Wenn die Technik uns verrät

Wer hat hier eigentlich die Kontrolle über wen: Wir über unsere Handys, oder die über uns?
Illustration: FDE

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Jeder weiß: Technik kann ein Endgegner sein. Aber während Geräte unsere Vorfahren vor 20 Jahren noch primär fuchsig machten, weil sie sich geweigert haben, richtig oder überhaupt zu funktionieren, haben unsere Mobiltelefone inzwischen einen ziemlich übergriffigen und niederträchtigen Charakter entwickelt. Und nein, wir reden hier nicht nur von Problemen mit der Datensicherheit. Glaubt ihr nicht? Hier sind fünf der schlimmsten Dinge, die das eigene Handy einem antut – und dabei auch noch ein freundliches Gesicht macht.

Die automatische Foto-Optimierung

technik fails selfie

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Dafür ist es da: Soll einen attraktiver machen. 

Das tut es, wenn dein Handy einen schlechten Tag hat: Kamera an, Selfietime! Und einfach nur wow, seh’ ich heute heiß aus! Das warme Licht auf meiner Pfirsichhaut, quasi keine Augenringe, dafür große, glänzende Pupillen – moment mal! Vielleicht sehe ich sogar ein bisschen zu gut aus. Kurz in den Kamera-Einstellungen gecheckt, den Bösewicht gefunden: Die automatischen Filter sind eingeschaltet. Zu früh gefreut. Nachdem man die eigenen Augen wieder auf Normalgröße gedreht und die Stirn wieder von Falten zerfurcht ist, könnte man als Sinnbild des eigenen grauen Alltags durchgehen. Selfie gelöscht, Kamera aus, Selbstwert angeschlagen.

Übergriffigkeits-Skala: Neun von zehn. Wäre eine glatte zehn von zehn, wäre der Filter nicht nur deswegen noch an gewesen, weil du das letzte Mal selbst ausprobieren wolltest, wie du in superhübsch aussehen würdest.

Der wegweisende Werbe-Algorithmus

technik fails werbung

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Dafür ist er da: Dir Produkte vorzuschlagen, die dich interessieren könnten aka dich interessieren sollen.

Das tut es, wenn dein Handy einen schlechten Tag hat: Du gehst auf die 30 zu? Vielleicht hast du auch eine:n feste:n Partner:in? Dann willst du jetzt doch sicher BABYS oder HEIRATEN! Wie – nein? Egal, du passt in die Zielgruppe, und deswegen bombardiert dich der Algorithmus auf beispielsweise Facebook mit Werbung für Schwangerschaftstests, Ratgebern wie man schwanger wird und Brautkleidmode. Das Männer-Äquivalent sind heruntergesetzte Trauringe und Datingportale für den „perfekten One-Night-Stand“. Eww. 

Übergriffigkeits-Skala: Neun von zehn. Es nervt immer mithilfe irgendwelcher undurchsichtiger Algorithmen beworben zu werden, aber besonders, wenn man sich deswegen auf einmal Familienfeier-Style rechtfertigen muss: Nein, Tante Facebook, wir sind als Paar noch nicht soweit eine Familie zu planen!!!

Die Freunde-Vorschlagsliste

technik fails freunde vorschlag

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Das tut es eigentlich: Dir Leute vorschlagen, die du kennst und magst, und mit denen du dich auf Social Media vielleicht gerne vernetzen würdest. 

Das tut es, wenn dein Handy einen schlechten Tag hat: Dir deinen Ex-Freund vorschlagen. Auf Instagram, Facebook, Twitter, Linkedin, Xing, einfach immer und immer wieder das Gesicht von diesem Pfosten. Dazu die kleine Notiz: „Könntest du kennen.“ Ja, das dachtest du auch mal – aber wann kennt man eine Person schon wirklich? 

Übergriffigkeits-Skala: Drei von zehn. Auch wenn du es nicht zugeben willst, wirst du den Typen zwar nicht nochmal befrienden, aber man könnte ja zumindest mal wieder ein bisschen sein Profil stalken. 

Der Tiktok-Algorithmus

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Dafür ist es da: Soll dir auf Tiktok Content vorschlagen, der dir gefällt und dich bei Stange hält.

Das tut es, wenn dein Handy einen schlechten Tag hat: Es zeigt dir ausschließlich eine Sorte von Inhalten – zum Beispiel „Comedy“-Content von deutschen Teenage-Content-Creator:innen. Wann du zum letzten Mal englisch-sprachige Clips auf deiner FY-Seite hattest (FY = For You, für alle Menschen, die sich der App noch verweigern), weißt du nicht mehr. Und zwar nicht nur, wenn dein Handy einen schlechten Tag hat. Einfach immer. Welches Tiktok hast du gelikt, das diese Hölle über dich hineinbrechen ließ, dich in diese Sparwitz-Schublade eingeordnet hat, aus der du jetzt nicht mehr entkommst? Darunter diese Lowlights: „POV: Du kommst in eine Ethnologie-Vorlesung“, „POV: Ich als Lehrer“ oder auch diese subtil sexistischen Formate: „Wie man mit seiner Freundin umgeht, wenn sie hungrig ist“. Augenroll, ihr könnt es euch vorstellen. 

Übergriffigkeits-Skala: Acht von zehn, weil offenbar hast du dir selbst den Algorithmus so trainiert, dass er dir jetzt nicht mehr taugt.

Das Erinnerungsfotobuch

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Dafür ist es da: Dich an schöne Momente mithilfe deiner Fotos erinnern. 

Das tut es, wenn dein Handy einen schlechten Tag hat: Mindestens einmal die Woche will mein Handy, dass ich ein bisschen in alten Zeiten reminisziere. „Hey Magdalena“, klopft es bei mir an, „willst du wissen, was du heute vor zwei Jahren gemacht hast?“ In der automatisch von meinem Handy zusammengestellten Foto-Galerie mit Bildern, die ich vor zwei Jahren gemacht habe, befindet sich dann ein verwischtes Foto eines Kassenzettels, ein mittelschönes Sonnenuntergangsbild, und ein Foto von meinem Vater am Küchentisch. An dem Tag hat er mir gesagt, dass er Krebs hat. Danke Google, wer erinnert sich nicht gerne an einen der beschissensten Tage ever!

Übergriffigkeits-Skala: Sieben von zehn. Kann zwar ein ungebetener Schlag in die Magengrube sein, aber naja: Besser so eine penetrante Erinnerung, als bestimmte Sachen einfach zu verdrängen.

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