„Wann immer Menschen uns mit dem Krankenwagen entdecken, gibt es Applaus“

Ein spanischer Sanitäter erzählt, wie dramatisch sich seine Arbeit mit dem Lockdown im Land verändert hat.
Protokoll von Dana Marie Weise

Seit dem 14. März befindet sich Spanien im Lockdown. 47 Millionen Spanier betrifft die Ausgangssperre – ein drastischer Schritt im Kampf gegen das Coronavirus. Anton ist 31 und arbeitet als ehrenamtlicher Sanitäter in Madrid, der Hauptstadt des Landes. Seine Arbeit hat sich durch das Coronavirus dramatisch verändert. Wie sein Alltag heute aussieht, erzählt er jetzt am Telefon.

Selfie in Schutzkleidung: Sanitäter Anton darf Patienten nur noch mit Mundschutz, Brille und Handschuhen behandeln. Ganz egal, ob sie Symptome zeigen oder nicht.

Foto: privat

„Ich arbeite seit einem Jahr als Sanitäter im Krankenwagen. Vor dem Ausbruch von Covid-19 waren unsere häufigsten Fälle leichte Verletzungen, Schwindelanfälle oder betrunkene Leute, die wir auf der Straße versorgt haben. Doch jetzt gibt es viel mehr Panikattacken oder Angstzustände. Das hat mit dem Lockdown zu tun, denn die Leute sind eingeschlossen, haben zu viel Zeit und dürfen kaum raus. Oder sie haben Angst vor dem Virus, Angst um ihre Liebsten, ihre Eltern und Großeltern. Es rufen auch Leute an, die denken, sie hätten Corona. Die werden dann vom häuslichen Notdienst versorgt. Wir haben aber auch auf der Straße Menschen gehabt, die auf dem Weg in die Apotheke oder in den Supermarkt kollabiert sind. Das könnten Symptome von Corona sein – doch wir können es nie bestätigen, da wir keine Test-Kits haben.

„Wenn jemand aus dem Team krank wird, wäre das ein absolutes Desaster“

Deshalb gibt es jetzt auch ein sehr strenges Protokoll für uns, damit wir uns nicht bei kranken Menschen anstecken. Wir tragen Masken, Schutzbrillen und Handschuhe. Wir müssen mit jedem Patienten so umgehen, als habe er das Virus. Das ist heftig, denn es kann sein, dass ich jemanden behandle, der eigentlich nur einen verstauchten Knöchel hat – aber jetzt müssen wir erst Maske, Handschuhe und Schutzbrille anziehen, als sei dieser Mensch total krank.

Es ist sehr wichtig, dass wir Sanitäter gesund bleiben, denn wir helfen der Bevölkerung. Wir retten viele Leben und wenn wir krank wären, wäre das ein Desaster. Es ist nicht nur so, dass du ausfallen würdest, wenn du krank bist. Sondern es könnte auch sein, dass wir arbeiten, ohne zu wissen, dass wir das Virus haben und es so verbreiten, denn wir treffen täglich auf viele, viele Menschen. So könnten wir Patienten und die Kollegen unbewusst anstecken.

 

„So habe ich Madrid noch nie gesehen – so leer und still“

Madrid ist normalerweise eine extrem lebendige und dynamische Stadt mit vielen Partys, einem ausgeprägten Nachtleben und sozialen Zusammenkünften. Es ist die Stadt auf der Welt mit den meisten Bars und Pubs pro Einwohner! Jetzt durch die stillen Straßen zu laufen, ist extrem seltsam. Jeder, den man sieht, ist mit Maske und Handschuhen geschützt. Es fühlt sich den ganzen Tag an, wie es sich früher nur um fünf oder sechs Uhr morgens angefühlt hat. So habe ich Madrid noch nie gesehen – so leer und still.

Am vergangenen Donnerstag vor dem Lockdown kam die Nachricht, dass Unis und Schulen landesweit schließen. Ab diesem Zeitpunkt änderte sich die Stimmung der Leute. Bis dahin war Corona etwas gewesen, das weit weg war und kein großes Problem zu sein schien. So klang es auch in den Medien. Doch dann wurde es ernst und die Leute begannen, sich Gedanken zu machen. Spanien ist eine warmherzige Gesellschaft. Wir berühren uns, wir küssen uns, umarmen uns normalerweise viel. Jetzt nehme ich wahr, dass die Leute viel kühler sind, Abstand halten. Vor allem, wenn sie in der Schlange stehen. Normalerweise stehen die Spanier hier dicht gedrängt. Die Leute versuchen jetzt aber auch, beim Reden Abstand zu halten. Für Spanien oder auch Italien ist das ganz seltsam, diese Distanziertheit.

Unsere Chefs hatten uns schon vorher informiert, dass die Situation sich drastisch verändern würde. Wir wurden darauf vorbereitet, mehr arbeiten zu müssen als sonst. Wir müssen jederzeit einsetzbar sein, um Teams aufzufüllen. Normalerweise stehen unsere Dienstpläne lange im Voraus fest und du weißt genau, wann du mit wem arbeiten wirst. Aber momentan müssen wir jederzeit bereit stehen für Last-Minute-Einsätze. Ich muss bisher aber nicht jeden Tag arbeiten.

Der Palacio Real in Madrid. Normalerweise wimmelt es hier von Touristen. Während des Lockdowns ist es hier menschenleer, auch tagsüber.

Foto: privat

Die Leute sehen uns als Helden an

Die meisten Patienten vertrauen uns immer noch sehr. Doch da wir Masken und Brillen und Handschuhe tragen, machen wir ihnen gleichzeitig auch etwas Angst. Viele denken, wir könnten sie für krank halten. Von der Bevölkerung bekommen wir in diesen Tagen aber auch viele Komplimente. Die Leute sehen uns als Helden an. Wann immer sie uns mit dem Krankenwagen entdecken, gibt es Applaus. Jeden Tag um 20 Uhr klatschen die Leute von den Balkonen und Fenstern, und das geht in ganz Spanien so.

Manchmal wird zu anderen Uhrzeiten auch für Lieferanten geklatscht, die Lebensmittel in die Supermärkte bringen. Oder für Kassierer. Das macht mich extrem glücklich. Für uns ist das sehr wichtig. Wir Sanitäter machen dann meistens die Sirene und das Blaulicht an. Die Leute rufen ‚Gracias!‘ und das ist sehr emotional. Wenn der Applaus um 20 Uhr kommt, bedeutet es meistens, dass du seit 14 Stunden im Einsatz und sehr müde bist. Der Zuspruch muntert dich auf, weiter zu kämpfen.

Ich gehe davon aus, dass die Dinge noch ein bisschen schlechter werden. Nächste Woche rechne ich mit dem Höhepunkt. Ich denke, dann werden wir den Hausnotdienst noch mehr unterstützen müssen und das wird hart. Doch ich hoffe, dass es danach besser wird.“

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