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Foto: Pacific Garbage Screening e.V.

Die Verschmutzung der Weltmeere hat mittlerweile gigantische Ausmaße angenommen. Laut einer Studie der „Ellen MacArthur Foundation“, einer Non-Profit-Organisation, die sich für mehr Recycling einsetzt, schwimmen in voraussichtlich 30 Jahren mehr Plastikteile im Meer als Fische. Dabei gibt es Kunststoffe erst seit ungefähr 70 Jahren. Kaum vorstellbar was passiert, wenn diese Entwicklung genauso weitergehen sollte. Doch die 32-jährige Marcella Hansch hatte eine Idee: Im Rahmen ihrer Masterarbeit im Architekturstudium forschte sie zu einer Plattform, die Plastik und anders als die Erfindung des Niederländers Boyan Slat, sogar kleine Plastikpartikel aus Meeren und Flüssen filtern soll. Vor zwei Jahren gründete sie einen Verein „Pacific Garbage Screening“.

Wir haben mit Marcella Hansch über ihre Idee gesprochen:

Jetzt: Marcella, seit über fünf Jahren setzt du dich dafür ein, dass das Müllproblem in den Meeren bekämpft wird. Warum machst du das?

Marcella: Während meines Studiums habe ich die Liebe zum Meer entdeckt und auch einen Tauchschein gemacht. Wir sind vor ein paar Jahren auf ein altes Schiffsdeck getaucht und da lag super viel Müll. Ich habe das nicht mehr aus meinem Kopf gekriegt. Also habe ich für meine Masterarbeit ein Konzept entwickelt, das Plastikmüll und vor allem kleine Plastikpartikel aus dem Meer fischen soll. Dafür habe ich Bücher gelesen über Ozeanentstehung, Kunststoffherstellung, Strömungstechnik und mich sogar in Maschinenbau-Vorlesungen gesetzt. Ich wollte es komplett verstehen und habe mir gesagt: Ich möchte etwas entwickeln, was auch wirklich funktioniert.

„Wenn ein Fisch reinschwimmt, kann er hinten einfach wieder rausschwimmen.“

Und was ist dein Konzept?

Ein bisschen kann man sich das vorstellen wie ein umgekehrtes Sedimentierbecken in der Kläranlage. Das Wasser in einer Kläranlage wird beruhigt und alles, was nicht reingehört setzt sich am Boden ab. In den Meeren und Flüssen unserer Welt schwimmen aber vor allem Kunststoffe, die eine geringere Dichte haben als Wasser. Und wenn das Wasser völlig ruhig wäre, dann würden die Plastikpartikel alle oben schwimmen. Im Normalzustand werden sie jedoch durch die Strömungen auch unter Wasser gedrückt, in eine Tiefe von bis zu 30 – 50 Metern. Unsere Plattform soll durch ihre spezielle Bauweise und Form die Strömungen punktuell beruhigen, so dass die Partikel durch ihren eigenen Auftrieb nach oben steigen können.

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Marcella, 32, will die Meere und Flüsse vom Plastik befreien.

Foto: melight.de

Was passiert dann?

Die Plattform ist passiv, das heißt sie wird nicht angetrieben und ist fixiert an einem Punkt. Es gibt keine Maschinen die etwas ansaugen oder ähnliches. Wenn ein Fisch reinschwimmt, kann er hinten einfach wieder rausschwimmen. Aber alle aufgestiegenen Partikel können von der Wasseroberfläche abgeschöpft werden.

Was macht ihr mit dem abgeschöpften Plastik?

Plastik, das lange Salzwasser und UV-Strahlung ausgesetzt war, kann nicht mehr sinnvoll recycelt werden, da die Struktur von Kunststoffen zerstört wird. Allerdings ist eine Idee, aus den Plastikpartikeln Energie zu gewinnen, indem sie im Vergasungsverfahren in Wasserstoff und Kohlenstoffdioxid aufgespalten werden. Der Wasserstoff kann als Energiequelle für den gesamten Betrieb der Plattform genutzt werden. Das Kohlenstoffdioxid kann Algenkulturen als Nahrungsquelle dienen.

„Wir sind nicht das klassische Start-Up, sondern wir wollen unseren Planeten so ein bisschen retten.“

Das klingt alles noch sehr theoretisch. Wo steht ihr denn gerade mit eurem Forschungsprojekt? Gibt es schon einen Prototypen?

