horten
Illustration: Federico Delfrati

Das zwanghafte Horten fing vor etwa sechs Jahren an. Sina (Name geändert) war zwanzig Jahre alt und hatte gerade ihr ungeborenes Kind verloren. Ihr Freund und Vater des Kindes hatte es mit einem Tritt in den Bauch abgetrieben. Parallel betrog er Sina. Das und mehr führte zur Trennung. Der Verlust ihres Partners war schlimm, der Verlust des Kindes viel schlimmer. Am Schlimmsten war aber, dass niemand mit ihr darüber sprechen wollte.

„Unsere gemeinsamen Freunde hielten zu meinem Exfreund. Sogar meine eigene Mutter behauptete, ich hätte die Schwangerschaft nur erfunden. Niemand wollte glauben, dass er so gewalttätig sein konnte. Ich fühlte mich total allein gelassen“, sagt sie heute. Sina suchte Hilfe bei einem Therapeuten. Der fand, es gäbe keinen Grund für eine Therapie. Von da an war sie alleine in ihrer großen Wohnung und einsam in der Welt, alles fühlte sich leer an. Von ihr selbst unbemerkt, begann sie zu sammeln, was nichts oder fast nichts kostete. Sie baute Türme aus Prospekten, Kleidung und Büchern, teils höher als sie selbst.

Veronika Schröter ist Messietherapeutin, unter anderem Leiterin des Messie-Kompetenz-Zentrums in Stuttgart und Autorin des Buchs „Messie-Welten – das komplexe Störungsbild verstehen und behandeln“. Sie weiß, dass eine Geschichte wie Sinas typisch als Ursache für das Messie-Syndrom ist, unter dem Schätzungen zufolge etwa 2,8 Millionen Menschen in Deutschland leiden: „Betroffene decken inneren Schmerz äußerlich mit gesammelten Gegenständen zu. Das seelische Leid wird so auf eine chaotische Wohnung übertragen. Sina wendet die Liebe, die sie eigentlich an ihr Kind wenden wollte, nun an Dinge als Beziehungsstellvertreter. Je höher sie stapelt, desto mehr Geborgenheit und Wärme geben die Dinge. Zumindest auf illusorischer Ebene zeigt sich dann: 'Es ist doch alles gar nicht so schlimm. Ich hab doch was.'“

"Messies sind oft vielseitig interessiert und versuchen, durch Sammeln alles einzufangen, was lebendiges Leben beinhalten könnte"

Sina sammelte mit der Zeit immer mehr: Stofftiere, Tassen, Wolle, Putzmittel, Zahnbürsten und Shampoo. Vor allem aber Papier. Briefe und Briefumschläge bewahrte sie getrennt voneinander auf, das Chaos hatte System. Auch die größte Sammlung, die der Prospekte, wurde ordentlich aufgestapelt. Wenn ein Turm drohte, einzustürzen, wurde ein neuer gebaut. „Wegwerfen konnte ich die Prospekte damals nicht. Man hätte ja immer noch mal reinschauen können.“ Das sagt Sina heute mit 26, nachdem sie das Syndrom bei sich selbst erkannt und einigermaßen in den Griff bekommen hat.

Viele Messies sammeln ähnliche Dinge wie Sina. Am Auffälligsten: Die meisten sammeln Papier. Manche legen sogar ihre ganze Wohnung damit aus. Schröter findet daran vor allem eines interessant: Welche Art von Papier gesammelt wird. Denn häufig handelt es sich um Infomaterial wie Bücher, Prospekte oder Veranstaltungsbroschüren. „Messies sind oft vielseitig interessiert und versuchen, durch die Sammlung alles einzufangen, was lebendiges Leben beinhalten könnte. Sie schaffen sich so Erinnerungen an Momente, die sie eventuell gar nicht erlebt haben. Um etwas Spannendes zu erleben, muss man nämlich von sich selbst glauben, dass man es wert ist, daran teilzuhaben. Das tun die meisten Messies leider nicht“, erklärt Schröter.

Das geringe Selbstwertgefühl eines Messies manifestiert sich meist schon in der Kindheit durch die Beziehung zu den Eltern. Viele von ihnen wurden schon früh im Stich gelassen oder aber überbehütet und trauen sich deshalb selbst nichts zu. Auch Kinder, die in einem zwanghaften Familienverhältnis groß geworden sind, entwickeln mit der Adoleszenz oft das Messie-Syndrom. 

