„Auf einmal finden wir behaarte Frauen schön“

Die Autorin Julia Korbik erklärt, was sich in den vergangenen fünf Jahren im Feminismus geändert hat.
Interview von Niko Kappel

Foto: Lars Mensel

Eigentlich hatte Julia Korbik, 31, bereits 2014 das Buch „Stand Up - Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“ herausgebracht. Jetzt hat sie das Buch überarbeitet und neu veröffentlicht, mit dem Titel „Stand Up – Feminismus für alle“. Was hat sich in den vergangenen fünf Jahren im Feminismus verändert?

jetzt: Wie weit sind wir im Jahr 2019 beim Thema Feminismus?

Julia Korbik: Sehr weit! Feminismus ist im Mainstream angekommen, zum Beispiel wird bei Anne Will darüber diskutiert und wir sehen nicht mehr nur Alice Schwarzer da sitzen. Beyoncé findet Feminismus toll, Taylor Swift jetzt irgendwie auch. Trotzdem treffe ich immer noch viel zu viele Menschen, denen ich erklären muss, dass Feministinnen keine Männer hassen. Als Feminist*in ist es ein großer Fehler zu denken, die Allgemeinheit sei so aufgeklärt wie man selbst. Der Feminismus bewegt sich auch viel in seiner eigenen Blase.

Warum muss man Menschen heute noch erklären, dass Feminismus auf keinen Fall Männerhass bedeutet?

Weil viele ein veraltetes Bild von Feminismus haben. In den Siebzigern wurden Männer von Feministinnen an den Pranger gestellt, weil das Thema im gesellschaftlichen Diskurs einfach nicht stattfand. In dieser männerdominierten Welt war es für Feministinnen also wichtig, eine autonome, radikale Bewegung auf die Beine zu stellen.

Das Bild ist bei vielen noch präsent, aber das heißt selbstverständlich nicht, dass Feministinnen alle Männer hassen. Am Ende geht es um die Gleichberechtigung der Geschlechter. Feministinnen betrachten gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit kritisch. Dabei geht es nicht darum, dass Männer an sich schlecht sind, sondern um eindimensionale Bilder vom Mann-Sein und damit einhergehende schädliche Verhaltensweisen.

Hat sich dein ursprüngliches Buch also an Leute gerichtet, die ein veraltetes Bild von Feminismus haben?

Ich habe 2014 ein Buch für Menschen geschrieben, die sich noch nicht mit Feminismus beschäftigt hatten. Ich wollte das Thema von seinem akademischen Niveau ein bisschen runterbringen und zugänglicher machen. Ich wollte niemandem erzählen, wie man eine gute Feministin oder ein guter Feminist wird. Es ging mir um Themen, die gerade im Feminismus eine Rolle spielen. Die Leute sollten sich informieren, um selbst die Chance haben, sich eine Meinung bilden.

Warum hast du „Stand Up“ dieses Jahr neu rausgebracht?

„Stand Up“ sollte damals abbilden, was im Feminismus aktuell so abgeht. Es sind ja auch viele Interviews und Zitate von aktuellen Akteur*innen drin. Mir war deshalb klar, dass das Buch irgendwann aktualisiert werden muss. Außerdem hat sich seit 2014 im Feminismus unglaublich viel getan.

„Wenn Feminismus plötzlich alles sein kann, was ist er dann noch?“ 

In der neuen Version hast du zum Beispiel die Sprache gegendert. Was hat sich noch getan?

Das Cover ist so grell und poppig gestaltet, weil wir 2014 Angst hatten, dass sonst kein junger Mensch ein Buch über Feminismus lesen will. Jetzt ist Feminismus cool geworden. Oder eher „Empowerment“: Viele Unternehmen haben entdeckt, dass man mit diesem herrlich vieldeutigen Wort Frauen ansprechen und ihnen Produkte verkaufen kann. Ob BH, Deo oder Schminke: Alles ist auf einmal ein Symbol für Feminismus.

Hilft das auf dem Weg zur Gleichberechtigung?

Klar, es ist super, dass das Thema mittlerweile so präsent ist. Andererseits: wenn Feminismus plötzlich alles sein kann, was ist er dann noch? Wir müssen aufpassen, dass der Begriff weiter mit Inhalten gefüllt ist und nicht zum Werbebegriff von Unternehmen verkommt. Ich dachte irgendwie immer, dass Feminismus das Allerletzte ist, was kommerzialisiert wird. Auf einmal finden wir behaarte Frauen schön und Modekonzerne drucken sie auf T-Shirts als ein Symbol für Emanzipation. An so was war vor fünf Jahren nicht zu denken.

Du schreibst in „Stand-Up“ ausführlich, dass Humor der falsche Umgang mit Feminismus ist. Warum ist dir das so wichtig?

Mir geht es um die ironische Haltung, die man dabei einnimmt: Ich bin ja so ein aufgeklärter Typ, deshalb kann ich dumme Sprüche über Frauen machen. Das Problem mit Ironie ist, dass du sie nur schwer kritisieren kannst. Viele schwierige Themen, und da gehört Feminismus dazu, werden mit blöden Witzchen abgetan, um keine Diskussion anfangen zu müssen.

„Mit jemandem, der Gleichberechtigung grundsätzlich ablehnt, muss ich 2019 nicht mehr diskutieren“

Was muss passieren, dass Frauen und Männer in Deutschland gleichberechtigt sind?

Wir müssen auf jeden Fall Feminismus und Gleichberechtigung als etwas begreifen, das bei jedem Menschen selber anfängt. In Deutschland müssen wir zum Beispiel konkret dafür kämpfen, dass das Informationsverbot für Abtreibungen wegkommt oder die Regelung, dass Frauen nach einem Beratungsgespräch drei Tage warten müssen, bis sie abtreiben dürfen. Wir müssen den Gender-Pay-Gap bekämpfen. Wir müssen Geschlechterrollen aufbrechen. Wir müssen Gewalt gegen Frauen beenden. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Dafür müsste man auch die Menschen erreichen, die mit Feminismus bisher nichts zu tun haben wollten. Wie schaffen wir das?

Ich bin eigentlich immer offen für Diskussionen und Anregungen, sehe es aber manchmal nicht ein, mich mit allen zu unterhalten und alle Kritik anzunehmen, die mir als Feministin an den Kopf geworfen wird. Mit jemandem, der Gleichberechtigung grundsätzlich ablehnt, muss ich 2019 nicht mehr diskutieren. Ich habe aber oft gemerkt, dass ich, wenn ich offen an das Thema rangehe, Menschen am besten überzeugen kann. Natürlich ist das manchmal nervig, weil man als Feminist*in lieber über Inhalte sprechen will und nicht ständig über die Basics. Wenn man aber argumentativ und ruhig erklärt, was Feminismus eigentlich will, kann man auch Menschen abholen, die mit Feminismus nichts am Hut haben wollen.

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