Wie elitär ist „Fridays for Future“?

Die meisten Teilnehmenden sind weiß und kommen aus der Mittelschicht. Das sorgt für Kritik.
Von Sophie Aschenbrenner

Illustration: Federico Delfrati

„Wohlfühlaktivismus auf Prenzlauer Berg Level“ – so kommentiert die Journalistin und Studentin Yasmine M’Barek auf Twitter die sogenannte „Bürger*innenversammlung“ für den Klimaschutz, die im Mai 2020 im Berliner Olympiastadion stattfinden soll. Ihr Kommentar bezieht sich auf einen Tweet der Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Darin bewarb sie jenes Event, bei dem 90 000 Menschen gemeinsam Petitionen für den Klimaschutz unterschreiben sollen – und dafür jeweils ein Ticket für 29,95 Euro kaufen müssen.

Die Fridays for Future-Kritikerin Yasemine M'Barek spricht mit ihrem Tweet ein Gefühl an, das viele Menschen bei der Bewegung haben: Sie sei elitär und abgehoben. Die Bewegung bestehe aus weißen Mittelschicht-Kids, die fürs gute Gewissen zwar nicht mehr bei H&M oder Zara einkaufen – sich den teuren, nachhaltigen Pullover aber eben auch leisten können. 

Die 20-jährige Yasmine M’Barek studiert in Köln. Sie sagt: „Mir als Person of Color fällt es sehr schwer, mich von Fridays for Future repräsentiert zu fühlen.“ Das liege unter anderem daran, dass nicht-weiße Menschen dort nicht besonders sichtbar seien. Bei einer Studie des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung gaben nur 17 Prozent der Mitglieder an, einen Migrationshintergrund zu haben. Yasmine wünscht sich, dass diese wenigen zumindest sichtbarer werden: „Mir geht es darum: Inwieweit werden People of Color im Vorstand berücksichtigt, wann sitzen sie in Talkshows oder Panels, und inwieweit wird auch ihre Geschichte repräsentiert?“ 

„Die Szene, die sich für Klimaschutz einsetzt, ist insgesamt sehr weiß und privilegiert“

„Die Eltern der FFF-Aktivisten sind oft Akademiker“, sagt der deutsche Protestforscher Dieter Rucht. Er hat die Befragung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung mit durchgeführt. Die Befragung, für die Forschende Daten von Teilnehmer*innen der Fridays-for-Future-Proteste in acht verschiedenen Ländern und elf Städten erhoben haben, ergab weiter: 70 Prozent der Befragten fühlen sich der Mittelschicht zugehörig, knapp drei Prozent sogar der Oberschicht. Fast fünf Prozent gaben an, zur Arbeiter*innen-Schicht zu gehören. Rucht sagt auch: „Menschen mit Migrationshintergrund sind kaum vertreten.“ 

Einer von diesen wenigen ist Quang Paasch. Der 18-Jährige wohnt in Berlin und engagiert sich seit Herbst 2018 bei FFF. Er gehört zum Sprecher*innen-Kreis der Bewegung, sitzt immer wieder in Diskussionsrunden und Panels. Zu den Vorwürfen, dass die Bewegung weiß und elitär sei, sagt er schlicht: „Das stimmt. Die Szene, die sich für Klimaschutz einsetzt, ist insgesamt sehr weiß und privilegiert. Denn man kann nur nachhaltig leben, wenn man das nötige Geld dazu hat. Andere Menschen können sich mit diesem Thema nicht beschäftigen.“ Er betont aber auch: FFF sei offen, jede*r könne sich beteiligen. FFF bemühe sich in der vergangenen Zeit verstärkt um mehr Diversität. 

Quang vermutet, dass viele junge Menschen mit Migrationshintergrund trotzdem Hemmungen haben könnten, sich bei FFF zu engagieren. Zum Beispiel, weil es in der Debatte immer wieder um das Thema Flugscham gehe, für viele People of Color ein emotionales Thema: „Für viele Menschen mit Migrationshintergrund ist der Flug in die Heimat der Eltern sehr wichtig“, sagt Quang. Yasmine erinnert sich noch genau an die Schlagzeilen, die Luisa Neubauer machte, als sie Blockaden von Flughäfen als Mittel des zivilen Ungehorsams guthieß und verteidigte. Für Yasmine ein Zeichen dafür, dass „Menschen wie Luisa Neubauer ihre Privilegien nicht hinterfragen.“ Sie erzählt: „Mein Papa hat neulich ganz kurzfristig nach Flügen gesucht, weil meine Oma gestorben ist. Und wenn an so einem Tag dann der Flughafen blockiert ist, dann ist das eine Katastrophe.“ Es sei wichtig, die Schwächsten nicht zu treffen, betont Yasmine. 

