„Ich habe mich mit meiner Identitätssuche ziemlich allein gefühlt“

Wir haben queere Menschen vom Land und aus der Stadt gefragt, wie es ist, dort queer aufzuwachsen.
Foto: Marlen Stahlhuth, privat; Bearbeitung: jetzt

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Wie ist es, als junger queerer Mensch in Deutschland aufzuwachsen? Wo findet man Vorbilder, stößt an Grenzen, fühlt sich wohl? Wie wichtig sind explizit queere Zentren? Wir haben vier Personen gefragt: Fabian wuchs auf einem Dorf auf und lebt mittlerweile in Berlin. Jo* lebt schon lange in Ulm. Bianca fand auf dem Land in einer Kirchengemeinde Anschluss und Halt. Und Jannik zog aus der Kleinstadt nach Köln. 

„Es gab einfach keine realen Bezugspersonen, an die ich mich hätte wenden können“

queer sein land stadt fabian

Foto: Marlen Stahlhuth

Fabian, 31, ist schwul und in einem Dorf in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Heute lebt er in Berlin und hostet und produziert den Interviewpodcast „Somewhere Over The Hay Bale“. In monatlichen Folgen porträtiert er dafür queere Menschen, die im ländlichen Raum leben oder auf dem Land groß geworden sind.

„Ich bin groß geworden in einem kleinen Ort mit damals 800 Einwohner:innen. Ich weiß noch, dass irgendwann ein schwules Paar ins Dorf gezogen ist. In meiner Erinnerung haben sich die Leute das Maul darüber zerrissen. Wenn queeres Leben stattfand, dann war das von allen Seiten emotional aufgeladen. Es gab keinen Raum, um sich unaufgeregt damit zu beschäftigen. Homosexualität war ein Thema, zu dem bereits jeder eine Meinung hatte.

Was mir dort vor allem gefehlt hat – und das kann ich erst heute so benennen – ist ein queerer Raum in meinem direkten Umfeld. Es gab einfach keine realen Bezugspersonen, an die ich mich hätte wenden können. Die queeren Leute, die ich aus dem Fernsehen kannte, lebten in westdeutschen Großstädten. Das war für mich geographisch und gedanklich unfassbar weit weg. Deshalb dachte ich immer, das bin nicht ich. Ich habe mir gesagt: ,Ich darf nicht queer sein‘. Und niemand war da, der mir gesagt hat, dass es okay ist.

Man muss aber sagen, dass zu Queer-Sein auf dem Land auch Menschen gehören, Freund:innen zum Beispiel, die sich solidarisch zeigen. Aber ohne konkrete Räume war es schwierig, diese Menschen zueinander zu bringen. Das war wie viele Puzzleteile, die sich nicht so richtig fügen wollten. Mit dem Podcast möchte ich diese Puzzleteile gerne zusammenbringen. Ich möchte aber auch Zugänge zu queeren Personen auf dem Land schaffen, die zeigen, Queer-Sein und auf dem Land zu leben schließt sich nicht aus. Es muss nicht immer schwierig sein.“

„Ich wurde absichtlich mit meinem Geburtsnamen oder dem falschen Pronomen angesprochen“

Jo (Spitzname), 19, ist trans* und bisexuell. In der Schule hat er Queerfeindlichkeit und Mobbing erfahren. Auch wenn er in Ulm vor der Pandemie queere Räume besucht hat, hat er die meiste Solidarität bisher bei Freund:innen im Internet gefunden.

„In Ulm gibt es einige LGBT-Gruppen und ich bin Teil einer Gruppe, die explizit für trans* Menschen ist. Aber mit meinen Online-Freunden, die ich schon seit Jahren durch Fandoms und Social Media habe, spüre ich irgendwie eine stärkere Verbindung. Von denen haben sich auch einige als trans* geoutet. Das war für uns alle bedeutend, weil wir dadurch noch eine Gemeinsamkeit hatten – neben unserer Leidenschaft für gewisse Bücher, Filme oder Spiele. Diese Menschen haben mich aufgefangen. Dass die Realität in der Schule dann so anders war, hat mich zerfressen. Mit meinem Trans*-Sein war ich dort allein. Das war wie ein Schlag ins Gesicht.

In der Schule war ich damals, als 14-Jähriger, noch nicht geoutet, aber viele wussten schon, was los ist. Deshalb wurde ich beleidigt und das änderte sich auch nach meinem Outing mit 16 Jahren nicht. Ich wurde absichtlich mit meinem Geburtsnamen oder dem falschen Pronomen angesprochen. Ich hätte mir damals gewünscht, dass es ernsthafte Aufklärung gibt. Oder, dass Lehrer aktiv das Thema ansprechen und Queerfeindlichkeit nicht dulden. Vor allem in meinem Wohnviertel ist Ablehnung gegenüber queeren Menschen noch immer präsent und schlimm.

