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Horrormitbewohner: Napoleon und die zwei fetten Kater

Jeder hat schon einmal mit einem Menschen gewohnt, mit dem er sich absolut nicht verstanden hat. In dieser Serie stellen wir sie vor.
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    Illustration: Daniela Rudolf/Janina Schmidt

Zunächst schien mir meine neue WG als ein bisschen verrückter, aber liebenswerter Haufen. Sie bestand aus Flo (dem Napoleon in dieser Geschichte –  etwa 1, 65 Meter groß, strähnige braune Haare, ein leichter Bauchansatz und ein herrischer Charakter, der sich später noch herausschälen sollte) und seiner Freundin Carla, der Sportstudentin Maria und Tina, einer Erasmus-Studentin aus Spanien*. Die Wohnung war bei der Besichtigung etwas chaotisch, aber das kennt man ja aus WGs. 

Flo und Carla hatten zwei extrem fette Kater, die von Flo sehr verhätschelt wurden und alles durften. Da ich Katzen liebe, war es mir auch egal, als es hieß, dass bitte tagsüber alle Türen offen bleiben sollten, damit die beiden Dickerchen die ganze Wohnung zur Verfügung hätten. Als ich mich darüber wunderte, warum die Toilette und das Bad keine Schlüssel hatten, sagte Flo, dass er das nicht wollte. Die Erklärung: Jemand könnte stürzen und sich verletzen und dann könnte man ihm nicht helfen. Auch die Zimmer durften wir aus diesem Grund nicht abschließen. 

Innerhalb der ersten Woche beging ich einen gravierenden Fehler: Ich wagte es, einen der beiden Kater hoch zu heben! Ich wurde direkt zurecht gewiesen, dass die Tiere es nicht mögen würden, wenn man sie auf den Arm nimmt, und ich das zu unterlassen hätte!  

Bald darauf zerkratzte einer der Kater meine Möbel, ich schimpfte ihn und warf ihn aus dem Zimmer. Später pinkelte mir das renitente Tier aufs Bett. Zähneknirschend erlaubte Flo mir daraufhin, meine Zimmertüre zu schließen. Er war jedoch nicht bereit, den Schaden oder eine Reinigung zu bezahlen, da es ja meine eigene Schuld gewesen sei – was hätte ich auch die Katze zurecht gewiesen. 

Nachdem Flo zwei Mal ins Bad geplatzt war, während ich unter der Dusche stand, blockierte ich die Badezimmertür von innen mit einem Stuhl. Daraufhin hielt Flo mir eine Standpauke, die sich gewaschen hatte, wie gefährlich das sei etc., blabla. Nachdem ich die Vermutung angestellt hatte, dass er wohl nicht zufällig ins Bad geplatzt käme, sondern andere Frauen bespannen wolle, warf er mich aus seinem Zimmer. Damit war die Diskussion beendet und er kam aber auch nie mehr ins Bad wenn ich duschte. 

Endgültig geschiedene Leute waren wir, als einer der beiden Kater unter sehr traurigen Umständen zu Tode kam. Es war ein wunderschöner Frühsommertag und der Kater bettelte darum, hinaus gelassen zu werden. Ich wusste, dass die beiden Tiere bei schönem Wetter häufiger draußen waren, also ließ ich ihn raus. Das war das letzte Mal, dass er lebend gesehen wurde, denn er wurde vermutlich noch am selben Nachmittag in einem Garten in der Nachbarschaft von zwei Hunden totgebissen. 

Carla sagte, dass es nicht meine Schuld wäre – aber für Flo war ich die „Katzenmörderin“

Als der Kater nicht nach Hause kam, durfte ich mir bereits einiges anhören, aber ich machte Aushänge und half fleißig bei der Suche. Ein paar Tage später rief mich Carla an, während ich in der Uni war. Ein Nachbar habe sich gemeldet und ihnen den toten Kater gebracht. Flo sei rasend und habe mir auch schon die Kündigung ins Zimmer gelegt. 

Ich war ziemlich geschockt. Carla sagte, dass es nicht meine Schuld wäre – aber für Flo war ich die „Katzenmörderin“. Die nächsten Tage gingen wir uns aus dem Weg, bis er mich ein paar Tage später mitten in der Nacht auf dem Flur „konfrontierte“. Ich blieb zu meinem eigenen Erstaunen ziemlich ruhig und hörte ihm eine Weile zu, während er mich wüst beschimpfte. In einer Pause fragte ich ihn, ob er jetzt bald fertig sei – da rastete er völlig aus. Er beschimpfte mich weiter und drohte mir Schläge an, während ich im Bademantel an der Küchentüre lehnte (man muss dazu wissen dass ich etwa 1,80 Meter groß bin und wohl etwas von oben auf ihn herab geschaut habe.) Inzwischen war Carla dazugekommen und flehte ihn an, sich zu beruhigen.

Vermutlich habe ich in dieser Nacht auch einige unschöne Dinge zu ihm gesagt, etwa für was für einen jämmerlichen, neurotischen Wurm ich ihn halte, aber das spielte keine Rolle mehr. Mit dem Hinweis, dass ich sämtliche Leute in meinem Freundeskreis darüber in Kenntnis setzen würde, dass er mir Schläge angedroht hatte und dass er, falls mir etwas passieren sollte, Besuch von der Polizei bekäme, ging ich wieder ins Bett. Ich verrammelte in dieser Nacht meine Türe. Am nächsten Tag zog ich vorübergehend zu meinem besten Freund in dessen WG. 

Ich bin danach in eine Einzimmerwohnung gezogen. Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Bis heute tut es mir fürchterlich leid um den armen Kater,

*alle Namen geändert

Bei diesem Text handelt es sich um den Beitrag einer jetzt-Leserin. Sie hat darum gebeten, anonym zu bleiben, ihr Name ist der Redaktion aber bekannt.

 

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