„Egal wie kurz mein Minirock wäre, er ist weniger schlimm als eine Hose“

Foto: Zoe Opratko

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Alle Fotos wurden für die Geschichte nachgestellt - bei den abgebildeten Personen handelt es sich nicht um die Protagonistinnen aus dem Artikel. Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

„Wenn die COBRA (österreichische Spezialeinheit, Anm. d. Red.) mitten in der Nacht unsere Wohnung stürmt, weil mein Bruder mit Waffen auf Instagram posiert hat, ist das für meine Eltern ein kleineres Problem, als wenn ich als Frau Jeans trage. Nur weil ich scheinbar mit dem falschen Chromosom geboren bin.“ Die 20-jährige Zara hat viel loszuwerden. Ohne Punkt und Komma erzählt sie über ihr Leben: Über die Ungerechtigkeiten, die ihr widerfahren. Darüber, wie ihr Vater ihr das Kopftuch aufzwingen wollte. Darüber, dass ihre jüngeren Brüder nachts draußen bleiben dürfen und sie nicht, und darüber, in welcher Zwickmühle sie sitzt, was ihre Zukunft angeht. Dabei betont sie: „Es ist alles noch viel schlimmer, als das, was man weiß.“ 

„Das kannst du nicht schreiben. Alles, nur nicht das. Misch dich da nicht ein“, wird mir von allen Seiten geraten. Dabei ist das Thema kein fremdes: In Medien wird oft über Tschetschenen berichtet: Es geht immer nur um die Männer – und das im Kontext von Kriminalität und Gewalt. So wie zum Beispiel Mitte August diesen Jahres, als in Wien und Linz sechs sogenannte „Sittenwächter“ festgenommen wurden. Sie hatten tschetschenische Frauen verfolgt und bedroht, da diese sich ihrer Ansicht nach „zu westlich“ verhalten haben. Oder der Vorfall, bei dem ein selbsternannter, wahrscheinlich minderjähriger Sittenwächter einen Austroserben ins Gesicht schlägt, weil er mit einem tschetschenischen Mädchen via Handy geflirtet hat. Die, die negativ auffallen, schaffen es in die Berichterstattung. Was ist aber mit den anderen?  In Österreich leben etwa 40 000 Tschetscheninnen und Tschetschenen – die genaue Zahl lässt sich nicht bestimmen, da sie in Österreichs Statistiken als russische Staatsangehörige geführt werden. Die Mehrheit, die mit Kriminalität nichts zu tun hat, leidet unter dem schlechten Image. Vor allem die Frauen. Sie sind es, die medial stark unterrepräsentiert sind. Wenn, wird über sie gesprochen. Aber nicht mit ihnen. Dabei haben sie so viel zu sagen. Es gibt die, die einen Hass auf ihre Kultur haben, und die, die mit diesen Stereotypen nichts anfangen können. Aber sie haben eines gemeinsam: Sie wollen gehört werden. Ich will alle ihre Geschichten aus erster Hand erfahren. Wie sehen ihre Lebenswelten aus? Was ist „so viel schlimmer als das, was man weiß?“. Und was haben jene zu sagen, die diesem Image der gewaltvollen Unterdrückung so gar nicht entsprechen? 

