Alkolumne
Illustration: Federico Delfrati

Wenn ich in den USA auf öffentlichen Straßen ein Bier trinke, dann werde ich angeschaut, als hätte ich am Morgen vergessen, mir eine Hose anzuziehen. Öffentliches Trinken ist gesellschaftlich mal so gar nicht gerne gesehen und wird je nach Staat sogar mit hohen Bußgeldern bestraft. Das „Weg-Bier“ kennt in Amerika keiner, wohingegen bei uns in Deutschland öffentliches Trinken zur Feierkultur dazugehört. In Amerika verkaufen Schnapsläden wegen des öffentlichen Alkoholverbots zugeschnittene Papiertüten, in die genau eine Getränkedose passt. Beim Trinken hat man dann immer Papier im Mund und, obwohl es dann ja eigentlich legal ist, es fühlt sich ein bisschen so an, wie das Bahnfahren ohne Ticket.

Mir fehlt mein Weg-Bier

Nun zwingt mich ja keiner dazu, so eine Papiertüte überhaupt zu benutzen. Ich könnte ja auch einfach drinnen trinken. Aber als Deutscher in einem anderen Land fehlt mir das daheim so selbstverständliche Weg-Bier. Klingt irgendwie komisch, aber man stelle sich mal vor: Der vielen Münchnern heilige Feierabend im Sommer an der Isar? Sorry, ab jetzt ohne Augustiner. Das Grillen am Sonntag im Mauerpark in Berlin? No Wodka-Mate anymore.

Wenn man dann im Ausland doch versucht, das Gefühl vom Weg-Bier durch die braune Papiertüte zu reproduzieren, fühlt man sich schnell schlecht. Denn wo öffentliches Trinken verboten ist, wird einem stärker bewusst, dass Alkohol schädlich für uns ist. Das dämpft natürlich ein wenig den Partyspaß. Alkohol ist nicht mehr Lässigkeit und Lifestyle-Produkt, er ist falsch und gefährlich. Kommt man aus einem Land wie Deutschland, in dem die Menschen doppelt so viel Alkohol trinken wie der weltweite Durchschnitt, fühlt man sich doppelt schlecht.

Aber woran liegt es, dass wir Deutschen unseren Alkohol unbedingt in der Öffentlichkeit trinken wollen? Dass es sogar Proteste und öffentliches Massensaufen gibt, wenn er mal wieder von irgendwelchen Verkehrsbetrieben in den U-Bahnen verboten wird? Sind wir alle Alkoholiker, wenn wir auf unser Weg-Bier beharren?

Die Flasche Bier in der Hand ist nicht asozial, sondern hip

Nein, dass glaube ich nicht. Wir Deutschen verbinden einfach Entspannung gerne mit Alkohol. Sonnenuntergang gucken? Herrlich, mit einem Radler in der Hand. Grillen im Park? Gerne, lass davor aber noch einen Kasten bei Rewe holen. Irgendwie ist die Flasche Bier in der Hand für uns nicht mehr asozial, sie ist ein hippes Accessoire der Großstadt-Kids geworden. Wenn wir einen Banker im Anzug nach Feierabend mit einem Kolben in der Hand sehen, denken wir nicht: „Alkoholiker“. Wir denken eher: „Wie lässig ist der denn?“. Vielleicht liegt das daran, dass das Draußen-Trinken eines der Dinge geworden ist, bei denen der pflichtbewusste Deutsche einfach mal auf die Etikette pfeift. Der beanzugte Banker macht seine Halbe mit dem Feuerzeug auf und läuft nach Hause, in der einen Hand die Aktentasche, in der anderen Hand das Bier. Das entspannt nach der Arbeit und schmeckt halt einfach auch sehr gut.

Klar, wenn ich in einem anderen Land lebe, muss ich auch die Regeln und Gepflogenheiten respektieren. Dann wird eben zwischen Vorglühen und Club eine kurze Trinkpause eingelegt und der Fußweg zur Feier-Location notgedrungen ohne alkoholisches Kaltgetränk in der Hand bestritten. Mit dem Feierabendbier wird gewartet, bis zum heimischen Kühlschrank oder bis zur angestammten Theke. Und wenn das Weg-Bier einfach mal sein muss, dann gibt’s ja immer noch die, perfekt auf die Bierdose zugeschnittene, braune Papiertüte.