Wie es ist, für die eigene Sexualität gemobbt zu werden

Als andere Kinder ihn als „schwul“ beschimpften, wusste unser Autor selbst noch nicht, dass er das ist. Das Mobbing von damals prägt ihn bis heute.
Von David Würtemberger

Illustration: Federico Delfrati

Als Teenager führte unser Autor ein Online-Tagebuch. Es begleitete seinen langen, harten und oft einsamen Weg zu seinem Coming-out und zu der Person, die er heute ist. In dieser Kolumne schreibt er heute, mit 33, seinem jüngeren Ich die Briefe, von denen er glaubt, dass sie ihm damals geholfen hätten.

Davids Tagebucheintrag von damals:

„Allgäu, Mai 2005

Zehn Dinge, die ihr nicht über mich wisst:

[...]

4) Ich wurde schon immer gemobbt für eine sexuelle Orientierung, die ich nicht einmal habe. Es hat angefangen in der Unterstufe, hat bis heute nicht aufgehört. Hallo? Leute? Habe ich jemals gesagt, ich wäre schwul!?

5) Normalerweise schlage ich niemanden mit Absicht, weil ich an die Ingorier-Taktik glaube. Aber einmal haben mich Jungs, ein oder zwei Jahre jünger als ich, am Bahnhof mal wieder Schwuchtel genannt und ich bin total ausgeflippt! Ich habe beide richtig hart verprügelt und seitdem trauen sich die meisten nicht mehr, sich über mich lustig zu machen. :)

[...]“

Davids heutiger Brief an sein altes Ich:

„Lieber David,

ich habe alle Einträge in deinem Blog gelesen. Über 1000 werden es am Ende sein. Aber diese zwei Punkte aus dem Mai 2005 sind der einzige Hinweis darauf, was deinen täglichen Schulweg so oft zur Hölle gemacht hat: Schikane, Mobbing, Bullying. Ich weiß, wie sehr dich diese Zeit noch über Jahre hinaus beschäftigen wird. Wie sehr sie dich geprägt hat.

Die Zugfahrt zum Gymnasium in der Stadt dauerte rund eine Dreiviertelstunde. Die zwei Wagons waren immer voll besetzt. Eines Tages beginnen ein paar pubertierende Jungs, dich zu beleidigen. Bald wird die Gruppe größer, Jungs und Mädchen allen Alters machen mit. Sie beleidigen, schubsen, schlagen, bemalten deine Sachen, klauen Geld oder gleich den ganzen Rucksack, sprühen dir Deo ins Gesicht, bewerfen dich mit Allerlei, lassen dich nicht aussteigen. Es ist schwierig, diese Angst, nahezu täglich terrorisiert zu werden, zu beschreiben. Das Schlimmste an ihr ist aber, dass sie sich schnell zu völliger Verzweiflung entwickelt.

Acht Jahre später ist es das eine Mal „Schwuchtel“ zu viel

Du versuchst, dem immer gleichen Rat deiner Eltern und Freunde zu folgen: alles ignorieren. Du seist ja ohnehin nicht schwul. Das denkst du momentan ja auch selber noch. Und mit jedem abfälligen Spruch willst du es noch weniger sein. Heute denke ich: Diese Zeit hat dein Coming-out noch viel, viel schwieriger gemacht, als es ohnehin schon war. Bevor du selbst verstehst, was mit dir los ist, spiegelt dir deine Umwelt unmissverständlich: Schwulsein ist etwas Verachtenswertes. Und wer möchte schon freiwillig verachtet werden? So beginnen Jahre voller Angst, Selbstverleugnung, Depression und schier unendlich wachsendem Selbsthass.

Acht Jahre später ist es das eine Mal „Schwuchtel“ zu viel. Du verprügelst im Wutrausch zwei Jungs am Bahnhof. Du trittst auf sie ein, ballerst deine Fäuste in ihre überraschten Milchgesichter, schmeißt sie zu Boden, brüllst: „Wenn ihr noch ein Mal euer Maul aufmacht, schneide ich eure Eier ab!“ Dein Kampfsport-Training macht sich bezahlt, sie sind chancenlos, während du zum schwulen Hulk mutierst. Plötzlich spürst du eine Hand auf der Schulter, jemand fragt, ob du es nicht gerade übertreibst. Der gesamte Bahnhof ist still. Sind ein paar blaue Flecken wirklich eine übertriebene Revanche für jahrelangen Schmerz? Du lässt ab, steigst wortlos in den Zug.