Wie Amina. Für ihre 17 Jahre ist Amina unglaublich wortgewandt und selbstbewusst. Bei unserem Treffen lacht sie viel und redet ohne Pause. Bei ihr merkt man schnell, dass sie zu Hause viel mehr zu melden hat als Zara, die ich einige Wochen zuvor getroffen habe. Amina spricht in kurzen Sätzen. „Bei uns zu Hause gibt’s diese Unterteilung nicht – meine Brüder und ich werden gleich behandelt.“ Das war schon als Kinder so: „Eislaufen, Fahrradfahren, Skateboard. Das alles war bei mir ganz normal. Ich durfte das alles genau wie meine vier jüngeren Brüder. Ich kenne Familien, da ist das nicht so wie bei mir. Diesen Instinkt des Aufpassers bekommen die Männer bei uns von klein auf so beigebracht, so auf: Das ist deine Schwester, wenn ihr etwas passiert, bist du schuld.“ Da Amina die Älteste der vier Geschwister ist, sieht sie sich als die „Aufpasserin“ – die Rolle, die sonst oft den Brüdern zugeschrieben wird. Ihr ist es wichtig, dass ihre Brüder nicht in falsche Kreise geraten. So wie das bei Zaras Bruder der Fall war. Er sei früher ein ganz „normaler, lieber, gescheiter Junge“ gewesen, wie sie erzählt. Bis ihn sein Umfeld beeinflusst habe und „er auf einmal denkt, er muss dem Image des ur-argen Tschetschenen entsprechen“, sagt Zara frustiert. Diesem Image zu entsprechen, bedeute für ihn, Stärke und Macht zu beweisen, auch gegenüber seiner Schwester. Aber woher stammt dieses Bild, das Zaras Bruder meint, repräsentieren zu müssen? 

Blutige Geschichte

Das tschetschenische Volk hat viele Generationen lang im Krieg gelebt. Die Beziehungen zwischen Tschetschenien und Russland sind seit Jahrhunderten von Unterwerfung und Widerstand geprägt. Anfang der 90er Jahre, nach dem Zerfall der Sowjetunion, erklärte Tschetschenien die Unabhängigkeit gegenüber Russland. Darauf folgten die beiden Tschetschenienkriege – der erste von 1994 bis 1996, der zweite von 1999 bis 2009. Im Zuge dieser Kriege flohen auch meine Gesprächspartnerinnen mit ihren Familien nach Österreich. Auch heute ist die Lage in der Kaukasusrepublik angespannt: Seit 2010 ist Ramzan Kadyrow Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Seine diktatorische Amtsführung ist geprägt von schweren Menschenrechtsverletzungen, Korruption und einem Personenkult rund um seine Person. Sein langer Arm reicht bis in die Diaspora. Für Experten ist es nicht verwunderlich, dass das „Kämpferische“ zwangsläufig zum Teil der Identität wird, wenn man in einer Kultur aufwächst, die davon geprägt ist, sich beweisen zu müssen, um zu überleben und wahrgenommen zu werden.

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Foto: Zoe Opratko

Mädchen wie Zara kennen den Krieg genau wie ihre Brüder nur aus Erzählungen. Sie sind als Kleinkinder nach Österreich gekommen und finden sich hier in der Diaspora erst recht in diesen Strukturen wieder. „Ich brauche aber niemanden, der mich beschützt“, empört sich Zara. „Wenn ich mit meinem Bruder rausgehe, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich in Schwierigkeiten gerate, höher als wenn ich alleine oder mit Freundinnen draußen bin.“ Zara weiß, dass sie ihren Brüdern an Intelligenz und Reife um einiges voraus ist, aber sie darf weniger, obwohl sie älter ist. „Du stehst in meiner Familie vor so vielen grundlos geschlossenen Türen, nur weil du eine Frau bist. Du musst die Dinge richtig schlau angehen“, erklärt sie. Amina geht es schlau an. „Ich habe islamisch gesehen so viele Rechte, die ich mir einfordere – das kannst du dir gar nicht vorstellen. Bei uns ist immer diese Frage, was vorgeht: Islam oder Kultur? Ich sage Islam, weil da darf ich mehr.“ 

