Mittlerweile sammeln die Kinder den Müll auf dem Schulhof auf. Es macht mich glücklich, solche Veränderungen zu sehen.“ 

Mehr Informationen zu den Auswirkungen der Klimakrise auf Sierra Leone:

Sierra Leone gilt als eines der verwundbarsten Länder durch die Klimakrise, wie aus einem Bericht des United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) hervorgeht. 2021 hat das westafrikanische Land weniger als 0,01 Prozent zu den globalen Emissionen beigetragen. Doch schon heute ist es von verschiedenen Folgen der Klimakrise sehr stark betroffen, etwa durch Überflutungen, Schlammlawinen, Erdrutsche. Im Jahr 2017 starben rund 1000 Menschen in der Hauptstadt Freetown, nachdem massive Regenfälle eine Schlammlawine und eine Sturzflut ausgelöst hatten. Mehr als 3000 Menschen verloren dadurch ihr Zuhause. Für viele im Land ist eine Anpassung an Klimafolgen kaum möglich.

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