Horror-Mitbewohner: Der Kontrollfreak, der Lehrer werden wollte

Jeder hat schon einmal mit einem Menschen gewohnt, mit dem er sich absolut nicht verstanden hat. In dieser Serie stellen wir sie vor.
Aus der jetzt-Redaktion
mitbewohner from hell creepy post its cover
Illustration: Daniela Rudolf

Wohnsituation: Zweier-WG

Geschlecht und Alter des Horror-Mitbewohners: männlich, 26 (damals)

Horror-Titel: Der Kontrollfreak mit dem niedlichen Spitznamen

Horror-Stufe: 9 von 10

Der Horror: 

Kurz vor meinem Examen musste ich die Wohnung wechseln. Da wirkte es wie ein Glücksfall, dass beim Heiopei zufällig ein Zimmer frei wurde. Rückblickend erscheint es mir naiv, dass ich mich nicht schon damals gewundert habe, dass er a) nur Frauen zu Untermiete zuließ und b) diese Frauen nach einem halben Jahr wieder fluchtartig das Weite suchten.

Kurz zum Heiopei: Wir kannten uns damals bestimmt schon vier Jahre und waren gut befreundet. Er studierte Latein und Religion auf Lehramt, seinen Phantasie-Spitznamen hatte er selbst für sich erfunden, weil das keiner je für ihn gemacht hatte. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich in der Examenszeit und gab an, „den ganzen Tag zu lernen“.

So ganz stimmte das nicht: Um neun stand er nach einem Elfstundenschlaf auf und lüftete erst einmal kräftig. An das Frühstück schloss sich ein einstündiger „Übersetzungsmarathon“ von zehn Zeilen Lucan an, danach ein italienisches Mittagessen (italienisch deshalb, weil es mindestens 300 ml Olivenöl beinhaltete) mit überteuerten Zutaten vom örtlichen Feinkostladen. Seine Eltern zahlten das alles. Vom anschließenden Mittagsschlaf purzelte er gleich zum Espresso um drei und dann, ja, dann war der Tag ja auch schon wieder rum.

Schon in der ersten Woche gab es in der WG einen Dissens über den Standort meiner Mikrowelle. Hier nicht, dort nicht, vielleicht ja in deinem Zimmer mit Verlängerungskabel? Aber eigentlich bräuchte er die Mikrowelle auch gar nicht, da könne ich sie auch entsorgen.

In der zweiten und dritten Woche kam ich mir dann bereits unglaublich kontrolliert vor. Mein Zimmer wurde als Durchgangszimmer zur Terrasse genutzt und bei dieser Gelegenheit gab es immer Tipps. Tipps zur Einrichtung, zum Kochen, zum Lernen, zum Studium, zur Berufswelt, zu meinem Kleidungsstil usw. Ständig wurde von mir verlangt, zu sagen, wann ich mit wem wie lange wohin gehe und ab wann ich gedenke, wieder zu Hause zu sein. Kam ich zehn Minuten später als zuvor angegeben oder traf mich mit meinem Partner, wurde ich gerügt. Selbst meinen Müll kontrollierte Heiopei, um zu testen, ob auch die Joghurtbecher im gelben Sack ausreichend ausgespült waren. Wenn nicht, standen sie wieder auf der Anrichte, versehen mit einem Post-it „Bitte gründlicher ausspülen!!!!!“.

 

Generell wurde schon ab dem ersten Tag sehr viel mit Post-its und Ausrufezeichen kommuniziert – einseitig, versteht sich: „Bin gerade einkaufen, in 30 Min. wieder zurück“, „Bad noch nicht sauber genug!!!!! Reinigungstablette in Toilette werfen!!!!!“, „Biomüll muss JEDEN Tag um 9 geleert werden!!!!!“. Vielleicht dachte er, das verleihe ihm Autorität.

 

Er durchstöberte die Unterlagen auf meinem Schreibtisch, ging nach mir ins Bad und fragte, was genau ich dort gemacht habe

 

Erstaunt war ich auch, als mich Bekannte von ihm auf mein „wirklich süß eingerichtetes Zimmer“ ansprachen, aber ob ich denn „nicht noch einen Vorhang vor den offenen Kleiderschrank machen“ wolle, man sähe ja wirklich alles. Wie ich dann herausbekommen hatte, lud Heiopei gerne Bekannte zur „Wohnungsbesichtigung“ ein – mein Zimmer eingeschlossen. Das war besonders seltsam, da ich mein Zimmer immer absperrte.