„Ich vertraue dir hier echt mein Leben an“

Um zu erfahren, was es mit dieser tschetschenischen Kultur auf sich hat, treffe ich mich mit vier jungen Frauen. „Unser älterer Bruder kontrolliert uns nicht“, erzählen die Schwestern Seda und Kadishat. Er vertraue seinen Schwestern und sehe nicht ein, sie in irgendeiner Weise einzuschränken. Die Beiden dürfen auch Hosen tragen – in der tschetschenischen Kultur eigentlich nicht gern gesehen, wie sie mir erzählen. „Aber unser Vater beginnt schon deswegen zu nerven, weil die Leute halt reden.“ Der Druck der Community sei groß und alles spricht sich herum. Deshalb bleiben die Frauen in dieser Geschichte auch anonym. Aber reden wollen sie alle: Wie ihre Freundinnen Makka und Leyla. Ob sie überhaupt möchten, dass jemand wie ich, die mit der Kultur nichts zu tun hat, über sie schreibt? Sie wollen. „Danke, dass endlich jemand von außen darüber reden will. Aber ich vertraue dir hier echt mein Leben an,“ bekomme ich zu hören. Welchen Gefahren die Frauen nämlich zum Teil ausgesetzt sind, dazu kommen wir später.

Alles muss geheim ablaufen. Von unseren Treffen weiß niemand. Personenbeschreibungen lasse ich zu ihrer Sicherheit aus. Sie sind alle um die zwanzig und leben in Wien, das muss reichen. Nicht einmal ich kenne ihre echten Namen. Auf Social Media sind die Mädchen nicht mit ihrer echten Identität unterwegs. Sie nutzen Fake–Profile. Auf den Profilfotos sieht man Blumen, Sonnenuntergänge und Mangas. Fotos der Mädchen selbst sucht man vergeblich. Das sei zu gefährlich: „Es gibt dann Telegram-Gruppen von tschetschenischen Männern, die Bilder von Mädchen reinposten und ihnen drohen, weil sie das zu freizügig finden.“ Deshalb wahren die Frauen online ihre Identität. Aber das ist nicht der einzige Grund. Amina hat mir das so erklärt: „Ich muss immer für fünf Personen denken: Für mich, meinen Vater und meine Brüder. Welche Konsequenzen das für sie haben könnte, nicht nur für mich.“

Dabei ist der Bedarf, miteinander auf Social Media zu kommunizieren, da. Es gibt geschlossene Profile auf Instagram, in denen Tschetschenen und Tschetscheninnen in Wien sich austauschen – von Informationen über Studienwahl, über Netflix-Empfehlungen, Liebeskummer-Postings bis hin zu Fragen zur Hochzeitsnacht findet man hier alles. Um diesen Seiten beizutreten, wird man aufgefordert, auf tschetschenisch eine Sprachnachricht zu hinterlassen. Man will hier unter sich bleiben – der kulturelle Verhaltenskodex („Adat“) ist für Außenstehende schwer zu verstehen. Stundenlang scrolle ich durch diese Profile: Neben den „normalen“ Themen findet man hier allerhand „Ratschläge“. Und diese Ratschläge sind das, was Zara mit „schlimmer, als das, was man weiß“ meinte. Ich lese Regeln um Regeln, wie sich eine „gute, tschetschenische Frau“ zu benehmen hat. Nämlich „schüchtern, leise, auf keinen Fall schamlos“. Wie sie sich vor den Schwiegereltern zu verhalten hat: „Nicht duschen, wenn die wach sind. Nicht im Raum bleiben, wenn Männer anwesend sind.“ Die Liste geht ewig weiter. Aufrufe nach Zweitehefrauen. Fragen, ob man eine Frau, die keine Eltern hat, heiraten sollte. Fragen, wie man seine Schwester, die sich „schamlos“ benimmt, züchtigen kann. Verfasst von „Hobbysittenwächtern“, wie Zara sie nennt, „die meinen, der Prophet höchstpersönlich zu sein.“ Positiv überrascht bin ich darüber, dass sich die Frauen in diesen Gruppen das nicht gefallen lassen. Unter fast jedem Posting entfacht sich eine Diskussion, in der eine Frau einem solchen Hobbypropheten Kontra gibt. Allerdings anonym.

