„Unsere Politik verharmlost das Thema Drogen massiv“

Die Kampagne „My Brain My Choice“ fordert einen komplett anderen Umgang mit Drogen in Deutschland.
Interview von Niko Kappel

Foto: Privat

„Dem Versagen der deutschen Drogenpolitik muss endlich mit der Anerkennung wissenschaftlicher Erkenntnisse und der sozialen Realität begegnet werden“ – mit dieser Ansage starteten zwei junge Frauen aus Berlin die Kampagne #mybrainmychoice. Sie wollen für ein Umdenken in der Drogenpolitik kämpfen. Unter anderem fordern sie eine unabhängige, wissenschaftlich besetzte Kommission, die fortan die Drogenpolitik in Deutschland mitgestalten soll. Mittlerweile haben sie mehr als 10 000 Unterschriften gesammelt.

Julia Meisner und Philine Edbauer sind die Gründerinnen von #mybrainmychoice. Philine beschäftigt sich auch an der Uni mit Drogen, sie forscht seit 2018 im Master-Studium „Moderne Süd- und Südostasienstudien“ an der Humboldt-Universität Berlin mit dem Schwerpunkt „Staatliche Gewalt im Namen des ,Drogenkriegs‘ in den Philippinen“. Wir haben die 29-Jährige gefragt, was in der Drogenpolitik anders laufen muss, ob wir jetzt aus ihrer Sicht alle freien Zugang zu allen Drogen der Welt haben sollten, was die Wissenschaft sagt und wie man aus ihrer Sicht Überdosen verhindern kann.

jetzt: Philine, Wie oft hast du schon gehört, dass eure Petition Drogen verharmlosen würde?

Philine: Ich rechne täglich damit, aber das ist tatsächlich noch noch nie passiert! Ich würde auch eher sagen: Unsere Politik verharmlost das Thema Drogen massiv. Der Staat fährt seit den Siebzigern die gleiche Strategie gegen Drogen und vergangenes Jahr sind trotzdem 1400 Menschen daran gestorben. Es liegt auf der Hand, wie man Tote verhindern kann und trotzdem wird nichts getan.

Wie kann man sie denn verhindern?

Prinzipiell geht es uns darum zu sagen, dass der Tod nicht den Drogen innewohnt. Man stirbt nicht automatisch, wenn man Drogen nimmt. Menschen, die Drogen nehmen, sterben aus komplexen, individuellen Umständen. Deswegen heißt es ja auch Drogenunfälle. Die hängen damit zusammen, dass Leute falsch dosieren, dass sie keine Informationen über die Wirkung haben oder dass sie sich an gebrauchtem Spritzbesteck mit anderen Krankheiten anstecken.

Ihr nennt im Zusammenhang der Bekämpfung von Überdosen oft den Begriff der „harm reduction“. Kannst du den erklären?

Das sind gesundheitliche Maßnahmen rund um das Thema Drogen. „Harm reduction“ bedeutet  zum Beispiel, dass regelmäßig Spritzen getauscht werden, dass es Konsumräume gibt, Drug Checking und Informationsprogramme. Es soll nicht darum gehen, dass man keine Drogen nehmen darf, sondern darum, das Risiko beim Konsum kleinzuhalten. Menschen nehmen Drogen und haben durch die Verbote damit nicht aufgehört. An Drogen sterben deshalb Menschen. Die Frage sollte doch sein: Wie können wir das verhindern?

Was sind denn konkrete Maßnahmen der „harm reduction“?

Nehmen wir das Beispiel Ecstasy. Hier ist oft unterschiedliche Dosierung ein riesiges Problem. Menschen nehmen mehr, als sie wollten, und landen im Krankenhaus. In einer Ecstasy-Pille können 80 Milligramm MDMA enthalten sein, aber auch 200 Milligramm. 200 Milligram können für einen kleinen, leichtgewichtigen Menschen schon sehr gefährlich sein. Man sieht den Pillen nicht an, was drin ist und das ist ein Problem. So kommt es zu Überdosen. Solche Dinge sind mit einer legalen Regulierung vermeidbar. Drug Checking heißt, dass die Drogen vorher auf ihre Inhaltsstoffe kontrolliert werden. So wissen Konsument*innen genau, was sie nehmen. So wie beim Alkohol, da steht ja auch drauf, wieviel Prozent drin sind. Wenn man vor dem Feiern seine Pille checken kann, dann sterben weniger Menschen. Das ist erwiesen.

Es gibt immer wieder Modellversuche, bei denen Raver ihre Pillen vor dem Konsum auf den MDMA-Gehalt prüfen können. Gibt es dadurch wirklich weniger Überdosen?

Ja, gibt es. Ich verweise da gern auf den alternativen Drogenbericht von 2019, der unter anderem von der deutschen AIDS-Hilfe herausgebracht wird. Auch die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) empfiehlt Drugchecking. Sie sprechen zwar nicht von Evidenz, aber stellen ganz klar die Vorteile und Möglichkeiten heraus. 

