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„Wir müssen aufhören, unsere Identität nur in der Arbeit zu suchen“

Sinnforscherin Tatjana Schnell erklärt, wie man im Job glücklich wird.
Interview von Julia Wadhawan
  • tatjana schnell
    Illustration: Lucia Götz

Interview mit Tatjana Schnell, Professorin für Persönlichkeits- und differentielle Psychologie und Empirische Sinnforschung an der Universität Innsbruck.

 

jetzt: Frau Schnell, wenn wir auf eine Party gehen oder neue Leute kennenlernen, fällt irgendwann immer diese Frage: „Und was machst du so?“ Warum ist uns das so wichtig?

Tatjana Schnell: Das spiegelt eine gesellschaftliche Entwicklung wider: Wir verbringen eben die meiste Zeit mit Arbeit. Dadurch identifizieren wir uns zunehmend über sie.

 

Woher kommt diese Identifikation mit unserem Job?

Wir haben heute so viele Möglichkeiten wie noch nie. Wir haben die Wahl, wer wir sein und was wir machen wollen. Wofür wir uns entscheiden, sagt also viel über uns als Mensch aus, während in der Generation meiner Eltern zum Beispiel eher Wohlstand, Statussymbole und Familie wichtig waren.

Von Eltern oder älteren Menschen hört man heute häufig: ‚Ich wünschte, ich hätte so viele Möglichkeiten gehabt. Das müsst ihr nutzen!’ Ich habe mich irgendwann gefragt: Was bedeutet das denn? Und bin ich faul, dumm oder undankbar, wenn ich daraus keine besonders individuelle Karriere stricke?

Das erleben ganz viele so, das hat auch unsere Forschung gezeigt. Ungefähr die Hälfte der jungen Generation ist überfordert von allem. Die vielen Möglichkeiten bedeuten ja auch enorme Verantwortung. Viele erleben sich als inkompetent, ziehen sich eher zurück und wollen den Weg des geringsten Widerstands gehen. Ich habe das als existenzielle Indifferenz bezeichnet. Diese Menschen sind nicht besonders glücklich, aber auch nicht wirklich unglücklich. Die sagen einfach: Ich glaube nicht, dass ich irgendwas bewirken, gestalten oder verändern kann. Es ist wie es ist.

 

Muss ich das denn, um Sinn in meinem Job zu finden?

Unsere Daten haben gezeigt, dass ein Beruf dann als sinnvoll erlebt wird, wenn wir merken, dass andere etwas davon haben. Das ist Selbstwirksamkeit: Ich habe eine Bedeutung, ich werde gebraucht. Daneben müssen aber noch andere Kriterien erfüllt sein: Wir müssen mit den Zielen und Werten unseres Arbeitgebers übereinstimmen, uns zugehörig und wertgeschätzt fühlen. Und die Tätigkeit muss unseren Fähigkeiten und Interessen entsprechen. Zusammengefasst teilen wir die Bedingungen für sinnstiftende Arbeit in die vier Dimensionen Bedeutsamkeit, Orientierung, Zugehörigkeit und Passung.

 

Also doch die Welt verändern – und sich dabei selbstverwirklichen? Ist das nicht zu viel Druck?

Das wäre zu weit gefasst. Im Grunde hat ja jeder Job eine Funktion für andere, sonst würde niemand Geld dafür zahlen. Jede Verkäuferin, jede Reinigungskraft, jeder Busfahrer tut etwas, von dem andere profitieren. Das müssen wir uns bewusst machen und uns fragen, ob wir damit übereinstimmen. Der Arbeitgeber spielt dabei auch eine große Rolle. Er muss den Mitarbeiter diesen Sinn auch erfahren lassen und ihn wertschätzen. Wenn aber der Fokus nur darauf liegt, schneller und mehr Geld zu verdienen, kann das demotivierend wirken.

 

Eigentlich arbeiten wir aber doch, um Geld zu verdienen. Reicht das nicht aus? Ich nehme die Kohle und der Rest ist mir egal?

Ja, auch das ist ein wichtiger Punkt. Wir tendieren dazu, den Job zu glorifizieren. Aber er muss nicht mein Lebenssinn sein. Ich kann einen Beruf auch als sinnvoll erleben, weil ich dadurch meine Familie unterstützen kann oder die Mittel habe, andere Dinge zu tun, die mir wichtig sind: Reisen, Zeit mit meiner Familie und Freunden verbringen, kreative Arbeit, Ehrenämter. Trotzdem müssen die genannten Dimensionen auch in diesem Job einigermaßen erfüllt sein, sonst beginne ich ihn zu hinterfragen. Es ist alles einer Frage der Gewichtung.

Wie finde ich heraus, welcher Job für mich sinnvoll wäre?

Zu allererst muss ich mich selbst gut kennenlernen. Hier haben vor allem Jugendliche Probleme, weil es dazu zu wenig Möglichkeiten und Anleitung gibt. Wir müssen hinterfragen, warum wir etwas tun, denken oder fühlen. Woher kommen meine Ziele, sind das wirklich meine? Oder habe ich die aus irgendwelchen Filmen oder Serien übernommen? Auch Schulen sollten diese Aufgabe übernehmen und nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Selbsterkenntnis lehren. Und sie müssen viel enger mit Jobmittlern und Berufsberatern zusammenarbeiten. In Amerika können sie das etwas besser: Schulen laden dort immer wieder Alumni ein, damit sie von ihren Jobs erzählen. Dann würde ich noch sagen, dürfen wir uns nicht so sehr davon abschrecken lassen, Fehler zu machen. Man darf auch ausprobieren und seine Meinung später ändern. 

 

Kann der Sinn, den wir in einem Job sehen, uns auch überfordern? Stichwort Selbstaufgabe und Burn-Out.

Auf jeden Fall. Wenn alle Bedingungen einigermaßen erfüllt sind, dann bin ich manchmal so engagiert, dass ich dazu tendiere, mich auszubeuten. Wir müssen daher auch lernen, uns abzugrenzen. Und wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht ausnutzen lassen. Wer endlich einen für sich sinnstiftenden Job gefunden hat, ist oft so froh, dass er die Bedingungen nicht richtig verhandelt.

 

Wir lassen uns dann leichter über den Tisch ziehen?

Genau. Arbeitgeber nutzen diese Suche nach dem Sinn zunehmend auch aus. Eine amerikanische Studie fand zum Beispiel heraus, dass Zoowärter, die ihren Job aus Leidenschaft und Überzeugung machten, zwar besser arbeiteten – sie verdienten aber auch viel weniger als ihre Kollegen.

 

Wie muss sich die Rolle der Arbeit in Ihren Augen in der Zukunft verändern?

Durch Maschinen und Computer werden viele Berufe redundant. Ich sehe keine Alternative dazu, als zu schauen, was wir mit unserem Leben sonst noch anfangen können. Ich glaube daher, wir müssen aufhören, unsere Identität nur in der Arbeit zu suchen. Denn nicht jeder wird diesen Job finden, es wird nicht mal Jobs für jeden geben. Und wir müssen Arbeit neu definieren. Die Pflege und Betreuung von Angehörigen zum Beispiel – das ist auch Arbeit. Das müssen wir als Gesellschaft anerkennen und aufwerten, indem wir es entlohnen. Es gibt kleine Bewegungen, die dafür kämpfen. Das bedingungslose Grundeinkommen etwa. Das finde ich extrem sinnvoll. Weil es dazu führt, dass wir uns wieder fragen: Was sind wir Menschen eigentlich sonst noch? Und was können wir? Was ist uns wichtig? 

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