Dieses Paar zieht jeden Monat um

Alle vier Wochen ein neues Viertel von New York. Freiwillig.
Interview von Nadja Schlüter
nyc pa rchen

Christina, Felix und ihre zwei Jahre alte Tochter Emma wohnen sich durch ihre Stadt.

Foto: Roderick Aichinger / roderickaichinger.com

Warum in einem Viertel wohnen, wenn man auch einfach in allen Vierteln wohnen kann? Seit fast einem Jahr ziehen die Journalisten Christina Horsten (34) und Felix Zeltner (35) mit ihrer zweijährigen Tochter Emma jeden Monat in eine neue Wohnung in  einem anderen Teil von New York. Nebenher schreiben sie einen Newsletter an interessierte Abonnenten und führen ein Tagebuch auf Instagram. Ihr aktueller und vorerst vorletzter Wohn-Stopp ist das East Village. Ein Gespräch über eine Reise durch die eigene Stadt, bei der man mehr lernt als in jedem Urlaub.

jetzt: Die meisten Menschen sind froh, wenn sie mal eine Wohnung gefunden haben und wollen vorerst nicht mehr umziehen. Warum tut ihr euch das jeden Monat an?

Felix: Die Frage ist doch eigentlich: Warum nicht? Warum bleibt man da, wo man ist, warum wird man unbeweglich? Ja, wir haben mehr Stress mit dem Thema Wohnen als viele andere. Aber auch weniger als jemand, der beschissene Nachbarn hat, zu viel Miete zahlt oder jeden Tag eineinhalb Stunden zur Arbeit pendeln muss. Ist bei uns auch schon passiert – aber nach einem Monat war es dann eben auch wieder vorbei.

Christina: Wir haben es uns ja vor allem angetan, weil wir unsere Stadt besser kennenlernen wollten. Wir haben durch das Projekt so wahnsinnig viele neue Perspektiven auf die Geografie und die Menschen hier gewonnen, das wiegt die logistischen Herausforderungen drei Mal auf!

Packt ihr alle vier Wochen Kisten und bestellt einen Umzugswagen?

Felix: Wir haben uns so weit reduziert, dass wir mit drei, vier Taschen und Koffern im Taxi umziehen können. Ich hatte eine Zeit lang nur ein Paar Schuhe, und ich habe ein paar T-Shirts, die ich nicht mehr sehen kann. Aber das ist ein Luxusproblem.

Wisst ihr also jetzt, was man wirklich braucht und immer mitnehmen muss – und was nicht?

Felix: Wir ziehen ja immer in möblierte Wohnungen. Da brauchst du: ein Bett, einen Tisch, eine Couch und ein paar Stühle. Ein bisschen Küche. Mitnehmen musst du ein paar Klamotten und eine Zahnbürste.

Christina: Und Laptop und Handy. Ich habe immer noch Bücher dabei. Und eine kleine Kiste mit Spielsachen für Emma.

Felix: An Emma kann man auch sehr gut sehen, was „Zuhause“ bedeutet: Wenn wir eine neue Wohnung beziehen, fragt sie „neue Hause?“, wir sagen „Ja“ – und dann geht sie zu ihrer Kiste, fängt an zu spielen und ist total happy. Um den Ort an sich macht sie sich keine weiteren Gedanken, solange ihre Kiste da ist und sie die Menschen um sich hat, die sie lieben.

Wie funktioniert eure Wohnungssuche?

Christina: Am Anfang haben wir uns total naiv hingesetzt und dachten, wir buchen jetzt einfach alle Wohnungen für das ganze Jahr an einem Nachmittag über Airbnb.

Felix: Wenn wir 100.000 Dollar gehabt hätten, hätten wir das auch machen können…

Christina: Ja, alles war total überteuert und viele Wohnungen sahen schon auf den Fotos schrecklich aus. Noch dazu ist Airbnb in New York ja rechtlich unter Druck geraten.

Und dann?

Christina: Haben wir einen Newsletter abonniert, der von einer Künstlerin ins Leben gerufen wurde und in dem Leute Wohnungen zur Untermiete anbieten, wenn sie nicht da sind. Darüber haben wir fast alle Wohnungen gefunden. Die waren sehr oft sehr cool und die Vermieter wahnsinnig nett und interessant.

Wart ihr zwischendurch auch mal ohne Wohnung?

Felix: Ein Mal sind wir auf einen Betrüger reingefallen. Im Mietvertrag stand die „West 58 Street“ in Brooklyn, da gibt es aber nur eine „58 Street“. Das haben wir aber erst gemerkt, als wir dort vorm Haus standen und ein alter Mann die Tür aufmachte, der von nichts wusste. Zum Glück konnten wir dann spontan in einer Wohnung in dem ersten Haus, in dem wir gewohnt haben, crashen. Das war so ziemlich der Tiefpunkt unseres Projekts.

Habt ihr nach all den Erfahrungen ultimative Tipps für die Wohnungssuche?