Vor ein paar Wochen zum Beispiel wurde hier in Ulm eine Broschüre in Briefkästen verteilt. In dieser wurde Trans*-Sein als Trend oder Krankheit dargestellt und es wurde erklärt, wie man seine Kinder davor schützen könne. Viele Menschen denken, Diskriminierung müsse immer extrem ausfallen. Aber zu Diskriminierung gehören auch Stereotype oder queerfeindliche Aussagen. Und die hört man hier immer und überall. Da merkt man, dass man in so einer Umgebung nicht sicher ist.“

„Dass ich Menschen kannte, die ihre Homosexualität offen gelebt haben, wie unseren Kirchenmusiker, das hat mich sehr geprägt“

queer sein land stadt bianca

Foto: privat

Bianca, 28, ist in Burgscheidungen in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Inzwischen ist das 400-Einwohner:innen-Dorf in die nahegelegene Stadt Laucha eingemeindet worden. In der Kirchengemeinde dort fand Bianca als Jugendliche einen Zugang zu queeren Lebensrealitäten.

„Ich habe als Kind viele Angebote der Kirche wahrgenommen. Immer donnerstags war ich in Laucha in der Gemeinde. Wir sind nach der Schule hingelaufen, um zu den Pfadfindern und zum Chor zu gehen. Der Kirchenmusiker dort war offen schwul. Dass ich lesbisch bin, habe ich mit 16 oder 17 Jahren herausgefunden. An vielen Orten musste ich vorsichtig sein und darauf achten, bei wem ich das Thema anschneide. In der Gemeinde war es einfacher, lesbisch zu sein. Da musste ich mich nicht hinstellen und alles erklären, sondern meine Freundin und ich waren einfach da.

Gerade im Nachhinein betrachtet finde ich es schön, dass ich einen Ort hatte, an dem das einfach okay war. Dass ich Menschen kannte, die ihre Homosexualität offen gelebt haben, wie unseren Kirchenmusiker, das hat mich sehr geprägt.

Damals gab es nirgends queere Zentren, auch nicht in den umliegenden Dörfern. Natürlich ist Kirche nicht der erste Ort, den man vermutet, wenn man einen Raum sucht, an dem queere Menschen willkommen sind. Das zeigt: Es braucht nicht immer queere Jugendgruppen, um queere Menschen zu treffen. Trotzdem setze ich mich jetzt dafür ein. In meiner Heimat möchte ich ein Angebot für queere Jugendliche schaffen, vor allem im ländlichen Raum. Meine Erfahrung von früher hilft mir auch in der Jugendarbeit, die ich jetzt mache. Ich kann die Problemlagen nachvollziehen und verstehe, wie die Strukturen sind und wie die Mentalität von Menschen auf dem Dorf manchmal sein kann.“

„Hier habe ich beispielsweise keine Sorge, mit Smokey Eyes nachts U-Bahn zu fahren“

queer sein land stadt jannik

Foto: privat

Jannik, 25, hatte vor circa vier Jahren sein äußeres Coming-Out. Aufgewachsen in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, verschlug es ihn Ende 2019 nach Köln. Hier will er bleiben.

„In Warendorf habe ich mich mit meiner Identitätssuche ziemlich allein gefühlt. Ich hatte nicht eine einzige Bezugsperson und kannte niemanden, der queer war. Später dann bin ich nach Köln gezogen. Ich bin dann ziemlich aufgebrochen: Leute kennenlernen, andere Ansichten, die Möglichkeit, einfach mal anders aufzutreten. Keine Sau kannte mich hier, da konnte ich sein, wie ich wollte. Irgendwie hat mich Köln geflasht, mit Sicherheit auch, weil das queere Leben hier präsenter ist. Zum Teil hängen das ganze Jahr Regenbogenfahnen in der Stadt. Hier habe ich beispielsweise keine Sorge, mit Smokey Eyes nachts U-Bahn zu fahren. Und es gibt viele Angebote, unter anderem HIV-Beratung und Schutz, queere Jugendzentren und Workshops zur Aufklärung von Diversität in unserer Gesellschaft. Das hat man in einer Kleinstadt nicht.

In Warendorf hatte ich fast keine Datingerfahrungen. Grindr, Tinder und Co, das kannte ich damals alles noch gar nicht. Erst in Köln, mit 22 oder 23 Jahren, machte ich meine ersten Erfahrungen beim Daten mit Männern. Damals habe ich viele Leute über die Plattform DBNA (Du bist nicht allein) kennengelernt. Das ist eine Online-Dating-Plattform für junge Männer. Am Anfang war das ziemlich aufregend. Ich wusste ja gar nicht, wo man hingeht, wie so was funktioniert. Es war gut, um in die Szene reinzukommen, die ich vom Hörensagen als sehr verrufen kannte. Durch die Treffen wurde mein queeres Umfeld immer größer und ich konnte meinen persönlichen Horizont in relativ kurzer Zeit durch verschiedenste Ansichten und Menschen stark erweitern. Der Klassiker: auf ein Kölsch am Rhein!

Ich bin froh, dass ich selbst aktiv geworden bin, gekündigt habe und nach Köln gezogen bin. Hier habe ich richtiges Selbstbewusstsein bekommen. Ich bin freier, spontaner geworden, nicht mehr so verkopft. Mein Leben hier ist ziemlich drucklos. Es ist kitschig, aber vom Gefühl her gehöre ich einfach hier hin.“

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