Die Hausbar ist das erste Zeichen der Frühverspießung

Kennt ihr keine Kneipen, Leute?
Von Johanna Roth

Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es gerade geht, lieber Leser – bitte immer daran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol. 

Wenn Menschen älter werden, werden sie seltsam, und das fängt nicht etwa erst mit der Senilität jenseits der 60 an. Die ersten Schrullen zeigen sich immer schon dann, wenn man sesshaft wird, also je nach Lebensweg meist so Ende 20, Anfang 30. Man fängt an, auf Designermöbel zu sparen, statt Ikea leerzukaufen, und fährt zum ersten Mal an denselben Urlaubsort wie letztes Jahr, weil es da so nett war (und man einfach keinen Bock mehr hat, jedes Mal von neuem diese eine Bar zu suchen, in der aber „wirklich“ nur die Einheimischen trinken).

Dabei gibt es ein Symptom dieser Endzwanziger-Phase, das viel absurder ist als frühreifes Mallorca-Rentnertum: Man geht nicht nur nicht mehr feiern. Sondern man geht nicht mal mehr in Bars. Stattdessen holt man sich die Bar nach Hause. Mit drei verschiedenen Messbechern, Gewürz-Sets, um seinen eigenen Gin zu machen, echt teuren Gläsern und dem Wissen, welcher Drink in welche Glasform gehört.

Das wäre vollkommen in Ordnung, wäre das ganze wirklich Genuss und nicht so oft einfach nur eine Riesenshow, um zu verbergen, dass man selbst langsam verspießert, sich für das Nachtleben seiner Stadt nicht mehr interessiert und selbst samstagabends nicht mehr rausgehen mag, kurz: sich in die eigene Elterngeneration verwandelt. Die einen klingeln dondraperhaft mit ihren Eiswürfeln im 70-Euro-Whisky, die anderen rühren und seihen wie die Irren, um am Ende frustriert festzustellen, dass der Old Fashioned im Vergleich zu dem aus der Lieblingsbar einmal mehr zu süß schmeckt. Oft und gerne auch vor Gästen, die dann einen irritierten Blick kassieren, wenn sie als Party-Mitbringsel eine gewöhnliche Flasche Tanqueray überreichen. (Man kriegt dann nämlich auch zu sämtlichen Geburtstagen nur noch Alkoholika geschenkt, weil alle sich wahnsinnig freuen, dass sie sich jetzt nicht mehr den Kopf zerbrechen müssen, sondern Geschenkideen quasi im Supermarkt finden.)

Damit wir uns nicht falsch verstehen – ich möchte niemandem die Vorliebe absprechen, sich zuhause gepflegt zu betrinken, sei es nun in Unterwäsche mit Bier auf der Couch wie die Finnen oder im Seidenpyjama mit Orangenzeste im Kristallglas. Beides ist schön und wichtig und soll hier auf gar keinen Fall unter Wert gehandelt werden. Nach einem miesen Tag nach Hause zu kommen und sich dann einen guten Whisky eingießen zu können, ohne dafür mit jemandem reden zu müssen, hat ganz sicher schon manche Karriere gerettet und ist auch ohne schlechte Laune ganz wunderbar.

Eine Hausbar ist im besten Fall Langeweile und im schlechtesten Fall Pose

Die Sache ist nur die: Sich ein goldverzinktes Wägelchen mit Alkoholika im Wert eines Ultra-HD-Fernsehers in die Wohnzimmerecke zu stellen, macht aus keinem von uns einen Humphrey Bogart oder einen ähnlich lässigen Mix- und Trinkgefährten. Wozu auch? Trinken taugt aus guten Gründen nicht zum Hobby, aber mit diesem bescheuerten Trend tun plötzlich alle so, als wäre genau das der Fall. Dabei kann nichts rauskommen, denn man wird zwangsläufig zum Genussnazi: Entweder stehen die ganzen guten Flaschen ungenutzt in der Gegend herum, was ja irgendwie auch nicht Sinn der Sache ist. Oder aber man hat jeden Abend einen sitzen und ärgert sich dabei, dass die Kommilitonen des Freundes den Premium-Korn (ja, it’s a thing!) geext haben wie zuletzt bei ihrer Abifete. Eine Hausbar, deren Umfang über das Zweckmäßige hinausgeht – also etwa Gin zum Mixen und Whisky zum Solo-Trinken, plus ein paar speziellere Sachen je nach Geschmack oder für besondere Anlässe –, ist im besten Fall Langeweile und im schlechtesten Fall Pose. Kann man machen, kann man aber auch lassen.

Der größte Nachteil einer Hausbar ist schließlich, dass sie zu Hause steht. Selbst wenn man – dieser Trend ist glücklicherweise endlich im Sterben begriffen – auch in der eigenen Küche eine Theke hat, ist sie eben nur ein Möbelstück und nicht, im Vergleich mit einem beliebigen Bartresen, eine ganze Welt, in der alles und nichts passieren kann. Auch und gerade ohne Gesellschaft ist die Theke immer noch der schönste Ort zum Trinken, an dem sich auch das allmähliche Schrulligwerden der eigenen Person viel besser ertragen lässt als im verstaubten Zerrspiegel des kaum genutzten Cocktailshakers zuhause. Und besser gemixt werden die Drinks von echten Barkeepern sowieso. Dafür lohnt es sich dann auch, die paar Euro mehr auszugeben.

Eine Hausbar ist also, wenn man nicht gerade in einem sauerländischen Luftkurort oder einer Eisbärenforschungsstation auf Spitzbergen wohnt, absolut verzichtbar. Im nächsten Lebensabschnitt (Hallo, Midlife-Crisis!) können wir dann gerne wieder drüber reden.

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