„Wir wollen nur aufklären und erreichen, dass man auf Expert*innen hört“

Es gibt also durchaus wissenschaftliche Stützen für „harm reduction“ als Methode gegen Überdosen. Warum wird das dann in Deutschland nicht flächendeckend angewendet?

Wir haben in der Gesellschaft die feste Vorstellung, dass illegale Drogen verfolgt werden müssen. Das ist ein Narrativ, das in der Politik und der Berichterstattung angewendet wird, aber es entspricht nicht dem, was die Wissenschaft heute sagt. Wollen wir Dinge verbieten, weil wir schon immer denken, dass sie schlecht sind? Oder wollen wir, dass es Menschen gut geht? Wir haben ja in Deutschland zum Beispiel auch Konsumräume. Aber in jeder Stadt ist es ein unfassbarer Kampf, bis man die mal genehmigt kriegt. Warum gibt es die nicht flächendeckend?

„Harm reduction“ heißt für euch eine legal kontrollierte Abgabe von Drogen. Macht ihr da gar keine Unterschiede zwischen den Substanzen?

Das muss eine Kommission aus Wissenschaftler*innen entscheiden, die wir fordern. Wir wollen nur aufklären und erreichen, dass man auf Expert*innen hört. Aber ich kann schon sagen, dass ich der Meinung bin, dass eine legale Regulierung für alle Drogen aus meiner Sicht das Beste wäre. 

In Deutschland gestaltet die Drogenbeauftragte der Bundesregierung die Drogenpolitik. Das ist gerade Daniela Ludwig von der CSU. Aus der Petition kann man herauslesen, dass ihr mit ihrer Politik nicht gerade zufrieden seid.

Meiner Meinung nach ist die Position der Drogenbeauftragten grundsätzlich falsch konzipiert. Ludwig und ihre Mitarbeiter*innen müssen entscheiden, wie der Staat über Drogen spricht, also Aufklärung betreiben. Gleichzeitig sollen sie die Gesetze zur Drogenregulierung entwerfen. Das ist ein viel zu breites Feld, da spielen Sozialwissenschaften eine Rolle, genauso wie Psychologie, Medizin, Anthropologie und Kulturwissenschaften. Es braucht eine wissenschaftliche Kommission der Bundesregierung. Das gab es 1999 schon einmal.

„Ich habe reflektiert, dass ich selbst Menschen für ihren Drogenkonsum verurteilt habe“

Damals wurde eine drogenpolitische Kommission aus Expert*innen von der Regierung beauftragt, neue Strategien für die Drogenpolitik zu entwerfen. Warum ist damals nichts passiert?

Das fragen wir uns auch. Es gab von 1999 bis 2002 eine unabhängige Kommission der Bundesregierung, die sich mit der Erneuerung der Drogenpolitik beschäftigt hatte. Die gegenüber der aktuellen Strategie teils stark kritischen Ergebnisse wurden 2002 in Form einer längeren Stellungnahme vorgelegt und zunächst scheinbar wohlwollend mit einer Pressemitteilung seitens der damaligen Gesundheitsministerin, Ulla Schmidt von SDP, vorgestellt. Danach ist nichts mehr passiert. Wissenschaftlich weiß man es also seit mindestens 20 Jahren besser, es ist einfach frustrierend, dass sich trotzdem nichts ändert. 

Warum ist dir selbst das Thema Drogenpolitik so wichtig, dass du dich auch in deiner Freizeit dafür einsetzt?

Ich will mich für eine gerechtere Welt einsetzen. Ich weiß, dass es da viele Möglichkeiten gibt. Ich habe mir die Drogenpolitik rausgesucht. Ich habe irgendwann reflektiert, dass ich selbst Menschen für ihren Drogenkonsum verurteilt und sie als verdorben abgestempelt habe. Dann bin aus einer bayerischen Kleinstadt nach München gezogen und habe gemerkt, dass Drogen nichts sind, was Menschen direkt schlecht macht. Ich habe für mich beobachtet, dass es Fälle gibt, in denen Drogenkonsum wahnsinnig schief laufen kann. Das liegt aber daran, dass Leute zu wenig informiert sind und die Drogen nicht auf ihre Inhaltsstoffe kontrolliert waren. Ich wollte nicht mehr abwertend sein. Und ich will auch nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen abgewertet werden, nur weil sie ein bestimmtes Leben leben. 

Was hilft gegen diese Abwertung?

Unser Verhältnis zu Drogen ist gestört und das ist Teil des Problems. Man sollte sich nicht mehr für Drogenkonsum schämen müssen, weil dann spricht man nicht darüber. Und wenn man nicht darüber spricht, dann kann man auch nicht über die Risiken aufgeklärt werden. Man muss klar machen, dass mit Drogengebrauch Risiken verbunden sind. Ohne Frage. Vor allem in der Jugend. Man muss verständlich machen, wie man das Risiko klein halten kann, potentielle Schäden ordentlich vermitteln und mit Altersgrenzen regulieren.

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