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Sie werden so schnell groß

Beim Anblick eines Welpen fällt es gar nicht so leicht, streng zu sein.
Illustration: FDE

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Hasi leidet. Hasi ist ein rosa Tuch von der Größe einer Serviette, in den Ecken jeweils ein Knoten als Vertreter für Hände und Füße, und auf einer Seite ist ein viereckiger Kopf angenäht mit zwei langen Schlappohren. So schlecht könnte ein Mensch gar nicht sehen, um diesen Fetzen als Hasen durchgehen zu lassen. Aber Sissi liebt das Ding und trägt es überall mit hin. Entsprechend sieht dieser Hase mittlerweile aus: Der Stoff ist abgewetzt und fleckig, an den Seiten hängen Fransen raus und am Übergang zum Kopf klafft ein Loch. Alles nicht weiter verwunderlich. Bloß das verschmierte Blut am Ohr, das ist dann halt irgendwie doch eigenartig. Ich suche meine Unterarme ab, ob Sissi mich beim Spielen mal wieder irgendwo aufgekratzt hat, aber da ist nichts. Besorgt wende ich mich an meine Freundin Theresa: „Schatz, ich glaube Sissi blutet“, sage ich und halte ihr den misshandelten Hasi vor.  

„Lass mal sehen“, sagt Theresa und setzt sich zu mir und Sissi runter auf den Küchenboden, wo wir gerade noch gespielt haben. „Vielleicht hat sie sich im Mund verletzt?“ Sie greift dem kleinen Cockapoo zwischen die Lefzen und zieht ihm vorsichtig das Maul auf. „Siehst du was?“   

„Da vorne! Da fehlt ein Milchzahn“, rufe ich aufgeregt. „Und hinten kommt auch schon ein neuer Eckzahn durch!“  

„Hallelujah“, jubelt Theresa. 

„Endlich“, seufze ich erleichtert.  

Die Szene erinnerte ein bisschen an zwei Schiffbrüchige auf offenem Meer, die sich die vergangenen drei Monate an ein Weinfass geklammert hatten, um nicht unterzugehen, und nun endlich Land am Horizont erkennen. Das ist natürlich ein überspitzter Vergleich. Aber Milchzähne sind viel spitzer als erwachsene Hundezähne und beim Spielen entsprechend schmerzhaft. Dass diese scharfen Waffen bald weg sind, ist ein Lichtblick. Vor allem aber wird der Zahnwechsel bei Hunden häufig herangezogen als Markierung für das Ende der Welpenzeit. Für Theresa und mich bedeutet das: Das Schlimmste ist nun fast überstanden. Vorbei das Anknabbern der Möbel und Stromkabel, und vor allem bald keine Pipipfützen mehr im Flur. Seit meiner Pubertät hatte ich keinen so großen Verschleiß an Taschentüchern und Klopapier mehr wie in den vergangenen Wochen.  

Es hatte sich zuletzt schon angedeutet, dass Sissi zum Junghund wird. Neulich fand ich beim Aufräumen des Ankleidezimmers meine Pantoffeln, die ich anfangs getragen hatte, um mich vor Sissis verspielten Bissen in die Fersen zu schützen, eingestaubt zwischen meinen Winterstiefeln und der Sportmatte. Mir war gar nicht aufgefallen, dass ich die nicht mehr brauche. Und wenn ich so darüber nachdenke: Es ist auch schon eine ganze Weile her, dass uns Passanten auf der Straße einen verzückten Blick zuwarfen. Heute haben die Augen der Fußgänger meistens nur noch eine Botschaft: „Sammeln Sie mir fei ja die Hundescheiße danach auf!“ Hach ja, sie werden so schnell groß. Zum Glück.  

Am Nachmittag fahren wir zum Tierarzt, um checken zu lassen, ob ein Milchzahn möglicherweise gezogen werden muss, weil der neue Zahn schon nachschiebt. Nicht, dass sie am Ende sonst noch so ein schiefes Gebiss wie ich bekommt. Im Wartezimmer spule ich im Schnelldurchlauf noch einmal die ersten vier Monate mit Sissi im Kopf ab. Die Sonntagnachmittage bei der Hundeschule, das nächtliche Aufstehen alle zwei Stunden, um mit ihr rauszugehen, die blutenden Arme und Beine, die Aufregung, als wir das erste Mal mit Sissi in der Innenstadt waren, um eine Uhr zu kaufen, die erste Herzattacke, als Sissi genüsslich auf Theresas neuer Cartier-Uhr herumkaute; kaum zu glauben, dass das alles nur ein paar Wochen waren.  

Heute bin ich mir nicht sicher, ob ich mich nochmal für einen Welpen entscheiden würde

Als wir uns im Dezember dazu entschieden hatten, einen Hund zu holen, wollten wir unbedingt einen Welpen. Heute bin ich mir nicht sicher, ob ich mich nochmal so entscheiden würde. Natürlich sind diese kleinen, unbeholfenen Fellknäuel wahnsinnig süß. So sehen sie aber nur etwa 18 Wochen lang aus – und man selbst hat sie sogar bloß zehn Wochen in dem Stadium, weil Welpen erst nach acht Wochen von der Mutter getrennt und vom Züchter abgegeben werden dürfen. Summa summarum bleiben einem also gerade mal zehn niedliche Sonntage mit dem Welpen. Und die bezahlt man mit einer gehörigen Portion Blut (Kratzer) und Tränen (Cartier-Uhr). Gleichzeitig habe ich in der Hundeschule Hundehalter:innen kennengelernt, deren Hunde aus Tierheimen stammen, die mein Bild vom verhaltensauffälligen Straßenhund von Grund auf neugemalt haben. Da waren Hunde dabei, so lieb und zutraulich, dass unsere kleine Sissi neben ihnen wirkte wie ein aufgestachelter T- Rex.  

Eine junge Frau steckt den Kopf ins Wartezimmer: „Familie Reich? Folgen Sie mir bitte.“ Die Dame führt uns ins Behandlungszimmer, wo die Tierärztin bereits an einem langen, bauchnabelhohen Tisch steht, auf dem sie die kleine Sissi liebevoll absetzt. Nach einem prüfenden Blick ins Maul gibt sie schnell Entwarnung: „So weit sieht alles gut aus. Wenn der linke Eckzahn in den nächsten zwei Wochen nicht anfängt zu wackeln, dann melden sie sich bitte nochmal. Aber im Moment müssen wir noch nichts tun“, sagt sie und gibt Sissi ein Leckerli.  

„Super“, sagt Theresa und fügt hinzu: „Was ich noch fragen wollte: Wann wäre eigentlich der beste Zeitpunkt, um sie kastrieren zu lassen?“  

„Damit würde ich bis nach der Pubertät warten“, sagt die Ärztin.  

„Alles klar“, sagt Theresa. 

„Verstehe“, sage ich, denke aber eigentlich: What? Wie? Pubertät? Das gibt’s auch bei Tieren?  

Im Auto google ich sofort „Pubertät Hündin“ auf dem Handy und lese meiner Freundin vor, was ich dazu im Internet finde: „Die Pubertät kann sieben bis 24 Monate dauern. In dieser Zeit ignorieren Hunde oft die erlernten Kommandos und sind phasenweise aggressiv oder ängstlich. Hündinnen werden das erste Mal läufig und bekommen ihre Regelblutung, die meist etwa zwei Wochen dauert. Bei manchen Hunden lohnt sich eine Hundewindel, um Flecken in der Wohnung zu vermeiden …“  Ich lasse das Handy sinken und stöhne laut auf. „Hört das denn nie auf?“

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