Wie geht nachhaltige Altersvorsorge?

Wenn man das eigene Geld investiert, unterstützt man damit oft nicht nachhaltige oder moralisch fragwürdige Unternehmen. Doch geht das auch anders?
Collage: Daniela Rudolf-Lübke / Fotos: Tech Daily, Unsplash / jcomp, freepik

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Zwei Ereignisse gab es im Leben von Daniel Pühringer, die seinen Blick auf Geld verändert haben. Das erste Ereignis war vor sechs, sieben Jahren. Daniel, 24, der in Wien lebt und heute als Informatiker arbeitet, war damals ein Teenanger, und schon eine Weile fand er spannend, wie sich Geld vermehren lässt. Nur von Bankberatern im Anzug hielt er nicht allzu viel. Im Internet aber fand er schnell heraus, dass man für Aktienkäufe keinem Anzugträger mehr vertrauen muss. Man schafft es ganz allein. Denn es gibt ja Youtube und Reddit, Facebook-Gruppen und Foren. Selbsternannte Experten tummeln sich dort genug. „Ich finde Finanzen einfach schon immer spannend“, sagt Daniel heute. „Ich will dank meines angelegten Geldes eines Tages selbst entscheiden können, wann ich den Job wechsle oder wann ich in Rente gehe.“ Mit 18 investierte Daniel zum ersten Mal in Aktien und ETFs (Exchange Traded Funds). 

Das zweite Ereignis, das Daniel beeinflussen würde, passierte etwa vier Jahre später. Damals demonstrierten bei Fridays for Future Zehntausende in etlichen Städten für ein entschiedenes Handeln gegen den Klimawandel. Greta Thunberg wurde zum Gesicht der Klimabewegung. Daniel brachte das zum Nachdenken: Über seine eigene Verantwortung, den Planeten zu schützen, über seine Verantwortung, ihn mit seinem Handeln zu zerstören – und darüber, was sein investiertes Geld damit zu tun hat.

Um am Aktienmarkt mitzumischen, braucht es nicht mehr das große Geld

Bei einem ETF fließt das Geld oft in hunderte, manchmal in tausende Unternehmen. Bei vielen Firmen geht es dabei jedoch keinesfalls um Nachhaltigkeit sondern um die beste Rendite. Und die beste Rendite erzielen oft eben auch Geschäfte mit Waffen, mit Mineralöl und mit Atomenergie. Daniel wollte das nicht mehr. „Ich möchte mit meinem Handeln nicht dazu beitragen, dass die Welt schlechter wird“, sagt er. Aber geht das überhaupt? Er musste er sich erneut Gedanken machen.

Ratlos zu sein, wohin man als junger Mensch sein erspartes Geld stecken soll – das klingt nach einem Luxusproblem. Und doch ist es eine Sache, die immer mehr jüngere Menschen beschäftigt: Die Zahl der 14- bis 39-jährigen Anlegerinnen und Anleger in Deutschland ist von 2019 zu 2020 um 46 Prozent gewachsen – auf nun 3,2 Millionen Menschen. Für das Sparbuch der Sparkasse gibt es kaum noch Zinsen. Gleichzeitig boomen Apps wie Trade Republic, weil man mit ihnen in kurzer Zeit Aktien kaufen und verkaufen kann. Der Finanzdienstleister ING bietet seit kurzem an, Sparpläne schon ab einem Euro im Monat abzuschließen. Um heute am Aktienmarkt mitzumischen, braucht es also nicht einmal das große Geld.

Der Erfolg konventioneller ETFs hat jedoch seinen Preis, jedenfalls einen moralischen. Denn wer sein Geld zum Beispiel in den MSCI World steckt, investiert unter anderem auch in: Lockheed Martin, einen Rüstungskonzern. In den Mineralölkonzern BP. Oder in Facebook. Firmen also, die aus ganz verschiedenen Gründen immer wieder kritisiert werden. Zwar sind solche Konzerne sicher nicht auf das Ersparte von ein paar 18-Jährigen Kleinanlegerinnen angewiesen. Doch bei einer Anlagezeit von beispielsweise 30 Jahren und einem monatlich eingezahlten Betrag von 50 Euro kommt am Ende immerhin ein investierter Betrag von 18 000 Euro zustande. 

„Will ich mit meinem Geld keinen Schaden anrichten? Oder will ich damit die Welt retten?”