 

Immer, wenn Sinas Mutter auf Festen angetrunken war, erzählte sie ihr, dass sie die Schwangerschaft mit ihr gerne rückgängig machen würde. Ein Kind reagiert in solche Fällen häufig, indem es sich krampfhaft an die Vorstellungen der Mutter anpasst. Es will brav, leise, unauffällig sein. Um es der Mutter gegenüber „wieder gut zu machen“, versucht es also, möglichst wenig Raum einzunehmen. So engt sich auch der erwachsen gewordene Mensch später unterbewusst selbst ein – manchmal eben auch durch das Horten von Gegenständen.

 

Messies sammeln dabei auch bevorzugt Dinge, die sie an Kindheit oder Jugend erinnern. Sina hat zum Beispiel noch sämtliche alten Schulhefte. „Es sind eingesammelte Leben, die sich in den Wohnräumen stapeln“, erklärt Schröter.

 

Sina musste die Badewanne frei räumen, um duschen zu können. Danach trocknete sie sie und räumte die Sachen wieder hinein 

 

Dank RTL und Konsorten, die ausschließlich extreme Fälle zeigen, hat sich in den deutschen Köpfen ein falsches Bild von Messies eingenistet. In der Regel sind sie keine verwahrlosten Menschen, die mit haufenweise Schrott und Essensresten die Wohnung vermüllen, dann den ganzen Tag nur vor dem Fernseher sitzen und sich dem selbstgezüchteten Ungeziefer ausliefern. Bei den meisten Betroffenen bleibt es beim sogenannten „Horten und Sammeln“.

 

Schröter hat diesem ersten Ausprägungsgrad des Syndroms, das noch nicht als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt, aber auf dem Weg dahin ist, nun einen neuen Namen gegeben: Die „Wertbeimessungsstörung“. Damit will sie schon im Begriff deutlich machen, wie es zum Sammelzwang kommt: „Der Mensch trifft jeden Tag Entscheidungen, indem er Dingen Wert beimisst: 'Ist diese Sache wichtig oder nicht wichtig? Ist sie nützlich oder nicht nützlich? Ist sie schön oder nicht schön?' Messies können so etwas für sich allerdings nicht beantworten, denn sie messen schon sich selbst keinen Wert bei. Es wird also grundsätzlich alles als existentiell notwendig betrachtet.“  

 

Laut Schröter kommt es nur bei weiteren schwersten, psychischen Erkrankungen, wie Suchterkrankungen, Schizophronie oder Demenz, zur zweiten oder dritten Ausprägung des Syndroms. Die bezeichnet man dann als „Vermüllungssyndrom“, wenn es zum Beispiel Geruchsbildung und Ungeziefer gibt, und als „Verwahrlosungssyndrom“. Bei Letzterem geht es nicht mehr um die angehäufte Masse. Aber was da ist, ist morbide, viele Gegenstände sind kaputt.

 

Als Sinas Wohnung noch vollkommen zugestellt war, putzte sie etwa alle zwei Wochen mit großem Aufwand. Dann mussten alle Türme kurzfristig verrückt werden. Auch Sina selbst war und ist gepflegt. Das muss sie auch sein, denn sie verbringt die meiste Zeit außerhalb der Wohnung, ist Physik-Studentin mit Nebenjob und Beziehung. Jahrelang räumte Sina mindestens alle zwei Tage die Badewanne frei, um duschen zu können. Danach trocknete sie sie ab und räumte die Sachen, die darin aufbewahrt wurden, wieder hinein.  

 

„Der“ typische Messie hat zwar eine männliche Bezeichnung, ist aber eine „Sie“ und achtet sehr auf das eigene Äußere. Sie ist erfolgreich im Beruf, Perfektionistin, freundlich, sehr intelligent und kreativ. Oft ist sie trotzdem sozial isoliert, weil sie sich für das Chaos in ihrer Wohnung schämt.

 

Sie erzählte Elias zum ersten Mal von ihrem Problem und zeigte ihm die Wohnung. Der hatte so etwas schon geahnt

 

Laut Schröter ist das Syndrom in dieser Hinsicht auch als Schutzmechanismus zu sehen: „Messies sind oft überfürsorglich, können nicht „Nein“ sagen und werden von Anderen ausgenutzt. Da kann es helfen, zu denken: 'Bei mir sieht es so schlimm aus, da kann ja eh keiner rein.' Mit dem Chaos legitimieren sie unterbewusst vor sich selbst, dass sie einen Raum haben, der ganz ihnen gehört.“

 

Bis Sina 25 war, kam niemand außer ihr selbst und ihrer Mutter in die Wohnung. Der neue Freund Elias (Name geändert), betrat sie zum ersten Mal nach über drei Jahren Beziehung, nachdem Sina bewusst geworden war, dass sie etwas ändern musste. Denn 2016 kam ein Brief von der Hausverwaltung. „Die Nachbarn müssen durchs Fenster geguckt haben“, vermutet Sina heute. „Im Brief stand, dass es Beschwerden wegen Geruchsbelästigung gegeben hätte. Weil es bei mir aber nicht riecht – ich sammle ja keine Lebensmittelreste oder so – kann es eigentlich nur so raus gekommen sein.“

