Horror-Mitbewohner: der Macho-Alkoholiker

Jeder hat schon einmal mit einem Menschen gewohnt, mit dem er sich absolut nicht verstanden hat. In dieser Serie stellen wir sie vor.
Von Lou Zucker
Illustration: Daniela Rudolf

Wohn-Situation:

Fünfer-WG

Geschlecht und Alter des Horror-Mitbewohners:

männlich, 39 Jahre

Horror-Stufe:

9 von 10

Der Horror:

Roland (Name geändert) war nicht nur unser Mitbewohner, sondern auch unser Vermieter. Er wohnte kostenfrei in der Eigentumswohnung seines reichen Onkels und lebte davon, die anderen vier Zimmer zu vermieten. Ansonsten machte er eher wenig in seinem Leben. Auch wenn er uns gerne ans Putzen erinnerte, räumte er noch nicht einmal hinter sich selbst auf: Er kochte, aß und stand vom Tisch auf. Und wenn niemand von uns sich darum kümmerte, blieben sein Geschirr mit den Essensresten, die Zigarettenstummel und die leeren Bierflaschen wochenlang unangetastet stehen.

 

Die Kaution von 740 Euro zusammen mit der ersten Monatsmiete hatte mein Konto völlig leer gefegt. Es war Februar als ich einzog und die launische Zentralheizung hatte keine Chance gegen die undichten Fenster und die hohen Decken in dem alten Gemäuer. Ich saß also in meine Bettdecke gehüllt am Schreibtisch und arbeitete, um schnell Geld für Essen und eine wärmere Decke zu verdienen, während sein Schnarchen aus dem Nebenzimmer den ganzen Nachmittag über die Wände erzittern ließ.

 

Obwohl er nicht nur unsere, sondern noch eine zweite Wohnung vermietete, schaffte er es immer, am Monatsende pleite zu sein. Dann klopfte er aggressiv an unsere Zimmertüren, selbst wenn wir schon schliefen, und verlangte auf der Stelle das Geld für die Strom- oder Gasrechnung. Von den 370 Euro kalt – im wahrsten Sinne des Wortes – die jeder von uns monatlich bezahlte, ohne je einen gültigen Mietvertrag dafür zu sehen, betrank er sich. Jeden Abend. Wenn man Glück hatte außer Haus, wenn man Pech hatte in der Küche.

Wenn Roland trank, suchte er Kontakt. Und leider war die einzige Form von Kontakt, die er kannte, sich über sein Gegenüber lustig zu machen oder einen ohne Zustimmung voll zu labern. Wenn ich nachts völlig erschöpft nach Hause kam und nur schnell mein Mittagessen für den nächsten Tag vorbereiten wollte, stand er neben mir und stichelte provokativ, ob ich denn eine Kommunistin/Feministin/Terroristin sei. Dass er nicht nur von Feminismus, sondern auch von respektvollem Miteinander im Allgemeinen nichts verstand, wurde mir klar, als er bei einem Abendessen mit meinen Freundinnen, zu dem ihn niemand eingeladen hatte, halb scherzhaft fragte, ob wir seinen Schwanz sehen wollten.

 

Die Tage verbrachte Roland mit Katern. Entweder drang das laute Schnarchen aus seinem Zimmer  oder er schlurfte rülpsend im Bademantel durch die Wohnung und pinkelte mit offener Tür. Manchmal lag er morgens, wenn wir zum Frühstücken in die Küche kamen, noch schnarchend auf dem Küchensofa. Einmal schreckte er auf, hielt sich die Hände vor den Mund, unter denen die Kotze schon hervor quoll, rannte ins Bad und erbrach sich. Das Frühstück war beendet.

 

Komplett gestorben war er für mich, als meine Mitbewohnerin, die schon länger dort lebte, mir von Rolands verbalen Belästigungen erzählte. In ihrem Beisein hatte er vor einem Kumpel kommentiert, dass er ihre Brüste ja auswendig kenne, oder geraten, wie ihre Vagina wohl geformt sei.

 

Ich kündigte Monate im Voraus an, dass ich gerne ausziehen wollte. Vor dem verabredeten Datum. Das passte Roland nicht. Meine Kaution sah ich nie wieder.

 

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