Gleichzeitig wollen gerade Jüngere zunehmend möglichst genau wissen, was mit dem Geld passiert. Dass es nicht in Produkte gesteckt wird, die mit Kinderarbeit hergestellt werden. Dass niemand daran verdient, der Waffen produziert. Aber geht das überhaupt? Geld in den Kapitalmarkt investieren – und gleichzeitig etwas Gutes damit tun? 

Stellt man Christian Klein diese Fragen, sagt er ohne Zögern „Ja“. Er ist Professor an der Universität Kassel und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit nachhaltiger Finanzwirtschaft. „Es funktioniert. Man muss sich allerdings fragen: Will ich mit meinem Geld keinen Schaden anrichten? Oder will ich damit die Welt retten?“ Zweiteres sei schon deutlich schwieriger.

Wer bei konventionellen ETFs ein ungutes Gefühl hat, für den gibt es schon seit langem ETFs, die sich als nachhaltig bezeichnen. Sie werden nach Kriterien bewertet, die sich ESG (Environment, Social, Governance) oder SRI (Socially Responsible Investments) nennen und schließen bestimmte Branchen aus, zum Beispiel Hersteller von Waffen oder Firmen, die mit Atomkraft Geld verdienen. Und trotzdem bleiben auch solche ETFs ein Kompromiss.

„Man wird immer eine Firma drin haben, die man nicht haben will“

Christian Klein von der Universität Kassel beobachtet, dass die Nachfrage nach nachhaltigen ETFs zunimmt. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Interpretationen zu, was man unter „nachhaltig“ versteht. Erst vor wenigen Jahren hat er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen rund tausend Menschen dazu befragt, welche sieben Branchen sie aus einer Auswahl von 19 Branchen nicht mit Aktien unterstützen wollen. Dabei seien rund 500 verschiedene Ergebnisse rausgekommen. „Alt-68er wollen keine Waffen unterstützen und keine Atomkraft, Alkohol ist aber okay“, sagt Klein. Christliche Investoren wiederum möchten keine Pornografie und kein Glücksspiel finanzieren, während jene, die sich mit dem Klimawandel befassen, weder in Öl noch Kohle investieren wollen. Diese Vielfalt der Kriterien macht es schwer, genau den ETF zu finden, der alle Werte abbildet, die man ganz persönlich vertritt. Das wusste auch Daniel: Er hat sich für einen Kompromiss entschieden.

Seine Sparpläne hat er unter anderem auf die nachhaltige SRI-Variante des MSCI-World umgestellt. Der Versandhändler Amazon ist in diesem Index nicht mehr enthalten, dafür allerdings noch der Autobauer Tesla. Ein Unternehmen, das an der klimaneutralen Mobilität der Zukunft arbeitet, aber auch vielfach kritisiert wird – unter anderem für schlechte Arbeitsbedingungen. „Es ist immer ein Grau“, sagt Daniel. „Man wird immer eine Firma drin haben, die man nicht haben will.“

Ein anderer Kompromiss, den man mit einem nachhaltigen ETF eingeht, in die Rendite. Da nachhaltige ETFs verschiedene Branchen und Firmen bewusst ausschließen, sind in Summe weniger Firmen in dem Index enthalten. Weniger enthaltene Firmen bedeuten, dass das Risiko weniger stark streut. „Je mehr ich meinen ETF einschränke, desto riskanter wird es“, sagt Christian Klein. Ein fiktives Beispiel: Erlebt die Branche der Windenergie gerade eine Krise, führt das zu fallenden Kursen der entsprechenden Firmen. Gleichzeitig könnte es etwa der Kohleindustrie gut gehen, weil ihre Produkte gefragter sind. Bei einem konventionellen ETF könnten sich das Hoch der einen Branche und das Tief der anderen Branche ausgleichen. Bei einem nachhaltigen ETF, der keine Kohlekonzerne enthält, bliebe dieser Effekt womöglich aus – zulasten der Rendite.

Ein Blick zurück zeigt jedoch etwas anderes: „In der Vergangenheit hat man bei nachhaltigen Geldanlagen im Mittel mindestens die gleiche Performance gehabt“, sagt Christian Klein. Der konventionelle MSCI-World-ETF vom Anbieter iShares hat in den vergangenen zwölf Monaten um rund 27,19 Prozent zugelegt (Stand 21. Juni). Bei der nachhaltigen Variante waren es sogar 0,02 Prozent mehr.

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