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Foto: Zoe Opratko

Das, was dort auf Instagram abgeht, verkörpert den Frust der Frauen im echten Leben: Auf jedem Schritt werden sie verurteilt, beobachtet und bewertet. „Alles nur, weil sich das unsere Männer irgendwann ausgedacht haben“, so Makka. „Es gibt aber auch Frauen, die sich mit diesen ganzen Regeln abgefunden haben und diese Kultur schönreden wollen. Die sind noch schlimmer“, verdreht sie die Augen. Immerhin war ein Mitglied der im August gefassten Sittenwächter-Gruppe eine Frau. Apropos Sittenregeln, die gibt es vor allem in der Liebe. „Wir haben so viele komische Datingregeln, das kannst du dir nicht vorstellen.“ Sie beginnt ihre Aufzählung: Der Mann soll das Gespräch leiten. Die Frau darf unter keinen Umständen schamlos sein, also zu laut lachen oder ihre Meinung sagen. Darunter fällt auch die Frage: „Wie viele Kinder willst du?“ Das ginge schon zu weit – der Mann könnte sich schließlich ausmalen, wie diese Kinder dann entstehen. Ob überhaupt Treffen vor der Hochzeit erlaubt sind, da scheiden sich die Geister. Auf keinen Fall dürfe man sich berühren.

Einen suchen, der normal ist

Für die Frauen ist Dating Fluch und Segen zugleich. „Ohne Mann keine Freiheit. Aber der Mann gibt dir dann auch keine Freiheit“, erklärt Makka resigniert. Man müsse sich halt einen suchen, der normal sei, empfiehlt Amina. „Der dich normal studieren und den Führerschein machen lässt.“ Alles andere würde sie nicht akzeptieren. „Und wenn er nur eine Zweitfrau erwähnt, dann bin ich weg“, lacht sie. Daher wollen die Schwestern Seda und Kadishat auf keinen Fall später einen tschetschenischen Mann heiraten. „Aber wir müssen“, sagt Kadishat ernst. Das tschetschenische Volk ist mehrere Male historisch gesehen vor der Vernichtung gestanden. Durch die Heirat „untereinander“ soll gesichert werden, dass das Volk als solches bestehen bleibt. Dieses Denken ist in der Community tief verwurzelt. „Unsere Mutter weiß, wie unsere Männer so ticken. Aber sie sagt dann immer: Was soll man machen.“ Bei Liana ist das anders. Ihr Vater will sie nur an einen guten Moslem vergeben. Die Nationalität sei da nicht vorrangig. Makka unterbricht sie: „Und selbst wenn es dein Vater erlaubt. Schau, bei uns ist das so: Ich bin nicht nur die Tochter meines Vaters. Ich bin auch die Enkelin von jemandem, die Nichte, und so weiter. Islamisch gesehen braucht es nur die Erlaubnis des Vaters. Aber in unserer Kultur mischen sich alle ein: Onkel, Brüder, Großvater und irgendwelche komischen Männer, die man nicht mal so gut kennt“, sagt Makka kopfschüttelnd. Dass sie einmal einen anderen Landsmann heiraten will, weiß in ihrer Familie niemand. Das Thema „Mischehe“ sei immer noch ein großes Tabu innerhalb der Community.