Nein, den gibt es noch nicht. Dazu fehlt uns noch die Finanzierung. In meiner Masterarbeit habe ich die Plattform als Modell für das Meer entwickelt. Wir wollen sie jetzt aber gerne in Flüssen und Flussmündungen platzieren und das Plastik herausfischen bevor es überhaupt ins Meer gelangt. Das stößt auch in der Politik auf Interesse. Dafür wollen wir gerade eine kleinere Version unseres Modells entwickeln. Der nächste Schritt wird dann eine Standortanalyse sein, um zu schauen, welche Flüsse überhaupt am meisten belastet sind.

Mittlerweile habt ihr ein Team von fast 50 freiwilligen ehrenamtlichen Mitarbeitern, obwohl es den Verein erst zwei Jahre gibt. Wie hast du das Ganze zum Laufen gebracht?

Vor drei Jahren bin ich auf den Lehrstuhl Wasserbau und Wasserwirtschaft in Aachen zugegangen und habe gefragt: „Könnte so eine Plattform in der Theorie überhaupt funktionieren, könnt ihr so was berechnen?“ Die meinten: „Ja, grundsätzlich schon“. Die ersten Ergebnisse der Berechnungen haben gezeigt, dass das Prinzip in der Theorie funktioniert. Vor zwei Jahren haben wir dann mit ein paar wissenschaftlichen Mitarbeitern vom Institut und Studenten überlegt, wo wir eigentlich hinwollen mit diesem Projekt.

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So soll die Plattform aussehen, für die Marcella aktuell Geld sammelt

Foto: PGS

Und wo genau wollt ihr hin?

Wir sind ein gemeinnütziger Verein und wir wollen zum einen die Technologie entwickeln, aber zum anderen auch auf die Problematik aufmerksam machen und das Bewusstsein dafür schärfen. Wir sind nicht das klassische Start-Up, sondern wir wollen unseren Planeten so ein bisschen retten (lacht). Das Ziel ist, dass wir in fünf Jahren Plattformen da ansetzen können, wo es sinnvoll ist. Und das sind erstmal Flussmündungen. Allerdings ist das auch abhängig von der Finanzierung.

„Immer wenn jemand meinte: Schaffst du nicht!, hat mein Dickkopf gesagt: Jetzt erst recht!“

Wie motivierst du Menschen, für dein Projekt zu arbeiten?

Ich habe eigentlich keine Leute gesucht oder überzeugen müssen, die kamen automatisch. Das merkt man auch total im Team - das ist diese Motivation. Es sind engagierte Leute, denen die Meere und die Zukunft unseres Planeten ebenso sehr am Herzen liegen wie mir. Ich habe schnell gemerkt, wenn wir die Welt verändern wollen, dann können wir uns nicht in einem kleinen Kämmerchen verstecken.

Wie oft hattest du mit Rückschlägen zu kämpfen?

Im ersten Jahr ist nichts vorangekommen, bis auf ein paar Impulsvorträge, die ich gehalten habe. Lange Zeit wurde ich belächelt gerade auch von Älteren: „Das kleine Mädchen. Du kannst die Welt nicht verändern. Du spinnst und das wird niemals klappen!“ Ich habe wirklich einen ziemlichen Dickkopf, der immer wenn jemand meinte: „Schaffst du nicht!“, gesagt hat: „Jetzt erst recht!“ (lacht). Letzte Woche habe ich zum ersten Mal in einer Diskussionsrunde der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und des Tagesspiegel gesessen, mit Politikern, Experten und Umweltaktivisten. Langsam sind wir auf einem Level, wo wir echt was bewegen können, gerade auch auf EU-Ebene – das ist schon beeindruckend.

Und jetzt - wie geht es mit eurer Arbeit weiter?

Hauptsächlich brauchen wir vor allem erstmal Geld. Mit ehrenamtlichen Mitarbeitern allein, ist die Arbeit und der Aufwand nicht mehr zu stemmen. Durch das Crowdfunding können wir zunächst weiterforschen, erste Stellen schaffen, aber noch lange keinen Prototypen bauen. Wir haben eine Kostenschätzung für die nächsten fünf Jahre aufgestellt, wir benötigen rund fünf Millionen Euro. Unter anderem brauchen wir das Geld für Machbarkeitsstudien um belastbare Zahlen zu bekommen, die fundiert und validiert sind und die Realisierbarkeit und Effizienz belegen. Erst dann, wenn wir wirklich sagen können: Es funktioniert in der Praxis und wir haben einen Prototypen, dann können wir an die Realisierung gehen.

Bis Freitag läuft noch Marcellas aktuelle Kampagne #netzgegenplastik. Für jeden Post, der den Hashtag #netzgegenplastik beinhaltet, erhält Pacific Garbage Screening einen Euro für weitere Forschungszwecke von der Initiative „Weltverbesserer".

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