Protest entsteht oft aus den Haushalten von Akademkier*innen heraus

Schließt die Bewegung also einen großen Teil unserer Gesellschaft aus? Sind diejenigen, die seit mehr als einem Jahr für das Klima demonstrieren, abgehoben und elitär? Das sei das falsche Wort, findet Protestforscher Rucht. Dennoch gehe für Fridays for Future eben kein repräsentativer Querschnitt der Gesellschaft auf die Straße. 

Doch Rucht betont auch: Das ist nicht nur typisch für FFF, sondern sei ein allgemeines Phänomen von Protest. Akademische Haushalte seien oft politischer – die Folge sei, dass die Kinder dieser Akademiker*innen eher auf die Straße gehen. Daraus schließt er aber nicht, dass sich nicht auch mehr Menschen engagieren könnten, deren Umfeld auf den ersten Blick vielleicht weniger politisch ist, zum Beispiel, weil Eltern oder Lehrer*innen für Klimaschutz sensibilisieren: „Wenn andere nicht auf die Demos gehen, aus welchen Gründen auch immer, dann kann man denen, die sich aktiv für Klimaschutz einsetzen, deswegen keinen Vorwurf machen“, sagt Rucht. Niemand werde aktiv von FFF ausgeschlossen.

Aktiv vielleicht nicht, passiv aber schon, findet Yasmine: „FFF kann sehr belehrend sein.“ Die meisten würden die eigene Schuld an der Klimakrise nicht hinterfragen, ebensowenig die eigenen Privilegien und den Eurozentrismus – also das Selbstverständnis, europäische genauso wie außereuropäische Gesellschaften immer auf der Grundlage von Werten und Normen zu beurteilen, die von Europäer*innen entwickelt wurden. 

„Die gut Betuchten sind oft auch die besonders großen Klimasünder“

Die westliche Konsumgesellschaft sei verantwortlich für die Klimakrise, betont die 20-Jährige. Zwar halte sie viel davon, dass Fridays for Future auf die Klimakrise aufmerksam mache und unermüdlich auf die Straße gehe. Sie wünsche sich aber einen anderen Fokus: „Innerhalb der Bevölkerung einen Kampf auszufechten, indem zum Beispiel SUVs behindert werden und das auch noch gefilmt und gefeiert wird, das gibt den Konservativen nur Futter.“ Man müsse größer denken, sagt sie. Die Politik nicht nur zum Handeln auffordern, sondern selbst handeln, in die Politik gehen, von innen heraus etwas ändern. 

Dass FFF heterogen ist, zeigt auch der Umgang mit der geplanten Veranstaltung im Olympiastadion. Während Luisa Neubauer das Event zunächst unterstützte und die zugehörige Crowdfunding-Aktion bewarb, distanzierten sich andere Ortsgruppen klar von der Veranstaltung. Derzeit bemühe man sich, eine Haltung dazu zu finden und sich zu entscheiden, inwieweit man das Event unterstütze, heißt es aus FFF-Kreisen. 

Rucht unterscheidet bei Fridays for Future zwei verschiedene Arten von Forderungen: Einmal die an die Politik. Und dann die Aufforderung an die Beteiligten, den eigenen Lebensstil zu überdenken und zu ändern. Diese Forderung richte sich zwar an alle Bevölkerungskreise, sagt Rucht. Doch er betont: „Die gut Betuchten sind oft auch die besonders großen Klimasünder. Sie reisen zum Beispiel öfter als Familien, die dafür gar nicht genug Geld haben.“ Diejenigen, die auf den Demos nicht präsent sind, hätten meist den kleinsten ökologischen Fußabdruck. Die Kritik der Aktivist*innen, sagt Rucht, müsse vor allem an das eigene soziale Umfeld gerichtet werden.

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