„Den Schwarzmarkt kann die Politik nicht kontrollieren“

In unserer Kolumne erzählt Mia von ihrem Leben als Kifferin. Folge 22: Warum Mia für eine Legalisierung ist.
Protokoll von Niko Kappel

Foto: birdys / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Zum Kiffen hat so ziemlich jede*r eine Meinung. In der öffentlichen Debatte darüber kommen die Konsument*innen aber am wenigsten zu Wort. Das sind in Deutschland rund 3,7 Millionen Menschen – und längst nicht alle kiffen aus medizinischen Gründen. Die Studentin Mia kifft seit sieben Jahren. Hier erzählt sie von ihrem Alltag mit Cannabis. 

Mit anderen Kiffern spreche ich wenig darüber, ob Gras legalisiert werden soll. Denn ehrlich gesagt nervt mich das Thema, wahrscheinlich ist das typische Kiffer-Lethargie. Ich bin zu bequem, um an meiner unbequemen Situation etwas zu ändern. Mit Leuten, die selbst Gras rauchen, kann man über die Legalisierung sowieso nicht diskutieren, weil jeder dafür ist. Das ist nicht konstruktiv und diese kifferromantischen Parolen langweilen mich. Einfach nur sagen, dass Gras die Welt viel besser mache und dass Kiffen doch nur dazu führe, dass sich alle lieb haben, ist meiner Meinung nach Bullshit. Gras ist eine psychisch abhängig machende Substanz, die gefährlich sein kann, wenn man falsch mit ihr umgeht. Meiner Meinung nach wird damit aber gerade tatsächlich gesetzlich falsch umgegangen. Deshalb will ich, dass Gras legalisiert wird. Aber ich versuche, das Thema, von dem ich ja selbst so krass betroffen bin, ein bisschen differenzierter zu sehen und meine Meinung gegenüber Nicht-Kiffern begründen zu können. Wir Legalisierungs-Befürworter müssen sinnvolle Argumente dafür finden, dass Gras entkriminalisiert gehört. 

Wie man in dieser Kolumne ja schon oft lesen konnte, ist mir selbst schon viel Scheiße wegen Gras passiert: Ich musste in Therapie, ich brauchte ständig Geld, ich musste schmerzhaft erkennen, dass manche Freunde keine waren. Ich habe in einem Alter angefangen zu kiffen, in dem Cannabis extrem schädlich für die Entwicklung des Gehirns ist. Ich bin abhängig von einer Substanz, die illegal ist und mache mich deshalb beim Kauf strafbar. Wenn Gras in Deutschland legal wäre, dann hätte mein Konsum weniger Probleme mit sich gebracht. 

„In der jetzigen Situation kommen Minderjährige genauso leicht an Gras wie Erwachsene“

Die Politiker verstehen aus meiner Sicht nicht, dass sie Menschen durch Verbote nicht davon abhalten zu kiffen. Ich bin der Beweis. Deutschland hat die vergangenen 90 Jahre versucht, den Missbrauch von Cannabis mit Verboten zu bekämpfen. Trotzdem kiffen immer noch fast 3,7 Millionen Menschen. Diese Zahl sagt für mich, dass Verbote nicht der richtige Umgang mit Gras sind. Trotz des Verbots bekommt man Gras ohne Probleme an so ziemlich jedem deutschen Hauptbahnhof. Und da bekommen es auch 15-jährige Kinder, so wie ich damals eines war.

