Wie die Corona-Pandemie wohnungslose Menschen trifft

Regisseurin Nele Dehnenkamp hat einen Film über ein Hostel in Berlin gedreht, das im Sommer zu einem Obdachlosenheim umfunktioniert wurde.
Interview von Rosanna Wegenstein
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Das Hostel nahm obdachlose Menschen auf.

Foto: Tobias Winkel

Wohnungslose Menschen sind von der Corona-Pandemie noch stärker betroffen als andere. Ihre Zahl ist in Deutschland steigend. Rund 678 000 Menschen waren im Laufe des Jahres 2018 wohnungslos, viele von ihnen kommen aus dem EU-Ausland. In Hilfseinrichtungen für Obdachlose sank wegen der neuen Abstands-und Hygieneregeln zudem die Zahl der ohnehin knappen Plätze. Auch aus diesem Grund wurde unter anderem das „Berlin Youth Hostel“, eine Jugendherberge in Berlin, während der ersten Corona-Welle in ein Heim für obdachlose Personen umfunktioniert. 200 Menschen aus ganz Europa fanden dort bis August 2020 eine Unterkunft. Darunter sind Jazeps, Stefano und Adam. Sie sind die Protagonisten des Kurzfilms „Hotel Europa“ von Nele Dehnenkamp und Franzis Walther. Der Film entstand im Rahmen eines Kurzfilmwettbewerbs der Deutschen Filmakademie, der junge Filmschaffende anregen will, sich mit der Rolle Deutschlands in der Europäischen Union auseinanderzusetzen. Nele Dehnenkamp spricht im Gespräch mit jetzt über die Dreharbeiten im Hostel, darüber, welche Herausforderungen die Pandemie bei einer Filmproduktion mit sich bringt und was die Filmemacherin beim Dreh über Wohnungslosigkeit in Europa gelernt hat.

jetzt: Wie seid ihr zu eurer Filmidee gekommen? 

Nele Dehnenkamp: Ursprünglich wollten wir uns mit dem Thema Wohnungslosigkeit aus europäischer Perspektive beschäftigen. Allerdings nicht nur mit dem klassischen Bild von Obdachlosigkeit, also von Menschen, die auf der Straße schlafen. Wir wollten zeigen, dass der Weg dorthin sehr viele Abstufungen hat. Zu Beginn schlafen wohnungslose Menschen oft in Hostels, bei Freund*innen auf der Couch, im Auto oder im Zelt. Solche Zwischenräume und unsichtbare Formen von Wohnungslosigkeit haben uns besonders interessiert. Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie war dann klar, dass man europäische Wohnungslosigkeit gerade schwer dokumentieren kann, ohne die Pandemie dabei zu thematisieren. Wir haben uns gefragt, was mit den Menschen passiert, die gerade nicht in ihrem Herkunftsland sind und vielleicht ihren Job verloren haben. Wie diese Menschen von den sozialen Sicherungssystemen aufgefangen werden.

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Eingangsbereich des „Berlin Youth Hostels"

Foto: Tobias Winkel

Wie habt ihr schließlich zu dem Hostel in Berlin gefunden, das Ort und Thema eures Kurzfilms ist?

Bei meiner Recherche bin ich auf die 24/7-Einrichtungen gestoßen, die der Berliner Senat im Frühjahr 2020 als Strategie gegen Obdachlosigkeit in der Pandemie eröffnet hat. Sie boten obdachlosen Menschen drei Mahlzeiten pro Tag und einen Aufenthaltsort, an dem sie Kraft tanken konnten und vor dem Infektionsgeschehen möglichst gut geschützt waren. Eine davon war eine umfunktionierte Jugendherberge in der Kluckstraße in Berlin. Ich hatte einen Zeitungsartikel über sie gelesen und beim Senat angefragt, ob ich sie zu Recherchezwecken besuchen dürfe. Als ich sah, wie viele Menschen aus ganz Europa und verschiedenen sozialen Verhältnissen an diesem Ort zusammenkamen, war schnell klar, dass wir dort unseren Film drehen wollten.

Was für Menschen habt ihr dort kennengelernt?

Die Bewohner*innen dort waren sehr vielfältig. Es gab Menschen aus allen Altersklassen. Es waren auch viele junge Menschen in unserem Alter darunter, die aus anderen Ländern kamen und hier nach Bildungs- und Job-Möglichkeiten suchen.

