„Menschen sind mies im Entscheiden“

Die britische Mathematikerin Hannah Fry erklärt, warum wir mit Algorithmen Frieden schließen sollten.
Interview von Magdalena Pulz

Illustration: Federico Delfrati

Algorithmen sind überall: Ob es um Facebook-Filterblasen geht oder um künstliche Intelligenzen – eigentlich steckt immer die Frage nach Nutzen und Gefahr von Algorithmen dahinter. Die auch aus unterschiedlichen Ted-Talks bekannte Mathematikprofessorin Hannah Fry gibt uns in ihrem gerade erschienenen Buch „Hello World: Was Algorithmen können und wie sie unser Leben verändern“ eine Idee, wie wir die Dominanz der Algorithmen kontrollieren könnten.

jetzt: Wie verändern Algorithmen denn jetzt unser Leben?

Hannah Fry: Wesentlich tiefgreifender als wir das vielleicht realisieren. Die Leute merken heute, dass Algorithmen mehr und mehr Teil ihres Alltags sind. Etwa, wenn es um den Amazon-Algorithmus geht, der uns sagt, was wir kaufen sollen, oder der Google-Algorithmus, der uns beim Suchen hilft. Aber vielen ist nicht klar, dass Algorithmen auch in unseren Krankenhäusern, Polizeistationen, in Gerichten und Schulen genutzt werden. Es gibt jetzt schon fast keinen Bereich des Lebens mehr, der unberührt ist – und das wird sich noch verstärken.

Hannah Fry ist Mathematikprofessorin am University College London.

Foto: Peter Bartlett

Und das soll etwas Gutes sein?

Wenn wir es richtig machen. Man darf nicht naiv sein. Menschen sind mies im Entscheiden. Wir haben Probleme damit, uns schnell zu entschließen, unter Druck zu handeln, manchmal sind wir faul und, wenn die Umgebung langweilig ist, fällt es uns schwer, uns zu konzentrieren. Das sind aber alles Dinge, in denen Algorithmen wirklich gut sind, da liegen ihre Stärken. Es braucht eine Partnerschaft, die die jeweiligen Stärken nutzt und die Schwächen anerkennt. Es geht nicht um Menschen versus Maschinen.

Haben Sie für so eine gelungene Partnerschaft heute ein Beispiel?

Eine Menge Algorithmen geben sich wie eine Autorität. Das sind sie natürlich nicht, sie sind ja nur riesige Mathe-Maschinen. Und es gibt nicht immer die eine richtige Antwort. Bei besseren Navigations-Apps, wie bei Google-Maps etwa, funktioniert das schon ganz gut. Anstatt einer Person einfach den einen richtigen Weg hinzuknallen, kriegt man die Auswahl zwischen drei möglichen Routen und kann dann selber wählen, was einem am besten passt. Im Endeffekt muss man sichergehen, dass man eine Umgebung schafft, die es dem Menschen erlaubt, die bestmögliche Entscheidung zu fällen. Dafür sollten Algorithmen gemacht sein.

Wenn man sich Facebook anschaut, sind Algorithmen nicht schon zu mächtig, können wir diesen Weg überhaupt noch gehen?

Nein, es gibt nicht den einen Scheideweg, an dem sich die Gesellschaft für oder gegen Algorithmen entscheidet, es gibt Millionen. Wir müssen die Konversation öffnen, es geht um das Leben von uns allen. Gerade junge Leute müssen diesen skeptischen Blick auf das Thema lernen – das Gute und das Schlechte hinterfragen. Algorithmen haben ein echtes Potenzial, unsere Gesellschaft positiv zu verändern. Aber ja, wir müssen vorsichtig sein.

„Wir leben im Wilden Westen, was Algorithmen angeht“

Gibt es ein Problem mit Algorithmen, das unterschätzt wird?

Dass Regeln und Kontrolle fehlen. Unternehmen können einfach irgendwas behaupten, was ihr Algorithmus so kann – und es wird von niemanden überprüft. Das ist so wie mit der Medizin vor ein paar hundert Jahren: Im Wesentlichen konnte man einfach irgendeine farbenfrohe Flüssigkeit in eine Glasflasche füllen und den Menschen erzählen, das sei Medizin, Geld dafür verlangen und niemand hat einen dafür dran gekriegt. Das ist natürlich gefährlich.

Aber es gibt doch auch gefährliche Algorithmen?

Klar, wir leben im Wilden Westen, was Algorithmen angeht. Unternehmen konnten eine lange Zeit einfach alle Daten sammeln, die sie wollten und sie dann auch noch benutzen wie immer sie wollten. Das ist aber nicht die Schuld der Algorithmen: Es kommt darauf an, nicht zu viel Glaube oder Macht in sie zu stecken.

Gibt es denn überhaupt etwas, das sie noch nicht können?

Musik komponieren. Und lustig sein! Ich hatte mal einen Studenten, der für einen Kurs einen Algorithmus gebaut hat, der Witze erfinden sollte. Der hat dann durch Zufall manchmal einen Witz gemacht. Damit ein Algorithmus aber wirklich lustig sein kann, muss er Nuancen, Kontext und unterschiedliche Perspektiven auf die Welt verstehen. Ich habe noch keinen gesehen, der das kann. Aber das kommt bestimmt noch. Man kann da schon mit rumspielen. Aber es gibt den Punkt, wo die Menschheit einfach überlegen ist. Wo keine kalte Logik hilft, nur Emotionen.

Wenn es nicht die Algorithmen sind, die uns Sorgen machen sollten – gibt es eine andere technische Entwicklung, die sollte?

Quantum Computing ist ein wenig alarmierend. Im Moment beruht unsere Technologie auf einer Binärcodierung, Einsen und Nullen, ja und nein. Quantum Computing erlaubt auch alles dazwischen, da ist so viel mehr Spektrum. Unsere Computing Power wird damit dramatisch ansteigen, diese Computer sind unvorstellbar leistungsstark.

Bessere Computer sind doch eine gute Sache.

Schon. Wir werden Probleme, für die unsere Rechner gerade Jahre brauchen, tausendmal schneller lösen können. Großartig – auf der einen Seite. Auf der anderen Seite bedeutet das dann, dass all unsere Internetsicherheit, unsere Kreditkarten, unsere gesamte Online-Kommunikation aufbrechbar sind. Das ist das Ende des Geheimnisses. Das wird unser Leben radikal verändern.

Wie bald kann man denn mit diesen Supercomputern rechnen?

Kann man nicht sagen. Es gibt schon sehr kleine Versionen davon, die können aber noch nicht wirklich etwas. Ich denke aber, wir werden es in unserem Leben noch erleben.

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