„Ich will in meine Heimat“

Wie das Coronavirus das Leben von deutschen Studierenden im Ausland beeinflusst.
Protokolle von Caroline S. Bingenheimer

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Rund 45 000 Studierende sind jährlich mit Erasmus im Ausland. Aufgrund des Coronavirus empfehlen nun einige deutsche Unis ihren Studierenden, das Auslandssemester abzubrechen und zurückzukommen. Auch Student*innen, die momentan ein Praktikum im Ausland machen, stehen vor großen Herausforderungen. Viele Praktika wurden kurzfristig abgebrochen. Wir haben mit vier Studierenden gesprochen, die gerade im Ausland sind oder bis vor wenigen Tagen dort waren. 

„Unsere Freunde meinten, sie fühlten sich als würden sie Leute aus der DDR in die BRD schmuggeln“

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Anna, 22, studiert Kindheitspädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg. Nachdem sie ihr Pflichtpraktikum an einer Schule in Lissabon abbrechen musste, kam sie nur unter schwierigen Bedingungen zurück nach Deutschland.

„Mein Plan war es, drei Monate in Portugal zu bleiben. Daraus wurden dann knapp zwei Wochen. Mein Studienverlaufsplan schreibt vor, dass ich im 4. Semester ein Pflichtpraktikum im Ausland mache. Das wollte ich an einer deutschen Schule in Lissabon machen. Als ich am 5. März ankam, war noch alles gut. Vorletzten Donnerstag hieß es dann, dass die Schule wegen Corona schließen muss und alle Praktikant*innen und FSJler nach Hause fahren sollen. Mein Freund war gerade zu Besuch und wir sind dann vergangenen Mittwoch zurückgeflogen. Ein Flug zu buchen und in Basel zu landen war kein Problem, die Einreise nach Deutschland hingegen schon. 

Da die Grenzen zwischen Deutschland und der Schweiz geschlossen wurden, durften wir am Flughafen Basel nicht durch den Schweizer Ausgang raus. Also haben wir den französischen benutzt. Busse und Züge nach Deutschland sind dort jedoch keine mehr gefahren. Unser zuvor bestelltes Uber wartete am Schweizer Ausgang und kam nicht über die Grenze nach Frankreich. Mit einem französischen Taxi sind wir dann bis zur nächsten Rheinbrücke gefahren und zu Fuß über die Brücke gegangen. Dort haben Freunde auf uns gewartet. In dem Moment kam eine Polizeistreife vorbei und hat skeptisch beobachtet, wie wir mehrere Koffer in ein Auto laden. Wir haben denen die ganze Story erklärt und durften dann nach Freiburg fahren. Unsere Freunde meinten, sie fühlten sich als würden sie Leute aus der DDR in die BRD schmuggeln. Die PH in Freiburg hat auf die Krise recht schnell reagiert und versucht den Schaden für uns Studierende gering zu halten. Für alle wurde ein Teil dieses Pflichtpraktikums erlassen. Zudem können wir die restlichen Praktikumsstunden bei anderen Arbeitsstellen jetzt praktisch auffüllen.“

„Klar würde ich irgendwie nach Deutschland kommen, aber was mache ich dann?“

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Moritz, 23, macht gerade ein Erasmus-Semester in Warschau und will dort auch erstmal bleiben. Er studiert Politikwissenschaft und Kognitionswissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

„Die Uni in Warschau ist mittlerweile komplett auf E-Learning umgestiegen. Das ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber auf jeden Fall besser als Nichtstun. Es gibt Video-Chats oder die Dozierenden laden die Vorlesungsfolien hoch. Am Anfang gab es ein paar Startschwierigkeiten, aber jetzt klappt alles. Vergangenen Montag habe ich kurz überlegt heimzufahren, mich dann aber dagegen entschieden. Klar würde ich irgendwie nach Deutschland kommen, aber was mache ich dann? In Freiburg habe ich kein WG-Zimmer mehr und die Uni ist zu. Hier in Warschau habe ich ein WG-Zimmer, die Uni läuft online weiter und ab August mache ich ein Praktikum bei einer Stiftung vor Ort. An sich fühle ich mich hier auch sicher. Ich gehe bereits seit einer Woche nur noch für das Nötigste raus. Gegenüber von unserer Wohnung ist ein Supermarkt, die Regale sind voll, auch hier gibt es keine Versorgungsengpässe. 

Meine Heimatuniversität hat mir freigestellt, ob ich hier bleiben will oder das Erasmus abbreche. Die einzige Sorge, die hier rumgeistert ist, dass das Gesundheitssystem versagen könnte, sobald es zu mehr Infizierten kommt. Ich bleibe jetzt aber positiv gestimmt, mache das Semester hier zu Ende und hoffe, dass ich im August dann mein Praktikum antreten kann – vielleicht sogar direkt vor Ort und nicht im Homeoffice.