Ja, es war stumpfe Gewalt. Ja, es war Genugtuung. Und ja, ab diesem Zeitpunkt wird es endlich ruhiger. Trotzdem hat dich diese ganze Zeit geprägt. Du hast oft Probleme mit fremden Menschen und großen Gruppen, bist übervorsichtig und misstrauisch, hast Angst vor ungewohnten Situationen. Du erkennst aus 100 Metern Entfernung, ob Lippen das Wort Schwuchtel formen. Und bis in deine 30er überkommt dich oft ein mulmiges Gefühl in öffentlichen Verkehrsmitteln. Es kostet verdammt viel Zeit, Kraft und Arbeit, diesen ganzen Müll aus deinem System zu kicken – und es dauerhaft sauber zu halten.

All diese Erfahrungen verschmelzen im Namen, mit dem sie dich jeden Tag beschimpft haben: „Schwuler John“. Woher dieser dämliche Name kam, verstehe ich bis heute nicht. Du wirst ihn aber das erste Mal mit 30 Jahren wieder hören. Du sprichst ihn selbst aus, als du einen deiner Bullies wiedersiehst. Als Reporter auf einem Festival interviewst du einen Künstler. Im Gespräch trifft es dich schlagartig: Du kennst diesen Mann. Du hast ihn vor Augen, wie er vor dir steht im Zug, dich schubst und immer wieder schreit „Schwuler John! Schwuler John!“. Jetzt steht er dir also gegenüber und bemerkt nicht, dass der schwule John ihm gerade Fragen stellt.

Du bist nicht durch, sondern trotz dieser Erfahrung der geworden, der du heute bist

Du hast dir jahrelang vorgestellt, wie dieser Moment ablaufen würde. Einer dieser Jungs würde sagen, wie leid ihm alles tue, dass er sich schäme, dass sie alle falsch gehandelt hätten. Reue. Entschuldigung. Endlich könntest du vergeben und loslassen. Doch die Wirklichkeit ist kein beschissener Hollywood-Film. Nach dem Interview fragst du, ob er sich an den schwulen John erinnere. „Ja klar!“, lacht er, „wie geil, dich wiederzusehen, das war sooo witzig damals!“ Du bist komplett fassunglos und sagst: „Für mich nicht.“ „Ach komm, war doch eine geile Zeit!“, erwidert er. Du: „Für mich war es die schlimmste Zeit meines Lebens.“ Und dann sagt er etwas, was dich noch verdammt lange beschäftigen wird: „Hey, nur durch die Erfahrungen von damals bist du der geworden, der du heute bist!“ Du bist perplex. Deine Hölle war und ist nur Spaß für ihn. Du fragst stammelnd, ob du dich für Selbsthass, Komplexe und Depressionen bedanken solltest. Bevor er antwortet, zieht dich ein Kollege weg. Ist das gerade wirklich passiert? Alles kommt wieder hoch und macht dich wochenlang fertig.

Dabei musst du seinen ach so tiefsinnigen Spruch nur leicht abändern, um zur Wahrheit zu gelangen. Du bist nämlich nicht durch, sondern trotz dieser Erfahrung der geworden, der du heute bist. Und darauf kannst du ganz schön stolz sein. Sobald du aufhörst, auf Reue zu warten, wirst du es schaffen, all den Hass abzuschütteln. Du wirst sensible Antennen bekommen für Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Du wirst für dich und andere aufstehen, selbst wenn es bedeutet, vermeintlich stärkere Menschen vor den Kopf zu stoßen. Du wirst stärker, als du es dir vorstellen kannst.

Du wirst immer wieder Bullies und Mobbern begegnen. In der Schule, an der Uni, an Arbeitsplätzen, im Internet. Aber das Schlimmste liegt hinter dir. Ja, es wäre schön gewesen, wenn dir damals jemand zur Seite gestanden hätte. Wenn irgendjemand etwas gesagt hätte. Wenn sich jemand entschuldigt hätte. Wenn, wenn, wenn. Es war aber nicht so. Glaub mir, es lohnt sich nicht, andauernd auf diese Zeit zurückzublicken und diesen Menschen weiter Macht über dich zu geben. Mach dir klar, wie stark du warst und bist. Du hast es geschafft, da durch zu kommen und das ist, was zählt. So abgedroschen es klingt: Es wird besser. Wirklich.

Liebe Grüße

dein David“