„Unsere Frisuren sind kein Trend!“

Gracia Ndona wünscht sich weniger unerlaubte Griffe in ihr Haar und mehr Verständnis für das, was sie auf ihrem Kopf trägt.
Foto: Ina Aydogan

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„So schauen deine Haare offen aus?“, fragte mich meine 16-jährige Cousine 2017 bei meinem Besuch in der Demokratischen Republik Kongo. „Warum benutzt du keinen Relaxer?“ Das ist eine weiße Creme, mit der gelockte Afrohaare, wie ich sie an jenem Tag trug, chemisch geglättet werden können. Das ist ein weltweites Phänomen in Schwarzen Communities, um dem weißen Schönheitsideal zu entsprechen. So werden lebensbedrohliche Schäden wie Verbrennungen, Herzkrankheiten und auch Fortpflanzungsstörungen in Kauf genommen. Mir selbst wurden bereits mit sieben Jahren das erste Mal die Haare relaxed.

Schon während der Kolonialzeit wurde Afrikanern und Afrikanerinnen unter Androhung von Strafen beigebracht, dass hellere Haut und glattes Haar schöner als Schwarze Haut und Afrohaar seien. Dieses Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Viele glauben daher bis heute, dass glatte Haare ein Zeichen für Wohlstand und Beliebtheit seien. Auch in Deutschland und Österreich kostet es Schwarze Menschen emotionale Überwindung, ihre Haare offen zu zeigen. Während Locs beim legendären Reggae Sänger Bob Marley cool aussehen, wirken sie an anderen Schwarzen Männern bedrohlich. So das gängige Vorurteil. Das bestätigten mir Freunde, die in Einkaufszentren häufig von der Security kontrolliert oder auf der Straße von der Polizei angehalten werden. Die Betroffenen schneiden sich ihre Haare lieber ab, um solche Situationen zu vermeiden.

Dabei haben die traditionellen Frisuren ein historisches Erbe. Während des Sklavenhandels wurden Fluchtwege und Codes zur Befreiung in Cornrows eingeflochten. Und Essen (z.B. Reiskörner) als Überlebensstrategie in den Haaren versteckt. Auch königliche Schwarze Ägypter und Ägypterinnen trugen Braids und Cornrows. Doch für viele Schwarze Menschen ist es bis heute nicht leicht, zu den eigenen Locken zu stehen. Selbst ich trage meine Haare in Österreich nicht offen. Aufgrund von Ausgrenzung und negativen Erfahrungen. Daher betone ich: Unsere Frisuren sind kein Trend. Sie sind Teil unserer Identität. Unsere Haare sind unser Erbe.

Was sind Locs, Twists und co.?

BOX BRAIDS Große geflochtene (Rasta-) Zöpfe mit Haarverlängerung

BRAIDS Geflochtene (Rasta-) Zöpfe mit Haarverlängerung

CORNROWS Frisuren, bei denen die Zöpfe direkt an den Kopf geflochten werden

DETANGELN Das Entwirren der natürlichen Locken

FAUX-LOCS Haarverlängerung, ohne dabei die eigenen Haare zu verfilzen

HIGH-PUFF Dutt auf dem Scheitel

LOCS Frisur, bei der die eigenen Haare (künstlich) verfilzt werden

LOW-PUFF Dutt auf dem Hinterkopf

PROTECTIVE HAIRSTYLE Frisuren (z.B. Braids oder Twists), die die Haare vor Bruch und Trockenheit schützen.

RELAXER Creme, mit der lockige Haare chemisch geglättet werden

SHORT BUZZ CUT Kurzhaarfrisur

TWISTS Zwei Haarsträhnen, die zu einem Zopf zusammengedreht werden

WASH AND GO Die Haare werden gewaschen und mit Pflegeprodukten behandelt. Meistens werden sie dann an der Luft getrocknet.

*Unsere Redaktion kooperiert mit biber  –  was wir bei JETZT ziemlich leiwand finden. Als einziges österreichisches Magazin berichtet biber direkt aus der multiethnischen Community heraus – und zeigt damit jene unbekannten, spannenden und scharfen Facetten Wiens, die bisher in keiner deutschsprachigen Zeitschrift zu sehen waren. biber lobt, attackiert, kritisiert, thematisiert. Denn biber ist "mit scharf". Für  ihre Leserinnen und Leser ist biber nicht nur ein Nagetier. Es bedeutet auf türkisch "Pfefferoni" und auf serbokroatisch "Pfeffer" und hat so in allen Sprachen ihres Zielpublikums eine Bedeutung.

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