„Der Großteil des Films spielt am 1. August 2020, dem Tag, an dem das Hostel wieder schließen musste“

Wie seid ihr mit den Bewohner*innen ins Gespräch gekommen?

Es war nicht einfach, überhaupt erst einmal das Vertrauen der Bewohner*innen zu gewinnen. Bevor wir zu drehen anfingen, habe ich einige Tage in dem Hostel hospitiert und Gespräche geführt, um zu erfahren, wer dort wohnt und was für eine Geschichte die Menschen haben. Der Großteil des Films spielt am 1. August 2020, dem Tag, an dem das Hostel wieder schließen musste. Dass wir an diesem Tag mit einer solchen Natürlichkeit drehen konnten, war nur möglich, weil wir versucht haben, den Menschen in den Tagen zuvor ein Gefühl dafür zu geben, wer wir sind, was wir machen und welche Geschichte wir gerne erzählen wollen.

Welchen Herausforderungen gab es bei den Dreharbeiten im Hostel außerdem?

Eine große Herausforderung war für uns oft die Sprachbarriere. Vor allem viele der älteren Bewohner*innen haben nur Polnisch, Rumänisch oder Russisch gesprochen. Das machte es schwieriger, eine Beziehung aufzubauen. Die jüngeren Menschen dagegen sind mit offenen Grenzen aufgewachsen, mit ihnen fiel der Austausch leichter, da sie häufig auch Englisch sprechen konnten.

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Empfangsbereich des Hostels

Foto: Tobias Winkel
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Protagonist Jazeps mit anderer Bewohnerin auf einer Bank im Freien vor dem Hostel

Foto: Tobias Winkel

Wie haben die Corona-Maßnahmen euren Dreh beeinflusst?

In einem Dokumentarfilm geht es für mich vor allem darum, eine Beziehung zu den Protagonist*innen aufzubauen. Das ist mit 1,5 Metern Abstand und Maske, und wenn man spürt, dass die Menschen sich in einer Ausnahmesituation befinden, natürlich schwieriger. Man will ihnen menschlich nahe sein, aber kann es physisch nicht.

Drei Protagonisten kommt man in eurem Film besonders nahe. Wie war der Abschied von ihnen? Und wisst ihr, wie es für die weiterging?

Der Abschied, ohne zu wissen, ob man sich wiedersieht, ist natürlich immer schwer, wenn man eine so intensive Zeit miteinander erlebt. Stefano hatte in den Tagen vor der Schließung große Sorgen, wo er die nächste Nacht verbringen sollte. Jazeps hatte seiner Familie noch nie von seiner Homosexualität erzählt und es war ein großer Schritt für ihn, sich vor der Kamera zu outen. Ähnlich eng war die Beziehung zu Adam. Ich weiß, dass Jazeps und Stefano danach in einer anderen 24/7-Einrichtung untergekommen sind. Danach hat sich der Kontakt leider verlaufen. Ich habe auch in anderen Projekten im Bereich der Wohnungslosigkeit gemerkt, wie schwer es ist, Kontakt zu halten, wenn Unterbringung und Telefonnummer häufig wechseln und man nicht weiß, wann die Person ihre Mails lesen kann.

Was habt ihr bei eurer Arbeit über Wohnungslosigkeit gelernt?

Für mich war es total eindrücklich zu sehen, wie sehr die Menschen mit der Bürokratie kämpfen. Es gab viele Bewohner*innen, vor allem osteuropäische Männer, die auf dem Bau arbeiteten und ein gesichertes Einkommen hatten und alles taten, was sie konnten, um Hilfeleistungen zu beantragen und eine Wohnung zu finden. In Bergen von Dokumenten und Anträgen gingen sie allerdings völlig verloren. Einen Hartz-IV-Antrag zu stellen, ist schon für jemanden aus Deutschland nicht einfach. Nochmal herausfordernder ist es, wenn man aus einem anderen Land kommt, Dokumente übersetzen lassen muss und keine feste Adresse hat. Noch dazu in der Pandemie, wenn die Behörden überfordert und die Wartezeiten länger sind, während gleichzeitig die Not besonders groß ist. Das zu sehen, hat mich sehr bewegt und nachdenklich gemacht.

Den Kurzfilm „Hotel Europa“ kann man noch bis zum 17. Januar auf alleskino.de sehen.

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