Corona trifft mich in meinen vermeintlich „besten Jahren“

Was wäre gewesen, wenn? Das fragen sich gerade viele junge Menschen.
Illustration: FDE

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corona besten jahren

Was wäre gewesen, wenn? Das fragen sich gerade viele junge Menschen.

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Jahrelang hat Instagram uns gezeigt, wie unsere Jugend und damit auch unser ideales Leben auszusehen hat: Man trifft viele interessante Leute, entdeckt spannende Orte, ist jeden Tag unterwegs, bildet sich dabei, trägt coole Klamotten und hat vor allem enorm viel Spaß. Ich behaupte deshalb: So gut wie jede junge Person hat schon Selbstoptimierungsdruck gespürt und dieses „ideale Leben“ als Ziel verinnerlicht. Um diesem Druck standzuhalten, habe ich und haben wir an uns selbst teilweise enorm hohe Erwartungen entwickelt. Wir wollen Außergewöhnliches erleben und viel aus unserem Leben machen, sei es auf die Karriere bezogen oder auf unsere Freizeit. Doch was vorher angesehen war (viele Freunde, viel Reisen, viel Feiern) ist heute dank der Pandemie nicht nur verpönt, sondern weitgehend auch verboten. Die Maßnahmen empfinde auch ich als notwendig. Aber was fangen wir jetzt mit der Situation an? Was wird aus unseren Plänen? Aus der Gegenwart, die wir genießen sollten, und der Zukunft, die wir gerade formen wollten? 

Klar, die Krise trifft so gut wie jede Person aus allen Generationen. Kinder, die die Umstände nicht verstehen und in Kita oder Schule an Bildung verlieren. Menschen, die Familien versorgen müssen und Angst um ihre Verwandten, ihren Beruf oder Betrieb haben. Ältere und Risikopatienten, die ihr Leben noch viel mehr einschränken und sich komplett isolieren müssen. Es gibt aber einen Unterschied: Wir setzen gerade die Grundsteine, wie der Großteil unseres Lebens verlaufen soll. Genau jetzt, in dieser Zeit, gestalten wir ganz konkret unsere Zukunft.

Wir – das sind die Millennials, die Generation Z, die Kinder, die gerade verstanden haben, dass sie eigentlich keine Kinder mehr sind. Wir waren gerade dabei, unsere Möglichkeiten auszutesten, uns zu finden und einfach das zu tun, wozu wir in dem Alter auch verpflichtet sind: unsere Freiheit entdecken und unsere Zukunft gestalten.

Nicht falsch verstehen: Gerade jetzt wird deutlich, dass die meisten von uns insbesondere in Deutschland zahlreiche Privilegien haben, die uns die Isolation erleichtern, viele von uns stürzen trotz der Maßnahmen nicht in gravierende Existenzängste. Und natürlich bietet Homeoffice im Studium oder der Schule auch enorm viele Vorteile. Dennoch hatten wir uns die Zeit, die viele später als die „beste Zeit ihres Lebens“ bezeichnen, anders vorgestellt. Die Zeit zwischen Schule und Beruf, die eh viel zu kurz ist – und bei uns eben plötzlich voll mit Corona.

Nicht mal ein Bier kann ich nach Feierabend mit meinen KollegInnen trinken. Ich weiß ja nicht mal, wie die in echt eigentlich aussehen

Mich bringt das dazu, darüber nachzudenken, wie ich mein Leben eigentlich gerne führen würde. Nach dem Abi habe ich mit 17 direkt angefangen zu studieren, die Chancen des Reisens und Entdeckens eigentlich kaum genutzt. Ich hatte gedacht, danach wäre noch genug Zeit dafür. Außerdem wollte ich mir selbst beweisen, dass ich keine „Pause” brauche. Ich war so früh mit der Schule fertig – dieses Tempo wollte ich auch im Studium durchziehen. Jetzt bin ich mit 20 zum ersten Mal ausgezogen, bin für ein Praktikum nach München und hatte gigantische Hoffnungen und Vorfreude. Endlich nur ich alleine, nur für mich selbst verantwortlich sein! Ich hatte alle möglichen Szenarien im Kopf: Wie ich an Wochenenden stundenlang nachts draußen mit neuen, tollen Freunden unterwegs bin, feiern gehe und die interessantesten Menschen kennen lerne. Hier weiß ja eigentlich niemand, wer ich bin. Hier könnte ich mich komplett neu erfinden. Dafür habe ich meine beste Kleidung und die coolste Schminke eingepackt. Und jetzt sitze ich im Homeoffice und wechsel zwischen meinen vier Jogginghosen und drei oversized Pullis. Nicht mal ein Bier kann ich nach Feierabend mit meinen Kolleginnen und Kollegen trinken. Ich weiß ja nicht mal, wie die in echt eigentlich aussehen.

