„Fridays for Future“ legt sich mit Siemens an

„Wir dürfen nicht konfliktscheu sein“, sagt ein Aktivist. Ein Besuch der Mahnwache in München.
Von Sophie Aschenbrenner

Foto: Tobias Hase / dpa

Am Ende wollen sie schweigen. 24 Stunden lang, in der Kälte, für das Klima – und gegen Siemens. Die Aktivist*innen von „Fridays for Future“, die sich an diesem Freitag in München versammelt haben, fordern endlich Ergebnisse. Mit einer Demo und einer anschließenden Mahnwache protestieren sie gegen den Energiekonzern. Genauer: gegen die Pläne des Unternehmens, an einer Kohlemine in Australien mitzuwirken. Denn Siemens soll schon bald eine Zugsignalanlage für die umstrittene Carmichael-Kohlemine liefern, die dem indischen Konzern Adani im australischen Bundesstaat Queensland gehört. Das Projekt steht schon länger in der Kritik. In der Mine sollen bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle jährlich gefördert werden – für die nächsten 60 Jahre.

Die Klimaschützer*innen fordern, dass Siemens auf dieses Geschäft verzichtet. Es ist das erste Mal, dass sich „Fridays for Future“ gezielt in einer bundesweiten Aktion gegen einen Konzern richtet – und gleich mit großem Erfolg. FFF-Aktivist Nick Heubeck startete dafür eine Petition gegen die Pläne von Siemens. Sie wurde mittlerweile von fast 58 000 Menschen unterschrieben und am Freitag im Siemens-Hauptquartier in München übergeben wurde.

Laut FFF hat Kaeser in den vergangenen Tagen etwa 70 000 solcher Mails bekommen

Und noch eine Aktion erhöht den Druck auf das Unternehmen: FFF hat auf der eigenen Website einen Brief an Siemens-Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser veröffentlicht. „Ich bin erschüttert über die Beteiligung Ihres Konzerns am Bau dieser Mine bzw. der dazugehörigen Infrastruktur“, heißt es darin. „Während Sie in Deutschland versprechen, Verantwortung für unser Klima zu übernehmen und bis 2030 klimaneutral werden zu wollen, unterstützen Sie in Australien ein rückwärtsgewandtes Vorhaben und die Zerstörung unseres Planeten und unserer Zukunft.“ Diesen Brief kann jede*r verschicken, mit zwei Klicks landet das Protestschreiben im Mailpostfach des Siemens-Chefs.  

Laut FFF hat Kaeser in den vergangenen Tagen etwa 70 000 solcher Mails bekommen. Und diese Mails wirken: Am Freitag hat sich Joe Kaeser mit Luisa Neubauer und Nick Heubeck von FFF getroffen, um mit den Klimaaktivist*innen zu diskutieren. 

Währenddessen protestierten FFF-Gruppen in mehr als 20 Städten in Deutschland vor verschiedenen Siemens-Standorten. Auf dem Wittelsbacherplatz in der Münchner Innenstadt haben sich am Mittag mehrere hundert Menschen versammelt. Sie tragen Schilder, auf denen Sprüche wie „Siemens – Schür kein Feuer“ oder „Es brennt genug“ stehen.

Viele der Demonstrierenden sind jung, es sind aber auch Vertreterinnen von „Omas gegen rechts“ da, ein älterer Mann trägt ein Plakat mit der Aufschrift „Oldies for Youngsters“. Der 23-jährige Abdullah ist gekommen, weil er „endlich Ergebnisse sehen will“, wie er sagt. „Was gerade in Australien passiert, ist sehr sehr wichtig. Es sollten sich viel mehr Menschen engagieren“, betont der Politikstudent, der in München lebt. Dass Siemens sich auf Gespräche mit den Aktivist*innen einlässt, findet er gut. „Miteinander zu reden ist das Wichtigste.“ 

„Hätten wir keine Hoffnung, dass sich irgendwas ändert, würden wir nicht auf die Straße gehen“ 

Reden sei schon wichtig, Handeln aber noch wichtiger, findet Antonia. Die 20-Jährige ist im Organisationsteam von FFF München. Fragt man sie nach ihrer Meinung zu den Gesprächen zwischen Joe Kaeser und Luisa Neubauer, sagt sie: „Ich habe mir schon gewünscht, dass das passiert. Und ich wünsche mir, dass Siemens den Auftrag kündigt.“ Glaubt sie wirklich, dass das passieren wird? „Hätten wir keine Hoffnung, dass sich irgendwas ändert, würden wir nicht auf die Straße gehen.“ 

Antonia engagiert sich in München bei FFF.

Foto: ACH

Während ein Teil der Demonstrierenden durch die Münchner Innenstadt zieht, bereitet das Orgateam die Mahnwache vor. 24 Stunden lang wollen die Aktivist*innen schweigend vor Siemens protestieren. Sie stellen einen Pavillon auf, bedecken den Boden mit Paletten. Ein paar Meter weiter liegen die Zutaten für das Abendessen: Nudeln mit veganer Gemüsesoße. Gekocht wird nicht vor Ort, sondern daheim bei Freund*innen der Demonstrierenden. Gegen die Januarkälte gibt es Tee – und viele Isomatten und Schlafsäcke. Keine Heizstrahler, keine Heizdecken. „Das wäre ja nicht ökologisch“, sagt Antonia. Sie hat vor, die 24 Stunden auf dem Wittelsbacher Platz auszuharren. 

David findet: Es ist gut, dass FFF konkrete Unternehmen kritisiert.

Foto: ACH

Auch David bleibt noch für die Mahnwache. Dass FFF jetzt auch ein konkretes Unternehmen kritisiert, findet er gut. „Wir dürfen nicht konfliktscheu sein“, sagt er. FFF habe sich lange gescheut, konkrete Kritik zu äußern. Das müsse sich ändern. Er sagt aber auch: „Es reicht nicht, dass wir immer wieder Unternehmen kritisieren und in der Folge dann vielleicht ein Umdenken stattfindet.“ Die Politik müsse handeln, und zwar schnell. 

Zu konkreten Ergebnissen kam es beim Gespräch zwischen Siemens und den Aktivist*innen am Freitagnachmittag derweil noch nicht. Kaeser und die FFF-Aktivist*innen traten getrennt vor die Presse. Eine Entscheidung hat Siemens noch immer nicht getroffen. Am Montag möchte Kaeser über den 18-Millionen-Euro-Auftrag entscheiden. Dafür bot er Luisa Neubauer einen Posten im Siemens-Aufsichtsrat an, damit die Jugend mehr Verantwortung übernehme. Luisa Neubauer ist darüber überrascht, wie sie nach dem Gespräch zu Journalist*innen sagte: „Ich bin heute sicher nicht zu Siemens gegangen, um Aufsichtsrätin zu werden.“ Für sie sei der Kern des Gesprächs ein ganz anderer gewesen: „Feuer in Australien und ein Kohleminenprojekt, das so nicht stattfinden darf.“

Um halb zwei Uhr Nachmittags kommt die Demo in München wieder zurück zum Wittelsbacherplatz. Manche Menschen tanzen, es läuft Musik, es werden Reden gehalten. Bis sich die ersten Panzertape über den Mund kleben. Die letzten Worte des Organisators vor Beginn der Mahnwache: „Wir haben keine Worte mehr.“ Dann wird es still. 

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