Ein Twitter-Account verteilt Noten für Hintergründe bei Video-Calls

„Dunkel. Trist. Mutlos. 0 von 10 Punkten.“
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Foto: twitter / @ratemyskyperoom

Früher waren Konferenzen so einfach. Platz nehmen, irgendwann was Sinnvolles sagen, fertig. Da man eh schon im Büro war, sah man dabei zwangsläufig halbwegs ordentlich aus. Auch um das Setting musste man sich im Normalfall keine Gedanken machen, saßen ja alle im gleichen Raum. Dann kam die Corona-Pandemie und die Konferenzen verlagerten sich ins Internet. Jetzt sitzen viele von uns daheim, wenn über Tools wie Microsoft Teams oder Zoom Themen besprochen, Tage geplant und Projekte organisiert werden.

Plötzlich ist man nicht mehr ohnehin schon geduscht, ordentlich angezogen und gekämmt, wenn um neun Uhr eine Besprechung ansteht, unzählige Male wurde in den vergangenen Wochen der Witz mit der vorhandenen oder auch nicht vorhandenen Hose im Videocall gemacht. Und plötzlich können einem die Kolleg*innen direkt in die Küche, ins Wohnzimmer oder in die chaotische Ecke im Flur schauen – eben an den Ort, an dem das Internet stabil genug ist für eine Stunde Konferenz ist.

Manche platzieren sich dann gerne vor der sterilen weißen Wand, andere wählen einen prestigeträchtigen Ort aus (zum Beispiel das Bücherregal mit der schlauen Fachliteratur drin), immer mehr Menschen experimentieren mit lustigen Hintergrund-Filtern („Haha! Schaut! Ich bin am Strand!“) oder lassen ihren Hintergrund ganz professionell verschwimmen. Wie es bei der Chefin im Landhaus aussieht oder wie chaotisch die Küche des Assistenten ist, ist der neue Büro-Gossip, wenn man schon sonst nicht mehr so viel zum Lästern hat.

Dieser Gossip hat jetzt eine neue Qualität erreicht. Der Twitter-Account „Room Rater“ nämlich macht genau das, was der Name nahelegt: Er bewertet das, was Menschen von ihrem Umfeld in einer Video-Konferenz preisgeben. Dabei konzentriert er sich vor allem auf Moderator*innen oder Expert*innen sowie auf Prominente, die von daheim aus ins US-Fernsehen zugeschaltet werden. Hinter dem Account steckt „Mad Dog Pac“ von Claude Taylor. Der US-Amerikaner ist ein Gegner der Trump-Regierung und engagiert sich mit verschiedenen Aktionen schon länger gegen die Politik des US-Präsidenten. „Room Rater“ ist aber nicht politisch, sondern sei einfach aus einer Laune heraus entsprungen, sagte Taylor in einem Interview. Gemeinsam mit seiner Freundin sei er auf die Idee gekommen, den Video-Hintergrund verschiedener Menschen zu bewerten, um sich zu amüsieren und ein bisschen Spaß in die Isolation daheim zu bringen. Und viele Leute lieben die Idee augenscheinlich: 98 700 Menschen folgen dem Account (Stand: 27. April).

Doch von dem Account können auch wir für unsere Video-Konferenzen etwas lernen. Beginnen wir ganz unten im Ranking. Gar nicht geht laut „Room Rater“ dieser Hintergrund, denn er sei: „Dunkel. Trist. Mutlos.“

Nur etwas besser sind laut dem Account zumindest viele Bilder und Fotos an der Wand, eine Amerika-Flagge und ein sehr großer Drucker. Insgesamt wirkt das aber einfach zu eitel. Dafür gibt es immerhin einen Punkt:

Nur zwei Punkte gibt es für Lady Gagas Lampe – laut „Room Rater“ das einzig Dekorative, das in diesem Bildausschnitt im Hintergrund zu sehen ist:

Im nächsten Fall gefallen die Stühle dem „Room Rater“ besonders gut – der Spiegel weniger. Er schreibt: „Behalte die Stühle, zerstöre den Spiegel. Kauf Kunst. 3 von 10 Punkten.“

Dieser Moderator hat währenddessen Mut zur Unordnung: Er trägt zwar einen schicken Anzug, vermutlich um seriös zu wirken – auf seinem Bett ist im Hintergrund aber deutlich ein Wäscheberg erkennbar, der dieses Image nicht unbedingt unterstützt. Dafür gibt es Punktabzug:

Manchmal gibt der „Room Rater“ sogar Einrichtungs-Tipps: Hier würde eine Pflanze dem Zimmer noch ganz gut tun. Sonst gibt es immerhin sechs volle Punkte.

Wir nähern uns den höheren Sphären. Mit Orchidee und Kissen mit Zebra-Bezug wird Comedy-Autorin Joy Behar mit sieben Punkten bedacht.

Kunst, schöne Lampen, etwas Grün, und vor allem: ordentliches Licht. Dafür gibt es acht Punkte.

Auch für diesen Hintergrund bestehend aus einem gut gefüllten Bücherregal (dessen Inhalt NICHT nach Farben geordnet ist!), einer blau getsrichenen Wand und Bildern, werden acht Punkte vergeben:

Bücher und Pflanzen scheint der „Room Rater“ zu mögen. Sam Vinogard, Expertin für Außenpolitik, erreicht damit neun von zehn Punkten.

Auch Kunst scheint gut bei ihm anzukommen:

Tatsache ist aber: Es ist verdammt schwer, die volle Punktzahl zu erreichen. Wenn nicht einmal Brad Pitt mit schickem Regal, Kunst UND warmem Licht zehn Punkte erreichen kann – wem soll das sonst gelingen?! Bisher wurde die volle Punktzahl vom „Room Rater“ noch nicht vergeben.

Und was können wir „Normalsterbliche“, die nicht im Fernsehen auftreten, aus diesem Ranking lernen? Einige Dinge:

  1. Eine weiße Wand ist nett, aber vor allem langweilig. Die Menschen, die dir zuhören, wollen auch was zu sehen haben.
  2. Licht ist wichtig. Niemand will sich den ganzen Call hindurch überlegen müssen, was genau dieser Haufen da in der Ecke hinter dir sein könnte.
  3. Es ist zwar schön, wenn du nicht so eitel bist – den Wäscheberg im Hintergrund solltest du dennoch nicht unbedingt als Hintergrund wählen.
  4. Pflanzen und Bücher wirken anscheinend ziemlich gut.
  5. Und am Ende, ganz ehrlich – irgendjemand hat eh immer was zu meckern. Von daher: Nimm das alles nicht so ernst. Oder entscheide dich doch gleich offensiv für den gefälschten Strand-Hintergrund.

soas

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