Das Märchen von den sieben Brüdern

Die Mädchen und ihre Aussagen hier als Nonplusultra darzustellen, wäre leicht. Zu leicht. Sie sind frustriert und deshalb möchten sie reden – was ihr gutes Recht ist. Diese Geschichten sind die Lautesten – diese aber als repräsentativ darzustellen, wäre eine Anmaßung gegenüber der gesamten Community. Deshalb will ich wissen, wie es den anderen geht – jenen tschetschenischen Frauen, deren Lebensrealität anders aussieht. Wie die 17-jährige Madina. Madina ist genervt davon, auf ihre Herkunft reduziert und mit den immer gleichen Stereotypen konfrontiert zu werden – dass alle Tschetschenen kriminell seien und die ewige Frage, ob man Angst vor ihren „sieben Brüdern“ haben müsse. „Sowas verletzt einen schon.“ Sieben Brüder hat Madina natürlich nicht. Die Gymnasiastin will nach der Matura studieren. Auch das Thema „Mischehe“ wird in ihrer Familie anders behandelt. Sie ist es leid, dass immer dieselbe Message nach außen getragen wird. Dabei lebt die Mehrheit der Tschetschenen in Österreich ganz normal, studiert und arbeitet. „Man kann nicht aufgrund einiger Fehltaten von Leuten die ganze Nation über einen Kamm scheren.“ Sie würde sich wünschen, dass man sich mehr informiert und austauscht, bevor man alle in einen Topf wirft. „Es gibt in jedem Land und in jeder Nation schwarze Schafe.“

„Es gibt die Guten. Aber die sind still“

Die schwarzen Schafe, also das Lieblingsthema des Boulevards: die Sittenwächter. Makka und ihre Freundinnen haben alle schon Erfahrungen mit ihnen gemacht, deshalb reden wir darüber. „Das kann ja nicht sein, dass irgendwelche fremden Zwölfjährigen zu uns auf der Straße hinkommen und uns darauf hinweisen, dass unser Rock zu kurz ist", verdreht Kadishat die Augen. Ich will wissen, woher diese überhaupt wissen, dass es sich um ihre „Landsfrauen“ handelt. Tschetschenen erkennen Tschetschenen – sagen die Mädchen. „Wenn du als tschetschenische Frau mit einem „Nicht-Che“ unterwegs bist und dir dann Tschetschenen begegnen, ufff“, erklärt Seda. Sie saß einmal nach dem Unterricht mit einem Klassenkameraden in der Straßenbahn, sie unterhielten sich über die bevorstehende Spanischschularbeit. „Und dann tauchen wie aus dem Nichts mir fremde Ches auf und versichern mir, dass sie mich verprügeln, wenn sie mich noch einmal mit diesem Jungen sehen.“ Woher sich diese Männer das Recht rausnehmen, so zu handeln, schieben sie auf die Kultur. Dabei missbrauchen sie die Begriffe Ehre und Respekt und reinterpretieren sie so, dass es ihnen passt, so die Mädchen. Auch Amina ist davon genervt: „Als ob ich etwas dafür kann, wenn mein Klassenkamerad und ich zufällig denselben Nachhauseweg haben." Und sie sagt ihnen dann auch die Meinung. „Wie sich diese Typen teilweise benehmen, hat mit dem Islam nichts zu tun. Die haben einfach durch falschen Umgang eine Gehirnwäsche bekommen.“

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Foto: Zoe Opratko

Aber was ist mit den „Guten“? Jenen tschetschenischen Männern, die diesem Image nicht entsprechen? „Es gibt die Guten. Die sind aber still. Die hörst du nicht, weil die nicht so laut sind. Weil die sich nicht präsentieren. Und die wollen dann auch keine Tschetschenin heiraten“, erklärt Leyla. Aber die Lauten geben leider den Ton an – und die anderen leiden darunter. Oder geraten zu früh in schlechte Kreise. Wie Zaras Bruder. „Mit meinem Freund treffe ich mich im Museum. Weil da keine Tschetschenen sind“, erzählt mir Zara, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihr Freund – kein Tschetschene. „Ich weiß, dass meine Brüder mit allen Lisas und Annikas Wiens schreiben, und das ist egal, weil sie Jungs sind. Aber ich will mir nicht ausmalen, wenn meine Eltern von meinem Freund erfahren würden.“ Sie will ihren Freund heiraten. „Auch wenn wir uns einmal trennen – wir sind ja noch jung. Aber immerhin weiß er dann, dass er mich aus dieser Familie herausgeholt hat“, sagt sie ernst. Mit der Familie zu brechen, das wäre nur im äußersten Notfall eine Option – und wie überall, wo Communitys stark vernetzt sind, auch problematisch.