Ich frage mich: Was wäre alles passiert, und was hätte ich alles erlebt, wenn Corona nicht wäre? Zu welchen Hits hätte ich in welchen Clubs in der mir so fremden Großstadt getanzt? Welche Menschen hätte ich dort kennen gelernt und welche am Arbeitsplatz? Welche Chancen hätte ich gehabt? Gleichzeitig frage ich mich, warum ich die Zeit vor der Pandemie nicht besser genutzt habe: Warum war ich nie auf einem Festival? Warum habe ich von so vielen Einladungen zu WG-Partys kaum eine angenommen? Warum war ich morgens so oft ausgeschlafen und motiviert in der Uni? Jetzt, wo die Pandemie uns nicht mehr erlaubt, spontan zu handeln und dabei auch Fehler zu machen, weiß ich erst, dass ich all das machen möchte.

Ich wünsche mir sogar einfach nur, dass ich ganz normal wieder studieren kann. Von sechs Semestern werde ich am Ende nur drei in der Uni verbracht haben. Drei! Kann ich überhaupt von mir behaupten, richtig studiert zu haben? 

Jetzt sitzen wir Zuhause, schauen Serien und erschrecken, wenn wir darin überfüllte Bars sehen

Wenn ich in meinem Freundeskreis nach dem Einfluss der Pandemie frage, kommt dabei oft Enttäuschung als Antwort. „Ein Jahr gestohlene Jugend“ oder eine „geplatzte Erstiwoche“. Es ziehen jede Menge Chancen an uns vorbei. Eine Freundin von mir hat beispielsweise einen Freund in LA, er ist Musikproduzent und hat das Album des Rappers Ty Dolla Sign mitproduziert. Er hätte ihr all die Menschen dahinter vorgestellt – dann kam Corona. Als junger Mensch so eine Erlebnis zu verpassen! Das muss man sich erstmal vorstellen, wie frustrierend das ist. Oft sind es auch Auslandsaufenthalte, Reisen, Praktika und Jobs, die nie stattfinden konnten. Dinge, die in der Persönlichkeitsentwicklung, aber auch für unsere spätere Karriere viel bedeuten. Wir wissen nicht, was die Krise langfristig mit der Wirtschaft und dem Jobangebot in Deutschland machen wird, wieviele Steuern wir zahlen werden, um die Milliardenhilfen, die während der Pandemie ausgezahlt wurden, wieder auszugleichen.

Es sind aber nicht nur die großen Fragezeichen unserer Generation. Die vermeintlich „kleinen“ Probleme, die in der Öffentlichkeit als unwichtig abgetan werden, belasten uns sozial und psychisch ebenfalls nachhaltig. Mir fehlt es, all das „Coole“ machen zu können, was zu einer erfüllten Jugend gehört: Clubs besuchen, betrunken Leute anpöbeln, tanzen, bis die Schminke verläuft. Wir haben ganz viele, aufgeregte Hummeln im Arsch, wir wollen die Musik und die Beats im Blut spüren, neue Orte entdecken. Und jetzt sitzen wir Zuhause, schauen Serien an und erschrecken, wenn wir darin überfüllte Bars ohne Abstand sehen. 

Diese Situation hat unser Leben auf den Kopf gestellt und uns Zeit genommen, die wir nie wieder kriegen werden. Nicht umsonst spricht man mittlerweile von einer „Generation Corona“. Ich finde, es muss zumindest in Ordnung sein, sich darüber zu beklagen.

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