„In den Medien wird mehr über weiße Schulkinder berichtet“

Tonny Nowshin wurde von Greenpeace nach einer Protestaktion nicht abgebildet. Nur ein Beispiel für Rassismus in der Klima-Bewegung, sagt sie.
Interview von Niko Kappel
tonny nowshin cover

Foto: Privat

Im Mai dieses Jahres proteststierten Aktivist*innen in roten Trockenanzügen im Dortmund-Ems-Kanal dagegen, dass das Steinkohlekraftwerk Datteln IV ans Netz geht. Bei der Aktion machten unter anderem Extinction Rebellion, Fridays For Future und Greenpeace mit. Eine der Aktivist*innen war Tonny Nowshin, eine 33 Jahre alte Ökonomin. Sie stammt aus Bangladesh und lebt in Berlin. Als Klimaaktivistin arbeitet sie unter anderem für die Umwelt-NGO Urgewald. Greenpeace twitterte nach den Protesten über die Aktion und bildete in dem Tweet Aktivist*innen ab –  Tonny nicht.

Tonny war die einzige Woman of Color, die an der Aktion gegen Datteln IV teilgenommen hatte. Sie schrieb daraufhin einen Artikel, der in der taz und im Online-Magazin Klimareporter veröffentlicht wurde. In ihrem Text warf Tonny der Klimabewegung Rassismus vor. Greenpeace entschuldigte daraufhin ausführlich. Uns hat Tonny erklärt, warum sie die Aktion von Greenpeace verletzt hat, wie hart Aktivismus während der Corona-Pandemie ist und warum es auch in der Klimabewegung Rassismus gibt.

jetzt: Tonny, wieso hast du den Text für die taz und den Klimareporter geschrieben?

Tonny Nowshin: Im Leben gibt es doch immer Wendepunkte. Ich denke, die Veranstaltung mit Greenpeace war eine solche. Gleichzeitig muss ich sagen, dass ich von meinen Mitkämpfer*innen sonst nicht so selektiv behandelt wurde. Anfang dieses Jahres habe ich zusammen mit anderen Aktivist*innen begonnen, eine BIPoC-Klimakonferenz zu organisieren. Wir haben versucht, Rassismus in der Umweltbewegung durch verschiedene Initiativen anzugehen. Ich denke, dieses Ereignis mit Greenpeace hat mich zu einem Punkt gebracht, an dem ich das Gefühl hatte, dass wir über Rassismus in der Klimabewegung in größerem Umfang sprechen müssen.

Du bist leider nicht die erste BIPoC-Klimaaktivistin, die nicht abgebildet wurde. Auch Vanessa Nakate wurde beim Klimagipfel in Davos von einer Nachrichtenagentur aus dem Bild geschnitten.  

Ja, Vanessa wurde von einem Journalisten der Associated Press aus dem Bild geschnitten. Das ist natürlich schrecklich und rassistisch. Aber der Journalist war nicht Teil der Bewegung. Ich wurde von Menschen innerhalb der Bewegung nicht abgebildet. Menschen, die ständig über soziale Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit sprechen. Menschen, die behaupten, sie kämpfen für die Rettung des Planeten. Daher ist ihre mangelnde Sensibilität für Rassismus nicht entschuldbar.

Wie ging es dir, als du den Tweet von Greenpeace ohne dich gesehen hast?

Ich fühlte mich sehr komisch. Am Anfang war ich mir nicht einmal sicher, ob ich mich darüber aufregen darf. Ich war nach der Aktion in Dortmund irgendwo auf der Autobahn, auf dem Weg zurück nach Berlin. Als ich den Tweet sah, lachte ich zuerst und erzählte meinen Mitreisenden, dass Greenpeace wohl vergessen hatte, dass ich heute überhaupt dabei war. Ich hatte den Tweet einer Freundin gezeigt. Sie sagte: „Das ist nicht in Ordnung, Tonny. Willst du sie nicht öffentlich darauf hinweisen?“ Ich erzählte ihr, dass ich keine Lust hatte, für Aufregung zu sorgen. Ich fühlte mich zwar falsch behandelt, aber ich war auch müde von der Aktion. Ich denke, die starke Reaktion meiner Freundin machte mir klar, dass das nicht nur in meinem Kopf ein Problem ist. Das zeigt, wie wichtig es ist, wenn Weiße als Allies (Verbündete, Anm. d. Red.) wirken.

„Mir wurde wegen meines Aussehens gesagt, dass ich doch bestimmt mein Land wegen einer Flut verlassen musste“

Dann hast du den Text geschrieben?

