„Der Fokus liegt zu viel darauf, Leistung aufs Papier zu bringen“

Foto: Thomas Krauß

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Dario Schramm ist Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, in der regelmäßig Schülervertreter*innen aus den Bundesländern zusammenkommen und bildungspolitische Anliegen diskutieren. Derzeit ist er oft in Talkshows und Nachrichtensendungen zu sehen, wo er die Interessen von Schüler*innen während der Corona-Krise vertritt. Da jetzt in zahlreichen Landkreisen die Sieben-Tage-Inzidenz unter 50 liegt, erlauben viele Bundesländer nun die Rückkehr in den Regelbetrieb. Wir haben mit Dario darüber gesprochen, warum das erfreulich ist, aber auch eine Belastung für die Schüler*innen sein kann.

jetzt: Nach mehr als einem Jahr Ausnahmezustand machen jetzt viele Schulen wieder auf. Findest du das verfrüht oder ist das dringend notwendig?

Dario Schramm: Ich glaube, dass das ein richtiger Schritt ist. Die Gastronomie ist offen, alle möglichen Geschäfte sind offen, gerade auch vielerorts ohne Tests. Da ist es für junge Menschen schwer nachzuvollziehen, wenn die Schulen noch nicht offen sind. Viele sehnen sich seit Monaten danach. Die Schulen hätten bei den Öffnungen eigentlich an erster Stelle stehen müssen.

Die Corona-und-Psyche-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hat ergeben, dass es vielen Kindern und Jugendlichen seit der Corona-Krise psychisch schlechter geht. Wird die Rückkehr zum Regelbetrieb das ändern?

Ich glaube nicht, dass wir den Schalter direkt umlegen können, direkt wieder jeden Tag um 8 Uhr im Klassenzimmer zu funktionieren. Aber jetzt kann man langsam wieder zur Normalität kommen, sich wieder daran gewöhnen, mit Klassenkameraden und Lehrern zusammen zu sein. Es sollte jetzt nicht primär darum gehen, sich so schnell wie möglich die Inhalte reinzuhauen, sondern um das soziale Miteinander

Warum kann die Rückkehr zum Regelbetrieb für manche Schüler*innen anstrengend sein?

Das hört sich immer nach Jammern auf hohem Niveau an – ich erlebe zunehmend, dass Erwachsene sagen, wir sollen uns mal nicht so anstellen. Aber ich habe im nahen Bekanntenkreis miterlebt, dass viele jetzt im Regelbetrieb total bombardiert werden, zum Beispiel mit Klausuren. Auch die Lernstandserhebungen, die Bildungsministerin Anja Karliczek plant, um Bildungslücken ausfindig zu machen, bedeuten zusätzlichen Druck. Nach dieser langen Zeit wieder in der Schule zu sein, ist eine Umstellung, auch wenn man die Zeit zuhause nicht genossen hat. Man hat sich mit der Situation abgefunden, jetzt kommt auf einmal wieder der Wechsel. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass sich die Schüler jetzt freuen, wieder auf dem Schulhof zu sein und mehr soziale Kontakte zu haben.

„Die grundsätzliche Lehre sollte sein, dass man den Zugang zu Hilfe erleichtern muss“

Warum ist es wichtig, dass Schulen sich jetzt bewusst genug Zeit für den Einstieg nehmen? 

Was gerade Erwachsene unterschätzen, ist, dass viele Schüler immensen Redebedarf haben: Was ist im vergangenen Jahr passiert? Wie ging es mir daheim? Das muss ja keine Gruppentherapie-Stunde sein, aber man sollte Schülern den Raum geben, sich miteinander austauschen zu können. Der Fokus liegt gerade zu viel darauf, Leistung aufs Papier zu bringen. Gerade bei den Jüngeren werden wir erst mit der Zeit erleben können, was es bedeutet hat, dass sie monatelang nicht so betreut wurden wie sonst. Einige hatten die Unterstützung ihrer Eltern, andere eben nicht. 

Was sollten Schulen anbieten, um den Einstieg für Schüler*innen zu erleichtern?

Die grundsätzliche Lehre aus der Pandemie sollte sein, dass man den Zugang zu Hilfe erleichtern muss – ob das Schulsozialarbeit ist oder sonstige niedrigschwellige Angebote, bei denen es klare Ansprechpartner gibt. Daran scheitert es ganz oft und daran ist es auch während der Pandemie gescheitert. Wenn Schüler Probleme hatten und sie etwa Anzeichen einer Depression zeigten, wussten sie oft nicht, an wen sie sich wenden können. Solche Angebote müssen außerdem auch digital zugänglich sein. 

Fürchten sich manche Schüler*innen vor dem normalen Schulalltag?

Es gibt immer Schüler, die sich davor fürchten. Man darf auch nicht vergessen: Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Jetzt wieder zur Schule zu gehen, ist vor allem für diejenigen ein großer Schritt, die Vorerkrankungen haben, unter 18 sind und noch nicht geimpft wurden. Deswegen ist unsere Forderung, dass diese Schüler in Risikogruppen ganz schnell ein Impfangebot bekommen.

„Der Wechsel zwischen Präsenz- und Distanzunterricht hat nicht funktioniert“

Wie geht es dir persönlich nach über einem Jahr Ausnahmezustand?

Es war auf jeden Fall eine schwierige Zeit. So ganz hat der Wechsel zwischen Präsenz- und Distanzunterricht nicht funktioniert. Ich war immer wieder froh, wenn ich in der Schule war und die Möglichkeit hatte, direkten Kontakt mit den Lehrern zu haben. Aber so ein richtiger Flow hat einfach gefehlt. Normalerweise zieht man ein Thema fünf bis sechs Wochen durch. Jetzt war man mal drei Wochen zuhause, dann drei Wochen vor Ort. Das hindert den Lernfluss massiv.

Was ist aus deiner Sicht außerdem schiefgelaufen?

Es wurde viel beschlossen, aber wenig mit den Schülern geredet. Dabei können Schüler selbst vieles besser einschätzen. Was ich auch an Schulen erlebt habe: Die Schüler haben sich Dinge überlegt, Cloud-Systeme vorgeschlagen, Strukturvorschläge gemacht, doch die Schulen haben das prinzipiell abgelehnt. Nach dem Motto: Die Schüler sind immer noch Schüler und nicht die, die das Zepter in die Hand nehmen.

Du machst gerade Abitur. 

Ich habe mich zum Beispiel immer schon auf den Abi-Gag gefreut, den es sonst jedes Jahr gibt. Ich merke selbst, dass ich mir einen Abschluss dieser Zeit gerade jetzt total wünsche. Wenn wir das Zeugnis bekommen und es nur heißt, „Super, herzlichen Glückwunsch, dreizehn Jahre durchgezogen, hier ist dein Abschluss“, ist das natürlich etwas komplett anderes als ein feierlicher Anlass. Ich bin aber gar nicht so pessimistisch, sondern glaube, dass Abi-Feten dieses Jahr schon stattfinden können – nur vielleicht nicht in dem großen Rahmen, wie es vor der Pandemie üblich war.

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