 

Sina sah ihre Wohnung plötzlich mit fremden Augen und sah auch, dass sie ein echtes Problem hatte. „Vorher gehörte das Chaos sozusagen zu meiner Einrichtung. Jetzt wusste ich aber, dass das einfach wirklich nicht normal ist“, sagt sie. Sina recherchierte im Internet und stieß auf ein Messieforum, meldete sich dort an, schrieb über ihre Probleme. Die Mitglieder verstanden ihre Lage und ermutigten sie, sich ihrem Freund gegenüber zu öffnen. Sie erzählte Elias zum ersten Mal von ihrem Problem und zeigte ihm die Wohnung. Der hatte so etwas schon geahnt und viel Verständnis. Es war der entscheidende Schritt in Richtung Ordnung.

 

Diesen Mechanismus sieht auch Schröter bei ihren Klienten: „Um das äußere Chaos in den Griff zu bekommen, hilft es nicht, am Symptom anzusetzen und einfach mal gründlich zu entrümpeln. Es muss Raum, Platz und Sprache finden, was mit den Stapeln versucht wird, zuzudecken. Erst dann können die Betroffenen Gegenstände frei geben, ohne daran zu zerbrechen“, sagt sie.

Nachdem Sina sich dem Problem gestellt hatte, war sie später bereit, sich von Vielem zu trennen. Elias kam mit einer Menge Mülltüten vorbei. Sie gab ihm Richtlinien: Alles, was am Boden lag, musste weg, auch die Prospekte. Nur wichtige Briefe zum Beispiel sollte er aufbewahren. Sie selbst tat sich sehr schwer, etwas auszusortieren: „Wenn ich daran denke, meine Sachen wegzuschmeißen, fühle ich mich sehr unwohl. Mein Kreislauf spielt verrückt, mir wird übel, ich zittere und werde richtig blass. Das Ausräumen kostet mich eine Menge Kraft“, sagt sie.

 

Die Trennung von den Gegenständen fällt leichter, wenn sie einen Sinn hat

 

Eine Woche dauerte es, bis die Bodenflächen einigermaßen frei geräumt waren. Am Ende mieteten sie ein Auto und fuhren Sinas alte Schätze eingeschnürt in 13 80-Liter-Säcken zum Wertstoffhof. Die Erleichterung kam nur schleichend. Wochenlang litt Sina unter dem Verlust ihrer Habseligkeiten.

 

Noch schlechter geht es meist Betroffenen, die nicht selbst entscheiden können, was zu welchem Zeitpunkt aus der Wohnung kommt. Trotzdem ist sich Schröter sicher: „Wenn es hart auf hart kommt und die Menschen kurz vor dem Wohnungsverlust stehen, braucht man Entrümpler. Denn das Syndrom treibt es manchmal auf die Spitze und der Zustand der Wohnung ist nicht zumutbar für Vermieter und Nachbarn. Die Räumung muss man dann aber einfühlsam vorbereiten, durchführen und vor allem auch nachbereiten. Denn eine Zwangsräumung ist eine dramatische Erfahrung, die einen Messie sogar in den Suizid treiben kann.“  

 

Heute arbeitet sich Sina immer noch langsam durch die Massen, die sich in den Schränken und Regalen verstecken. Bücher werden gespendet, Stoffe verarbeitet sie zu Schals und Mützen und verschenkt sie. Die Trennung von den Gegenständen fällt leichter, wenn sie einen Sinn hat.    

 

Immer wieder sieht sie jetzt Dinge, die sie lange nicht gesehen hat: „Als mir die Zahnpasta ausging, wollte ich nachschauen, ob ich noch eine Tube hätte. Gefunden habe ich Zahnpasta für locker fünf Jahre. Ich wusste nicht einmal, dass ich die gesammelt habe!“, sagt Sina. Nur zwei Tuben davon waren noch nicht abgelaufen. Der Rest liegt jetzt in einem 25-Liter-Sack in ihrem Flur. Sie bringt es noch nicht über sich, ihn zu entsorgen. Aber inzwischen kann sie den Leidensdruck formulieren und im Forum darüber schreiben: „Wieso geht es mir schlecht, wenn ich abgelaufene Zahnpasta entsorgen muss? Was hat abgelaufene Zahnpasta, was mir sonst fehlt?“ Es ist das beste Zeichen dafür, dass sie auch die Zahnpasta bald loslassen können wird.

 

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