Felix: Wir haben festgestellt, dass manche Menschen gerne „nach drinnen“ und andere gerne „nach draußen“ wohnen. Wer nach drinnen wohnt, braucht eine Wohnung, in der ganz viele Sachen sind und in der er sich einnisten kann. Was vorm Fenster passiert, ist ihm nicht so wichtig. Und es gibt Leute – und da gehören wir eher dazu – die Licht und wenige Gegenstände brauchen und für die auf der Straße vor der Tür viel los sein muss. Wenn man die Chance dazu hat, sollte man sich vor der Suche überlegen, was für ein Typ man ist.

Christina: Mein Tipp ist: Auch wenn man sich fühlt wie eine springende Schallplatte und denkt, dass man alle nervt – wenn man eine Wohnung sucht, muss man das einfach immer und jedem erzählen. Dann kommen auch die unglaublichsten Angebote aus den unglaublichsten Ecken.

Felix: Und Rumlaufen. Auf der Straße nach Angeboten suchen oder Hausverwaltungen und Hausmeister rausklingeln.

Wenn ihr dann eine Wohnung habt und eingezogen seid: Was macht ihr als erstes?

Felix: Ich suche nach Kaffee. Ich gehe am ersten Tag raus und schaue, wo der nächste Laden ist, in dem sich die Leute aus der Nachbarschaft treffen.

Christina: Ich gehe da immer sehr strukturiert ran. Wenn ich weiß, in welches Viertel wir ziehen, geht die Recherche los. Ich lese mich durch unseren Berg an New-York-Büchern, suche alles zusammen, was in der New York Times zu dem Viertel geschrieben wurden und googele mir die Finger wund: Wo sollte man essen, was sollte man anschauen? Das ist die theoretische Grundlage – und dann ist die Hauptsache das Erleben. Wir versuchen einfach, einen Monat lang so viel wie möglich im Viertel unterwegs zu sein und Leute kennen zu lernen.

Und ihr veranstaltet ein Mal im Monat ein „Neighborhood Dinner“ mit Bewohnern aus dem Viertel. Wen ladet ihr dazu ein?

Christina: Meistens etwa fünf bis sieben Leute, die dann ausführlich ihre Geschichten erzählen. Wir fragen Freunde und Bekannte, wen wir einladen sollen, und in der Zeitung stoßen wir auch oft auf interessante Menschen, die wir einfach anschreiben – wie die wahnsinnig coole, junge Frau, die in der Bronx einen Buchladen aufmachen will, weil der letzte dort voriges Jahr zugemacht hat. Oder das Paar aus Chelsea, das immer noch im Chelsea Hotel lebt, obwohl das gerade zu Luxus-Apartments umgebaut wird. Im East Village haben wir vor ein paar Tagen einen Typen auf der Straße getroffen, der ein Teleskop aufgebaut hat, durch das jeder auf den Mond und den Jupiter schauen durfte. Den haben wir auch direkt mal eingeladen. Alle sind immer begeistert und kommen gerne.

Felix: Die Stimmung beim Dinner ist überall eine andere. In der Bronx zum Beispiel kämpfen die Alteingesessenen gerade gegen die ersten Zeichen der Gentrifizierung. In Chelsea dagegen hat sie ihren Höhepunkt überschritten, da haben die Bewohner diesen Kampf schon gekämpft und verloren und sind trotzdem geblieben.

Spielte die Gentrifizierung als das Großstadtthema in jedem eurer Wohnviertel eine Rolle?

Felix: Wenn „Gentrifizierung“ die Veränderung einer Stadt hin zu teurerem Lebensraum bedeutet, dann auf jeden Fall. Allerdings auf verschiedene Art, denn diese Veränderung kann ja positiv oder negativ sein. Oft macht sie eine Neighborhood sicherer, schafft Infrastruktur, diversifiziert die Einwohnerschaft. Aber oft ist sie auch ganz brutal und sorgt dafür, dass Leute obdachlos werden oder ihre Community verlieren.

Im Moment seid ihr im East Village. Wie geht es jetzt für euch weiter?

Felix: Gerade haben wir noch einen etwas kniffligen Moment, weil wir für die erste Hälfte des Julis noch nichts haben.

Christina: Aber danach ziehen wir nach Seagate, ganz im Süden von Brooklyn am Strand.

Und danach?

Felix: Wir wissen nicht so genau, wie wir wieder sesshaft werden sollen. Also, falls du jemanden kennst, der uns finanziell helfen oder die Logistik abnehmen will, dann würden wir weitermachen…

Christina: Wir haben ja an so vielen Orten noch nicht gewohnt!

Felix: Und wir haben auch so wahnsinnig viel Unterstützung bekommen, unglaublich viele liebe Kommentare und Mails. Das hat uns echt durchs Jahr getragen. Ich habe es bisher noch nie erlebt, dass irgendwas, bei dem ich mitgemacht habe, so viele Menschen so sehr interessiert hat wie diese Schnapsidee!

Christinas und Felix' Newsletter kannst du unter nyc12x12.com abonnieren und auf dem Instagram-Account nyc12x12 kannst du ihr Foto-Tagebuch anschauen.

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