Ja. Weil ich eine Verantwortung gespürt habe, mich dazu zu äußern. Ich fühlte mich verantwortlich dafür, dass das, was mir passiert ist, in der Klimabewegung nicht mehr passiert. Weil mir klar wurde, dass es viel größer war als ich. Es ging um die Bewegung und so viele andere, die sich vielleicht nicht bei uns willkommen fühlten. Ich bin tief in der Klimabewegung verwurzelt und schon lange dabei. Wenn ich nicht spreche, wer dann?

Haben Greenpeace und die Klima-Bewegung ein Rassismusproblem?

Ja, denn Schwarze Aktivist*innen werden anders abgebildet als Weiße. Außerdem musste ich mir auch schon innerhalb der Klimabewegung Vorurteile und Sprüche anhören. Zum Beispiel wurde mir wegen meines Aussehens von einer weißen Person mal gesagt, dass ich doch bestimmt mein Land wegen einer Flut verlassen musste. 

Sind BIPoC in der Klima-Bewegung unterrepräsentiert?

Sagen wir so, es wird nicht genug dafür getan, damit sich BIPoC willkommen fühlen. Menschen merken, dass es Rassismus in dieser Bewegung gibt und deshalb wollen sie nicht mehr mitmachen. Soziale Räume wie Fridays For Future reproduzieren die in der Gesellschaft vorherrschende Machtdynamik. Als Bewegung, die die Gesellschaft zum Besseren verändern will, müssen wir diese Machtdynamik in uns selbst aufheben. Deshalb ist es für die Klimabewegung wichtig, über Rassismus zu sprechen und sich bewusst zu sein, dass es ihn gibt.

„In den Medien wird mehr über weiße junge Schulkinder berichtet“

Wird die Klimabewegung von weißen Menschen dominiert?

Das Problem ist eher, dass das so dargestellt wird. Historisch gesehen hat die Klimabewegung ihre Wurzeln in der Umweltbewegung. Diese wurde von den Ureinwohnern in Indien angeführt und von Schwarzen in den USA. Heute sind es tatsächlich die Aktivist*innen im globalen Süden, die in in verschiedenen Rohstoff-Frontlinien und Wäldern ihr Leben riskieren, um diese zu verteidigen. In den Medien wird mehr über weiße Schulkinder berichtet. Deshalb übernehmen die die Führung und repräsentieren die Klimabewegung. Die Antwort liegt also in der Machtdynamik unserer Gesellschaft: Wer hat Geld, wer schreibt die Geschichten, über wen wird berichtet?

Hast du die Entschuldigung von Greenpeace gelesen?

Ja. 

Wie fandest du die Entschuldigung?

Ich finde es gut, dass sie die Verantwortung übernommen und sich entschuldigt haben. Aber ich denke, die Art und Weise, wie sich Menschen entschuldigen, sagt viel über ihre Einstellung zum Thema Rassismus aus. Obwohl Greenpeace sich entschuldigt hat, versuchen sie sich trotzdem zu rechtfertigen. Wenn man sich für Rassismus entschuldigt und trotzdem versucht zu rechtfertigen, warum man rassistisch gehandelt hat, dann zeigt das, dass wir in dem Bereich noch einiges zu tun haben.

Wie sieht deine Arbeit als Klimaaktivistin während der Pandemie aus?

Vergangene Woche habe ich den Hambacher Forst besucht. Ich habe die Aktivist*innen dort kennengelernt. Ihr Kampf ist wirklich inspirierend. Wir haben innerhalb des Waldes eine Aktion gegen Kohleabbau gemacht und haben die leeren Dörfer nahe der Kohlemine von RWE angeschaut. Im Moment mobilisieren wir außerdem eine Kampagne gegen Fichtner, ein Stuttgarter Unternehmen, das in der Nähe der Sundarbans-Wälder in Bangladesch ein Kohlekraftwerk baut. Der Wald gehört zum UNESCO-Naturerbe und Fichtner will da einfach ein Kraftwerk hinbauen

Wenn du könntest – was würdest du jetzt und hier an der Klimabewegung ändern?

Wir brauchen ein höheres Bewusstsein für Privilegien und einen stärkeren Zusammenhalt unter den Kämpfer*innen. Es ist eine Krise, in der alle sozialen Ungerechtigkeiten stecken. Die Lösung für die Krise, muss also auch die Lösung von sozialer Ungerechtigkeit sein. Und Rassismus ist eine soziale Ungerechtigkeit.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes stand, dass Tonny Nowshin als einzige Teilnehmerin der Proteste von Greenpeace nicht abgebildet wurde. Diese Darstellung ist verkürzt. Sie ist  die einzige Woman of Color, die bei den Protesten mitgemacht hat. Sie wurde im Tweet von Greenpeace nicht abgebildet.

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