„Gras hat mich emanzipiert“

In unserer Kolumne erzählt Mia von ihrem Leben als Kifferin. Folge 19: Kiffen als Frau.
Protokoll von Niko Kappel

Foto: kallejipp / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Zum Kiffen hat so ziemlich jede*r eine Meinung. In der öffentlichen Debatte darüber kommen die Konsument*innen aber am wenigsten zu Wort. Das sind in Deutschland rund 3,7 Millionen Menschen – und längst nicht alle kiffen aus medizinischen Gründen. Die Studentin Mia kifft seit sieben Jahren. Hier erzählt sie von ihrem Alltag mit Cannabis. 

Mit 17 saß ich mal mit einer Freundin am Rande des Bahnhofs meiner Heimatstadt und wir haben gekifft. Wir hatten gerade angefangen zu rauchen, da liefen plötzlich zwei Polizisten auf uns zu. Sie hatten wahrscheinlich unseren Joint gerochen. Ich hatte mega Angst, ich wohnte damals noch bei meinen Eltern. Mit ihnen hatte ich eh ständig Stress wegen des Grases. Wenn mich jetzt auch noch die Polizei erwischen würde – ich war mir sicher, sie würden mich ins Internat stecken. Möglichst unauffällig drückte ich den Joint hinter meinem Rücken auf dem Boden aus und ließ ihn in meine Tasche fallen. Die Polizisten standen vor uns und forderten uns dazu auf, unsere Ausweise zu zeigen.

Meine Freundin trug an diesem Tag abgewetzte Boyfriend-Jeans und hatte einen löchrigen Turnbeutel dabei. Sie wurde zehn Minuten lang durchsucht, die Polizisten fanden nichts. Ich hatte damals noch einen feminineren Look als heute. Ich trug eine Bluse und hatte eine Handtasche dabei. Ich wurde keine Sekunde durchsucht. In meiner Handtasche lag weiter der Joint – aber die Polizisten guckten nicht eine Sekunde hinein. Nachdem sie meine Freundin gefilzt hatten, wünschten sie uns noch einen schönen Tag und liefen weg. Wir gingen in den Park und rauchten dort zu Ende.

Ein Vorteil, den ich als kiffende Frau habe, ist, dass ich nie in eine Zivilkontrolle komme. Die Polizisten kontrollieren einfach keine Frauen, die sind so darauf getrimmt, dass nur Männer Drogen nehmen, es ist echt krass. Ich verstehe nicht, woher dieses Bild kommt. Warum denken die Menschen, Frauen würden weniger kiffen als Männer? Mich haben schon so oft Typen auf meinen Graskonsum angesprochen und dann sowas gesagt wie: „Für ein Mädchen rauchst du echt viel.“ Ich sage dann sowas wie: „Ja, warum auch nicht. Und ich baue sicher bessere Joints als du.“

Ich fand dieses Männer-Ding beim Kiffen schon immer komisch. In der Schule galt ich als kiffendes Mädchen immer automatisch als cool. Mit den Jungs kam ich in der Schulzeit auch viel besser zurecht. Alle mochten mich, weil ich für sie eher so der Kumpeltyp war. Ich wirkte auf sie nicht feminin, ich war eben kein typisches Mädchen. Ich hatte durch Gras ein Alleinstellungsmerkmal, das verwirrt mich noch heute. Ob Mann oder Frau, das hat doch nichts damit zu tun, was man konsumiert?

„Meiner Erfahrung nach, können Frauen nämlich viel besser mit Gras umgehen“

Vielleicht liegt dieses Schubladendenken daran, dass Frauen das Böse, was die Menschen mit dem Kiffen durch die Gesetzeslage verbinden, nicht zugetraut wird. Ich kann mir diese Verwunderung, die mir Menschen als kiffende Frau entgegen bringen, nicht anders erklären. Wann immer auf einer Party rauskommt, dass ich den Joint gebaut habe, der gerade rumgeht, dann wundern sich die Leute und feiern es, dass dieser Joint von einer Frau kommt. 

Meiner Erfahrung nach, können Frauen mit Gras besser umgehen als Männer. Ich weiß, auch das ist sehr pauschalisierend. Aber ich habe das Gefühl, dass Typen immer was beweisen müssen, wenn sie einen Joint oder eine Bong in der Hand haben. Das ist wie beim Alkohol: Wer kann mehr saufen, wer verträgt mehr. Ich habe schon so oft erlebt, dass ein Typ total am Arsch war, weil er beweisen wollte, wie viele Bong-Heads er jetzt wirklich durchziehen kann. Ich hab noch nie eine Frau erlebt, die sowas macht. Wenn ich genug habe, höre ich einfach auf.

Obwohl ich das mit den Geschlechtern beim Kiffen nicht verstehe, muss ich sagen: Gras hat mich emanzipiert. Ich sage jetzt nicht, dass Kiffen feministisch ist. Aber weil mein Umgang mit Gras eben so gegen die Erwartungshaltung meiner Mitschüler ging, hat es mich von meiner Geschlechterrolle als heterosexuelle Frau emanzipiert. Eben weil die Leute um mich herum da so in Schubladen gedacht haben. Ich kam durch Gras in ihrer kleingeistigen Welt aus der Frauen-Schublade raus. Dadurch, dass mich die Leute nicht so feminin wahr nahmen, fühlte ich mich auch weniger so. In meiner Outingphase, gegen Ende der Schulzeit, passte mir das natürlich ganz gut in den Kram. Ich begriff, dass ich auf Frauen stand und wollte mich deshalb am liebsten mit nichts definieren, was irgendwie feminin war. 

Mia heißt nicht wirklich Mia, möchte aber  ihren richtigen Namen nicht im Internet lesen. Ihr wahrer Name ist der Redaktion bekannt. Für diese Kolumne treffen wir sie regelmäßig und sprechen mit ihr über ihr Leben als Kifferin.

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