Die unterschätzten Meisterinnen ihres Fachs

Drei Handwerkerinnen erzählen, wie sie mit Klischees, Vorurteilen und dummen Sprüchen umgehen – und warum sie ihren Beruf dennoch ausüben.
Von Katharina Forstmair
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Fotos: Privat / Peter Büscher Fotoart

Wenn Jule Janson auf dem Bau arbeitet, spürt sie die neugierigen, ungläubigen Blicke der Passanten. Eine junge Frau auf einer Baustelle, das findet sie sogar selbst noch ungewöhnlich. Als ausgebildete Betonbauerin im Baugewerbe gehört die 20-Jährige zu der Berufsgruppe im Handwerk mit dem niedrigsten Frauenanteil. Nach den Statistiken des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH) sind gerade einmal zehn Prozent aller im Bauhauptgewerbe tätigen Personen weiblich.

Schon bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz hatte Jule es schwerer als ihre männlichen Kollegen: Sie habe sich bei drei Firmen beworben und von zweien sofort eine Absage bekommen, erzählt sie. „Ich kann mir schon vorstellen, dass die mich abgelehnt haben, weil ich eine Frau bin. Auch wenn die das natürlich nicht zugegeben haben, sowas kann man ja nicht zugeben.“ Inzwischen studiert sie Bauingenieurwesen, arbeitet nur noch in den Semesterferien und in den Uni-Pausen auf dem Bau.

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Jule Janson, 20, hat zwischen Abitur und Studium eine Ausbildung zur Betonbauerin gemacht. In den Semesterferien und Uni-freien Tagen arbeitet sie noch auf dem Bau.

Foto: Privat

Auch Jule Rombay ist eine der wenigen Frauen in ihrem Beruf. Mit 16 Jahren hat sie, anstatt Abitur zu machen und zu studieren, im Betrieb ihres Vaters eine Ausbildung zur Tischlerin angefangen. Damals habe sie sich oft gefragt, wie das von den anderen angenommen werde. Und:  „Werde ich dafür ausgelacht?“, sagt sie. Tatsächlich wurde Jule Rombays Vater von einem Kunden auch schon gefragt, ob seine Tochter auch noch etwas anderes könne außer Kaffee kochen. Das sei aber nur ein Einzelfall gewesen, sagt die Tischlerin. Die meisten Leute würden es super finden, dass sie diesen Weg gegangen sei.

Das fehlende Verständnis für Frauen im Handwerk liegt Ihrer Meinung nach an den vorherigen Generationen, die an der Reproduktion von Geschlechterrollen und dem schlechten Ruf von Handwerkerinnen mitgewirkt haben. „Die Menschheit muss das Denken ein bisschen umstellen. In den Köpfen muss ankommen, dass man als Frau im Handwerk ohne Abitur und Studium total erfolgreich sein kann. Man muss nicht immer mit dem Strom schwimmen“. 

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Jule Rombey, 21, hat im Betrieb ihres Vaters eine Ausbildung gemacht und dort letzten Sommer ihre Meisterprüfung absolviert.

Foto: Peter Büscher Fotoart

Schon lange versuchen Handwerkskammern und -Verbände mehr Frauen für das Handwerk zu begeistern. Sie gestalten Flyer und Plakate, produzieren Imagefilme und organisieren Veranstaltungen wie den Girls Day, um Frauen anzulocken. Diese Strategie scheint langsam zu funktionieren. „Das Handwerk wird weiblich“, steht etwa in der Zeit. „Weblich, clever, Handwerkerin“, titelt das Online-Magazin handfest und verweist auf die Statistiken des ZDH. Und tatsächlich, vergleicht man die Ausbildungszahlen in männerdominierten Berufen zwischen 2015 und 2019, zeichnet sich ein sehr kleiner Positivtrend ab. 

„Man muss seine fachliche Kompetenz immer wieder beweisen, etwas mehr als ein Mann“

Bei den Bäcker*innen ist der Frauenanteil innerhalb der letzten fünf Jahre von 18 auf 22 Prozent gestiegen, bei den Feinwerkmechaniker*innen von zwei auf sechs Prozent und bei den Tischler*innen von sieben auf 13 Prozent. „Es geht sehr langsam, aber es geht was“, fasst Carola Greiner-Bezdeka, Vizepräsidentin der Handwerkskammer für München und Oberbayern, den Trend zusammen. Als Elektroinstallateurmeisterin musste sie sich selbst oft gegen ihre männlichen Kollegen durchsetzen. „Man muss seine fachliche Kompetenz immer wieder beweisen, etwas mehr als ein Mann. Man steht schon stark unter Beobachtung“, sagt sie. 

„Das kriegst du eh nicht hin“. Das musste sich auch Johanna Kaiser schon oft, meistens von älteren Herren, anhören und ihr Können als Fahrzeuglackiererin immer wieder neu unter Beweis stellen. Manchmal wird sie in der Werkstatt von Kunden aufgefordert, doch mal den Meister zu holen. „Der steht vor Ihnen“, antwortet sie dann bloß.

Erfahrungen mit Vorurteilen und Klischees haben auch die anderen Handwerkerinnen gemacht. 36 Prozent aller im Handwerk tätigen Personen sind inzwischen weiblich. Dazu zählen jedoch vor allem Friseurinnen, Fachverkäuferinnen im Lebensmittelhandwerk, Konditorinnen und andere bei Frauen beliebte handwerkliche Berufe. Rund jeder fünfte Ausbildungsvertrag im Handwerk wurde laut ZDH 2019 von einer Frau abgeschlossen.

Allerdings hat Carola Greiner-Bezdeka die Erfahrung gemacht, dass ganz wenige Frauen in ihrem Ausbildungsberuf bleiben, sofern sie nicht einen Betrieb übernehmen oder sich selbstständig machen. „Es gibt viele Faktoren, mit denen man klarkommen muss, die entscheiden, ob man einen Job im Handwerk das ganze Berufsleben lang machen möchte“, sagt sie. Unter anderem sei das die körperliche Anstrengung: „Dem muss man als Frau schon gewachsen sein. Entweder eine Frau packt das, körperlich und mit dem ganzen Drumherum, oder sie packt es nicht.“

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Johanna Kaiser, 23, muss sich als Fahrzeuglackiermeisterin vor allem gegenüber älteren, männlichen Kunden beweisen.

Foto: Privat

Trotzdem stellt sie fest, dass immer mehr Frauen einen männerdominierten handwerklichen Beruf ergreifen. Viele Berufsfelder bieten immer mehr Möglichkeiten, einen Job zu finden, der perfekt für Frauen geeignet sei, sagt sie. „Mit dem digitalen Wandel werden die körperlichen Belastungen handwerklicher Berufe geringer, zugleich wächst der Bedarf an kreativem, kommunikativem und gestaltendem Potential“, heißt es auf der Webseite des ZDH. Jule Rombay sagt, sie kenne Chefs, die lieber Frauen einstellen, weil die in deren Augen genauer arbeiten und mehr Wert auf Sauberkeit und Ordnung legen würden. 

Und selbst wenn es körperlich anstrengend wird, sei  das kein Hindernis. Denn dann gebe es immer noch sehr hilfsbereite Kollegen, die mal beim Beton schleppen und beim Autotür ausbauen helfen, da sind sich die Handwerkerinnen einig. Denn von ihren Kollegen wurden sie immer herzlich aufgenommen, hatten nie das Gefühl, als Frau nicht akzeptiert oder benachteiligt zu werden.

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