Klar muss es für Menschen krass klingen, die mit Drogen nichts zu tun haben: Cannabis im freien Verkauf? Trotzdem sehen wir doch, dass die Dealer nicht durch das aktuelle Verbot verschwinden. Den Schwarzmarkt kann die Politik nicht kontrollieren – oder zumindest nur sehr schlecht. Weder das Produkt, noch die Verkäufer, noch die Konsumenten. In der jetzigen Situation kommen Minderjährige genauso leicht an Gras wie Erwachsene. Und dieses Gras vom Schwarzmarkt ist dann vielleicht auch noch gestreckt. Die rauchen dann irgendeinen Scheiß von der Straße, den ein Dealer mit Haarspray vollgesprüht hat, nur damit das Gras ein bisschen mehr wiegt und deshalb teurer verkauft werden kann. Habe ich alles erlebt, macht keinen Spaß. Einen geregelten Markt kann man dagegen sehr wohl kontrollieren. Man kann dafür sorgen, dass Konsumenten nicht unter 21 sind, man kann festlegen, dass Verkäufer faire Preise anbieten und man kann die Konsumenten schützen, indem man das Produkt kontrolliert. 

„Warum hat uns das in der Schule keiner gesagt?“

Ich will das Thema psychische Abhängigkeit ganz sicher nicht verharmlosen. Ich selbst bin psychisch abhängig von Gras. Ich habe Angst davor, ohne Gras nicht mehr kreativ zu sein, ich kann ohne zu kiffen nicht mehr einschlafen und ich bin ständig gestresst und schlecht gelaunt, wenn ich kein Gras habe. Das alles ist passiert, weil ich nicht gelernt habe, mit meinem Konsum richtig umzugehen. Mich hat niemand beim Thema Gras so aufgeklärt wie beim Thema Alkohol. Dabei lässt sich der Satz „Kenn dein Limit“ aus der Alkoholprävention auch auf Gras anwenden. Auch bei Gras gilt: „Die Dosis macht das Gift.“ Warum hat uns das in der Schule keiner gesagt? Gras und andere heute illegale Drogen waren in der Suchtaufklärung immer pauschal schlecht. Wer sie nahm, war laut der Suchtprävention an meiner Schule eh schon verloren. „Nehmt das einfach nicht, dann wird schon alles gut.“ Weiter ging die Prävention nicht. Wann haben Jugendliche je etwas nicht getan, nur weil es verboten war?

Ich habe durch den Konsum von Gras auch andere Drogen ausprobiert. Gras ist eine Einstiegsdroge, aber nicht, weil der Rausch einen dazu bringt, auch andere Drogen zu konsumieren. Sondern weil man durch Gras in unserer aktuellen Situation viel eher mit Leuten in Kontakt kommt, die andere Drogen konsumieren oder verkaufen. Das wäre nicht so, wenn es legale Abgabestellen für Marihuana gäbe. Die Konsumenten an sich sind nicht die Bösen in der momentanen Situation. Das Böse ist die Kriminalität darum herum.

„Es geht mir nicht darum, mich stressfrei zudröhnen zu können“

Es gibt mittlerweile so krass hochgezüchtete Marihuana-Sorten und keiner weiß, was er gerade in der Hand hält. Keiner kann das kontrollieren, keiner weiß, ob er gerade Gras  mit dem THC-Gehalt von drei oder 30 Prozent gekauft hat. Mein Dealer war mal im Urlaub, deshalb kaufte ich bei einem anderen, von dem ich noch nie was gekauft hatte. Das Gras war viel stärker als das, was ich sonst gewohnt war. Ich zog fünf Mal am Joint und konnte mich danach nicht mehr bewegen, weil ich so stoned war. Eine Legalisierung würde die Konsumenten vor dieser Unwissenheit schützen. Außerdem würde eine Legalisierung auch die Qualität des Produktes sichern. Konsumenten könnten sich so sicher sein, dass ihr Gras in fairen Verhältnissen angebaut wurde, dass niemand in einem Drogenkrieg dafür sterben musste und dass das Cannabis nicht gestreckt wurde, um so mehr Geld damit zu verdienen.

Es geht mir nicht darum, mich stressfrei zudröhnen zu können. Das kann ich auch, wenn Gras illegal bleibt. Glaubt mir, dazu habe ich mir in den vergangenen acht Jahren die Strukturen geschaffen. Es geht um die Kiffer, die ohnehin anfangen werden zu kiffen. Wie hart werden sie es haben? In welche Milieus werden sie sich begeben? Das hat meiner Meinung nach auch der Staat in der Hand.

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