„Unsere Kultur ist arg patriarchal. Das kann niemand verleugnen

Bei Zara merkt man schnell, dass dieser Hass auf tschetschenische Männer aus ihrer Erziehung kommt. „Tradition wird bei vielen unserer Männer über Religion gestellt. Mein Vater ist so einer: betet nicht, raucht, betrügt meine Mutter. Aber wenn ich mich früher als Teenagerin geschminkt habe, hat er mir ins Gesicht gespuckt.“ Bis Zara den Hijab – den sie nie tragen wollte – ablegen konnte, war es ein langer Kampf. Der Vater drohte ihr, sie einzusperren. Mit der Hilfe ihrer Mutter und viel Überzeugungskraft hat sich Zara im Endeffekt durchgesetzt. Die Kleiderordnung bei ihr zu Hause ist nach wie vor ein Thema: Jeans werden bei ihr daheim auch nicht gern gesehen : „Das Ironische ist: Egal wie kurz mein Minirock wäre, es ist weniger schlimm als eine Hose.“ Dies bekräftigen auch die anderen Mädchen – manche Regeln ergeben für sie keinen Sinn. „Unsere Kultur ist arg patriarchal. Das kann niemand verleugnen“, resümiert Makka.

 „Wir müssen die nächste Generation anders erziehen“

Aus unseren Gesprächen geht eines klar hervor: Alles, was Zara, Makka, Leyla, Seda und Kadishat an ihrer Kultur beklagen, ist die verzerrte, patriarchale Denkweise aus ihrem Umfeld. Somit drehen sich unsere Gespräche erst recht hauptsächlich um die Männer: Um die Denkweise jener Männer, die aufgrund fragwürdiger Vorbilder und patriarchal verinnerlichter Strukturen die Lautesten sind. Darunter leiden nicht nur die tschetschenischen Männer, die diesem Image eben nicht entsprechen – sondern vor allem die Frauen. Auch in Wien sind sie nicht in Sicherheit. Was braucht es also, damit mehr tschetschenische  Frauen wie Madina aufwachsen und nicht wie Zara, Makka, Seda und Kadishat vor Sittenwächtern Angst haben? Die Männer brauchen gute Vorbilder. Es braucht mehr Aufklärung, mehr Bildung, mehr Austausch, und vor allem: Es muss den Frauen endlich zugehört werden. Was sich diese Frauen für ihre Zukunft wünschen? Dass sie nicht mehr für jeden ihrer Schritte verurteilt werden, nur weil sie Tschetscheninnen sind. Dass auch ihre Community mit der Zeit geht. Das resümiert Leyla: „Wir werden diese Freiheit so nicht mehr erleben. Aber was wir tun können, ist, unsere Kinder, unsere Söhne so zu erziehen, dass die nächste Generation endlich normal aufwachsen kann.“ 

*Unsere Redaktion kooperiert mit biber – was wir bei jetzt ziemlich leiwand finden. Als einziges österreichisches Magazin berichtet biber direkt aus der multiethnischen Community heraus – und zeigt damit jene unbekannten, spannenden und scharfen Facetten Wiens, die bisher in keiner deutschsprachigen Zeitschrift zu sehen waren. biber lobt, attackiert, kritisiert, thematisiert. Denn biber ist "mit scharf". Für ihre Leserinnen und Leser ist biber nicht nur ein Nagetier. Es bedeutet auf türkisch "Pfefferoni" und auf serbokroatisch "Pfeffer" und hat so in allen Sprachen ihres Zielpublikums eine Bedeutung. Hier könnt ihr die Ausgabe sehen, in der der Text zuerst erschienhttps://www.dasbiber.at 

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