Mein tägliches Highlight hier sind gerade die Streams aus Berliner Clubs. Die höre ich mir gemeinsam mit meiner portugiesischen Mitbewohnerin an, wirklich sehr cool, was die Leute da anbieten!“ 

„Ich habe versucht irgendwie einen Flug zu bekommen, aber es war unmöglich“ 

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Lioba, 23, ist Praktikantin an der Deutsch-Jordanischen Universität. Sie studiert BWL an der an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

„Anfang März bin ich den Flieger gestiegen und nach Jordanien geflogen, um ein Praktikum an einer Universität zu machen. Eigentlich sollte ich bis Ende Juli hierbleiben. Jetzt würde ich sehr gerne wieder in einen Flieger steigen und zurück nach Deutschland fliegen. Das geht jedoch nicht. Hier herrscht ein Lockdown, niemand darf mehr ein- oder ausreisen. Die Airlines haben ihren Betrieb eingestellt, die Bundesregierung hat bis jetzt noch nichts unternommen. Über die ELEFAND-Liste des Auswärtigen Amtes habe ich erfahren, dass für Jordanien noch keine Rückführaktionen geplant sind. Jetzt muss ich wohl einfach abwarten.

Ich bin im Karrierecenter der Deutsch-Jordanischen Uni, beziehungsweise war. Das Center betreut Studierende während ihrer Auslandspraktika. Ich bin jetzt im Homeoffice und versuche von zu Hause aus ein wenig zu arbeiten. Allerdings sind auch kaum noch Studierende da, die ich betreuen kann. Die Universitäten und Schulen sind geschlossen, generell darf man nur noch auf die Straße, um lebensnotwendige Besorgungen zu machen. Die Regierung hat das Ausreiseverbot praktisch von heute auf morgen eingeführt. Ich habe versucht irgendwie einen Flug zu bekommen, aber es war unmöglich. 

Zum Glück bin ich hier in Amman bei einer Gastfamilie. Anfangs war ich skeptisch, ob ich während meines Auslandspraktikums wirklich bei einer Familie wohnen will, jetzt bin sehr froh darum. Sie gehen einkaufen und übersetzen mir wichtige Infos aus den Nachrichten, da ich kein Arabisch kann. Auch meine Kolleg*innen aus dem Büro haben mir Hilfe angeboten. Dort arbeiten viele Deutsche, da entwickelt sich sofort ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Da die Uni geschlossen ist und man nicht mehr nach draußen darf, sitze ich jetzt jeden Tag zu Hause. Das Internet funktioniert so semi-gut. Das einzige was ich jetzt machen kann, ist abwarten. Ich hoffe, dass die Bundesregierung bald aktiv wird oder die Airlines ihren Betrieb wieder aufnehmen.“

„In Großbritannien wird die Katastrophe verdrängt“

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Janna, 21, hat entschieden ihr Erasmus-Semester an der University of Birmingham abzubrechen. Sie studiert an der Albert-Ludwigs Universität in Freiburg Soziologie und Psychologie.

„Ich habe mich lange dagegen gewehrt, mein Auslandssemester abzubrechen. Seit Mitte September bin ich schon in England, wohne in einer tollen Haus-WG und habe viele coole Leute kennengelernt. Das wollte ich nicht einfach von heute auf morgen abbrechen. Mein Eltern haben bereits vor zwei Wochen gesagt, dass ich bitte nach Hause kommen soll. Jetzt habe ich gerade das dritte Mal versucht, einen Flug nach Deutschland zu buchen. Ich hoffe sehr, dass der nicht wieder kurzfristig storniert wird. Es wird von Tag zu Tag schwerer, von der Insel runterzukommen.

In Deutschland ist schon viel früher angekommen, was für eine Katastrophe sich gerade anbahnt. In Großbritannien wird das immer noch verdrängt. Auf vielen Schildern steht, dass man mit Symptomen zu Hause bleiben sollte und auf keinen Fall die 111, also den britischen Notruf, wählen soll. Ich dachte erst, das wäre ein Druckfehler. Die Leute werden hier alleine gelassen. Ich habe in den letzten Wochen viel mit meinen Eltern diskutiert, habe gesagt, dass wir erstmal abwarten sollten, schauen wie sich die Lage entwickelt. Gekippt ist meine Entscheidung, als ich begonnen habe mehr zu recherchieren. In einem Artikel stand, dass England versuchen will, die Zahl der Toten unter 20 000 zu halten. Das hat mich schockiert. Daraufhin habe ich mich umentschieden. Mit der Aussicht bald zu Hause zu sein, fühle ich mich wesentlich wohler. Ich will in meine Heimat, meine Sprache sprechen, meine Familie sehen.

Von der Universität hier kam lange keine Information. Einzelne Dozent*innen haben bereits vor Wochen begonnen, ihre Kurse nur noch online abzuhalten. Erst vor wenigen Tagen kam von offizieller Seite die Meldung, dass die Uni bis Anfang Juni geschlossen wird. Vom International Office hieß es für Austauschstudierenden dann recht plötzlich, dass sie schnell heimfahren sollen, da die Reisemöglichkeiten nach und nach eingestellt werden. Mein WG-Zimmer muss ich noch bis Juni weiter zahlen, aus dem Vertrag komme ich nicht raus. Die Erasmus-Förderung wird allerdings weiterlaufen, obwohl ich ab dieser Woche gar keine richtige Erasmus-Studentin mehr bin.“

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