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Illustration: Federico Delfrati

Wer sich, wie ich, in seiner Freizeit manchmal mit Alkohol beschäftigt, wird irgendwann feststellen: Beim Trinken geht es nicht nur um das Was, sondern vor allem um das Wie. In anderthalb Jahrzehnten habe ich Alkoholzufuhr in so ziemlich jeder Lage ausprobiert: zusammengeknautscht auf dem Sofa, sitzend am Tisch, gequetscht auf der Eckbank, kniend vorm Späti, dümpelnd im Pool und liegend auf der Wiese. Um das mal vorwegzunehmen: Die ideale Position ist und bleibt hockend am Tresen.

Das wissen scheinbar noch nicht alle. Wenn ich mit Freunden eine sehr volle Bar betrete, passiert oft das: Köpfe zucken nach rechts, nach links, irgendwann fragt einer verschämt: „Tresen?“ Vielleicht hat der Tresen einen eher schlechten Ruf, weil sich eben auch mal einsame Schnapsleichen oder Flirtmaschinen daran festkrallen. Aber ich will genau hierhin, ins Herzstück der Bar.

Der Platz an der Bar erlaubt einen Blick hinter die Kulissen

Chef’s Table heißt der Tisch im Restaurant, von dem man in die Küche gucken kann. Jeder, der schon mal versucht hat, ihn zu reservieren, weiß: Der Platz ist etwas Besonderes. Denn von hier hat man den besten Ausblick auf das, was anderen verborgen bleibt. Genau so wie am Tresen.

Zumindest blickt der, der an der Bar sitzt, hinter die Kulissen. Ich kann den Chef bei seiner Arbeit beobachten; sehen, ob er nebenbei Cola schlürft, Fischli isst oder sich drei Finger breit Schnaps einschenkt. Ich kann von ihm lernen, dass man Minze nicht einfach zerhackt, sondern besser kurz zwischen den Fingern zerreibt und so vielleicht etwas von der Magie des Drinksmischens mitnehmen.

Und das ist vielleicht der größte Vorteil: Am Tresen bin ich ganz nah an dem, der die Getränke mischt. Ich merke: Ist er nervöser Anfänger oder Destilat-Spezialist? Liebt er Craft Beer oder komplizierte Cocktails? Ist er gut drauf oder grantig? Im besten Fall kommen wir ins Gespräch. Verstehen wir uns, sorgt der Barkeeper nicht nur dafür, dass ich stets frische Getränke habe, sondern teilt vielleicht auch seine Tüte Fischli oder trinkt gegen später einen mit.

Je länger ich am Tresen sitze, desto mehr Details kann ich entdecken: alte Bandaufkleber an der Kasse, Postkarten, Maskottchen, Schilder oder Fotos von der Betriebsfeier. Ich sehe, ob alles per Hightech-Kassensystem abgerechnet wird, oder noch mit Kuli auf Zetteln. Ob Kleingeld in Plastikbechern sortiert wird oder der Barkeeper im Notfall auch mal seinen eigenen Geldbeutel rausholt. Kurz: Ich kriege ein Gefühl für den Ort und die Menschen, die ihn ausmachen. In einer meiner Lieblingsbars klebt am Tresen eine kleine Kupferplakette mit dem Namen eines Stammkunden, Willy. Unter seinem Namen sind die Jahreszahlen eingraviert, in denen er hier saß.

Diese Nähe zum Herzen der Bar ist gut für Neugierige, aber auch für die, die gerne trinken. Ich kann alle Flaschen an der Wand anschauen und dabei zum Beispiel einen japanischen Whiskey entdecken, oder bei einer exotisch aussehender Flasche Ouzo hängenbleiben und beschließen: Das probiere ich jetzt mal. Nebenbei mischt sich der Barkeeper vor meinen Augen durch die Karte. Sieht lecker aus? Dann einfach über den Tresen rufen: „Auch so einen, bitte!“

Ist der Draht zum Barkeeper etabliert und der erste Drink gewählt, geht es erst richtig los. Einen Arm auf die Theke aufgestützt, den anderen am Drink, nippe ich und tue das, was man hier am besten tut: beobachten. Ich sehe Menschen kommen und gehen, Freunde, die sich umarmen, Gruppen, die zusammen feiern und Menschen auf Dates, die einander erst unbeholfen Küsschen geben, nach dem dritten Drink dem anderen aber am Hals saugen. Im schummrigem Barlicht sieht das alles aus wie Großstadtkino.

Trinken am Tresen gewährt Geselligkeit, aber auch eine gewisse Unverbindlichkeit

Zusammen am Tresen sitzen ist übrigens doppelt schön, weil man all das gemeinsam sehen und darüber flüstern kann. Aber auch Alleinsein geht hier sehr gut. Irgendwer ist immer da, mit dem man ins Gespräch kommt. Trinken am Tresen gewährt Geselligkeit, aber auch eine gewisse Unverbindlichkeit. Wer genervt ist, kann sich einfach umdrehen. Das macht den Tresenposten so einmalig.

Oft sind alkoholbefeuerte Tresengespräche das, was vom Abend zurückbleibt. Fremde werden zu Tresenfreunden, oder zu einem ganzen Tresenfreundeschwarm. Die Stunden zerfließen mit den Eiswürfeln im Glas und irgendwann fährt der Barkeeper mit einem Lappen über das Holz. Für solche Abende wurde das wunderbare Wort „versacken“ erfunden. Wo kann, nein, wo darf man das noch, außer Zuhause?

Der Zauber des Tresensuffs verpufft übrigens genau in dem Moment, wenn man gegen drei Uhr Morgens den Arm von der Theke hebt und torkelnd vom Hocker rutscht. Gut, wenn man dann einen Tresenfreund hat, der einen auffängt.

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