 

Über die nächsten Wochen verschlimmerte sich Heiopeis pathologisches Kontrollverhalten: Er durchstöberte die Unterlagen auf meinem Schreibtisch, ging nach mir ins Bad und fragte, was genau ich dort gemacht habe, belauschte meine Telefonate und Gespräche mit meinem Freund und auch unseren Sex (ok, wir waren auch extra-laut, damit der arme Religions-Single was für sein Kopfkino hatte). Woher wir das wissen? Wir haben ihn erwischt, mehrfach. Das erste Mal war er einfach nur dumm, er ließ das Licht im Gang an und so konnten wir den Schatten seiner nervös tippelnden Füße unter unserer Türe sehen. Dann haben wir ihn immer mal wieder erwischt, wie er im Dunkeln im Badezimmer oder der Küche „nur kurz was gesucht“ hatte – die arme Wurst.

 

Richtig eskalierte es aber erst, als ich ihm nach drei Monaten erklärte, ich zöge wieder aus. Für ihn völlig unverständlich, es liefe doch so hervorragend. Mehrere bewarben sich auf das Zimmer, alle ließ er antanzen, obwohl er von vornherein immer gesagt hatte, dass er nur mit einer ledigen, jungen Frau zusammen wohnen wolle, die sein italienisches Savoir vivre auch zu schätzen wisse. Des Weiteren erwäge er nach mir, eine Probe-Miet-Klausel in den Vertrag einzufügen: Wer sich sechs bis acht Wochen als ehrbar genug erweise, dem würde er eine erstmalige Verlängerung auf sechs Monate gewähren. Alles Weitere zeige sich dann.

 

„Pff, was schon? Ist doch dein Müll. Außerdem gehört Müll zu Müll“

 

Dann musste ich feststellen, dass er wohl auch nachts in mein Zimmer kam, während ich schlief. Ab da sperrte ich nachts die Zimmertür immer ab und legte ein Messer auf meinem Nachttisch. Eines Abends – ganz kurz vor meinem Auszug – kam ich nach Hause und es stapelten sich alle möglichen Mülltüten vor meinem Zimmer: Bio, Glas, Dosen, Restmüll, Papier, Plastik. Ich ging in sein Zimmer, um ihn zu konfrontieren. Dort lag er – natürlich schon im Schlafanzug und süffisant grinsend – wie Cäsar auf seinem Bett und beantwortet meine Frage, was das denn solle, mit: „Pff, was schon? Ist doch dein Müll. Außerdem gehört Müll zu Müll.“ Ab da war Schluss. Ich habe alles fotografiert und bin für die Zeit bis zu meinem endgültigen Auszug woanders untergekommen.

 

Kurze Zeit nach meinem Auszug hat er noch mehrfach versucht, mich anzurufen und mir nachzustellen. Als ich wenige Tage später mein Fahrrad von der alten Wohnung holen wollte, war es zugestellt mit Müllsäcken und einem Post-it „Das ist dein Müll!!!!!“ Mein Vater nahm noch einmal kurz Kontakt mit ihm auf und erklärte ihm, er solle mich in Ruhe lassen, sonst würden rechtliche Schritte gegen ihn eingeleitet werden. Er verhielt sich – wie immer männlichen Autoritäten gegenüber – völlig devot. 

 

Ich bin froh, wenn ich ihn nie wieder sehen muss. Was er wohl jetzt macht? Unvorstellbar für mich, dass er wirklich Lehrer geworden ist und nun mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat. Ich hoffe, er hat irgendwie die Hilfe bekommen, die er bei so einem Verhalten offensichtlich dringend benötigt, diese traurige Wurst.

 

Die Autorin möchte Heiopei gerne hinter sich lassen und deshalb anonym bleiben. Ihr Name ist der Redaktion aber bekannt. Möchtest du auch von einer Horror-WG erzählen? Wir freuen uns über Einsendungen. Entweder per Mail an info@jetzt.de oder über unsere Facebookseite.

 

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