Diese Initiative fordert einen totalen, solidarischen und europäischen Lockdown

Die Kurve muss weg: Über Null geht nichts - das fordert eine neue Initiative.
Grafik: jetzt / Dimitra Bhuiyan, Emil Iftekhar and Mareike Schildbach

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In der Geschichte dieser Pandemie gab es für Deutschland schon viele schlimme Tage. Als Ende Dezember zum ersten Mal mehr als 30 000 Neuinfektionen gemeldet wurden, als die täglichen Todeszahlen die 1000er-Marke überschritten. Und auch der gestrige Mittwoch war ein Schlag: Deutschland hat zum ersten Mal eine höhere Corona-Todesrate als die USA – ein Land, dessen Umgang mit der Pandemie hier bisher als nachlässig und verantwortungslos galt. 

Im Kampf gegen die Pandemie fuhren die Bundesregierung und die Landesregierungen im vergangenen Jahr den Kurs, den wir unter „Flatten The Curve“ kennen, also der Versuch, Maßnahmen so einzusetzen, dass das medizinische System nicht überfordert wird. Diese Strategie soll sich ändern, fordert jetzt die neue Initiative „Zero Covid“. Stattdessen sollten die Bundesregierung und die EU auf einen totalen Shutdown setzen, der sozial und solidarisch ablaufen solle. „Das Ziel darf nicht in 200, 50 oder 25 Neuinfektionen bestehen – es muss Null sein“, heißt es auf der Webseite der Initiative. Vorher dürfe der harte Lockdown nicht beendet werden. 

Damit das sozialverträglich ablaufen kann, hat die Initiative eine Reihe von Forderungen. Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen, Schule sollen geschlossen  und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden. Ein umfassendes Rettungspaket müsse von Bundesregierung und EU geschnürt werden, so dass die Menschen finanziell abgesichert sind. Die Gelder sollen durch Umverteilung zusammen kommen, genauer gesagt durch eine europaweite Covid-Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne, Finanztransaktionen und die höchsten Einkommen.

Die dazugehörige Petition, die sich an an die deutsche, die schweizer und die österreichische Regierung sowie an europäische Entscheidungsträger*innen richtet, ist am Donnerstag online gegangen und hat inzwischen mehr 7500 Unterstützer*innen (Stand Donnerstagnachmittag).

Dass Forderungen wie beispielsweise eine dezentrale Unterbringung von geflüchteten Menschen, die momentan in Sammelunterkünften leben, ein ziemlicher organisatorischer Aufwand wären, sieht Sprecher Sebastian Schuller nicht als Problem: Es gäbe genug leerstehende Immobilien in großen Städten, sagt er im Telefonat mit jetzt. „Bisher fehlt nur schlicht der politische Wille, so etwas anzugehen.“ Sie seien „massiv unzufrieden, ja schockiert“ über die Politik der Regierung, die aufgrund ihrer „Wirtschaftshörigkeit“ Menschenleben gefährde. 

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Sebastian Schuller, Literaturwissenschaftler, entwickelt ein Postdok-Projekt über Antisemitismus und Verschwörungstheorien.

Foto: Privat

Gefunden haben sich die Initiator*innen der Initiative dem 30-Jährigen zufolge in verschiedenen sozialen Netzwerken – daraus entstand erst im Laufe der vergangenen zwei Wochen die Initiative „Zero Covid“. Darunter seien sowohl linke Aktivist*innen, Journalist*innen, Menschen aus dem Pflegebereich, aber auch Wirtschaftswissenschaftler*innen. Auf der Webseite findet sich dazu eine Liste mit mehr als 400 Erstunterzeichner*innen, darunter einige prominente Namen wie Margarete Stokowski, Luisa Neubauer, Raul Krauthausen, Georg Restle, Stefanie Sargnagel, Natascha Strobl und noch viele mehr. 

Auf Twitter findet sich viel Zuspruch 

International ist „Zero Covid“ nicht alleine. In Großbritannien wurde etwa bereits im Februar 2020 eine Kampagne gestartet, die unter dem Motto „End Coronavirus“ basisdemokratische Strategien entwickelt –  und  ebenfalls statt „Flatten the Curve“ das Motto „Crush the Curve“, also: Zerschlage die Kurve, fordert. Als weiteren Anstoß gibt „Zero Covid“ einen Aufruf an, der Mitte Dezember von Wissenschaftler*innen aus mehreren Ländern gestartet wurde. Auch darin wird für strengere Maßnahmen in ganz Europa plädiert, mehr als 1000 Wissenschaftler*innen haben bereits unterschrieben. 

Auf Twitter findet sich unter dem Hashtag #ZeroCovid am ersten Tag der Initiative viel Zuspruch. Knapp 10 000 Tweets wurden zu dem Schlagwort bis zum Mittag abgesetzt, in Deutschland trendet das Hashtag. Allerdings fand sich hier auch Kritik an dem Konzept. Twitter-User Mathias Priebe kommentierte etwa: „Würden #ZeroCovid- und #Lockdown-Fetischisten bei der Feuerwehr arbeiten, würden sie etwa so reagieren: Notruf 112. ,Es brennt im Pflegeheim!’ – ,Ja, wir riegeln die Stadt ab, beregnen die übrigen Stadtviertel und beginnen von außen nach innen mit dem Abriss!’“ Ein anderer User urteilte, dass „Zero Covid“ zwar eine gute Idee sei, aber die Umsetzung unrealistisch sei: Man kriege schon in den Bundesländern  „keinen einheitlichen und echten Lockdown“ hin,  „und das soll jetzt europaweit durchgesetzt werden? Bis 2050 vielleicht ..... nicht“.

Sebastian Schuller verweist diesbezüglich darauf, dass die Vorstellung, die Neuinfektionen auf Null zu bekommen, „kein Hirngespinst“ sei. Verschiedene Länder wie Neuseeland und Australien hätten bereits eine ähnliche Strategie verfolgt – und das erfolgreich*. „Es ist eine Kraftanstrengung, aber möglich, wenn wir endlich mal in die Menschen das Geld investieren und nicht in Unternehmen. Und dann gibt es auch ein Licht am Ende des Tunnels.“ Dass dabei die nächsten konkreten Schritte der Initiative noch nicht festgelegt sind, sei kein Hindernis, meint Sebastian. „Erst einmal müssen wir demonstrieren, dass es in der Bevölkerung den Wunsch gibt, diesen Weg zu gehen.“ Der Rest würde sich dann, wenn es den politischen Willen gäbe, schon klären.

mpu

* In einer früheren Version des Artikels stand, dass auch Taiwan und Japan eine solche Taktik gefahren hätten. Dies haben wir nun ausgebessert und bitten den Fehler zu entschuldigen.

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