„Mach Schluss, wenn er sagt, dass dein Rock zu kurz ist“

Illustration: FDE

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„Mit 17 war ich in der ersten Beziehung, die mir extrem wichtig war. Rückblickend denke ich immer, dass ich in diesem Alter über Feminismus nicht so wahnsinnig viel gewusst habe, obwohl meine Mutter da ein großes Vorbild war. Sie hat mir immer gesagt, dass Frauen unabhängig und selbstbewusst sein müssten und nie kritisiert, was ich anhatte. Dabei bin ich rückblickend teilweise wirklich unmöglich rumgelaufen.

Interessanterweise habe ich mir dann als ersten Freund einen Mann ausgesucht, der das komplette Gegenteil meiner Mutter war. Er hat alles, was ich mir angezogen habe, auf das Heftigste kritisiert: Zu durchsichtig, zu kurz, zu tiefer Ausschnitt. ‚Warum hast du in der Disco einen tiefen Ausschnitt an? Willst du da jemanden aufreißen?’ Ich durfte nur gut aussehen, wenn er dabei war. Mir war damals schon irgendwie klar, dass das nicht geht, aber ich dachte mir: „Wenn ihm das so wichtig ist, dann liebt er mich wirklich.“ Heute weiß ich, dass das ein deutliches Signal für eine toxische Beziehung ist. Und habe für mich die Lehre daraus gezogen. Wenn er sagt, dass dein Rock zu kurz ist: Mach Schluss.

Slut shaming und victim blaming – Hätte ich diese Begriffe gekannt, dann wäre es mir sicher besser gegangen

Damals hatte ich diese Einsicht noch nicht und habe mich ziemlich widerstandslos an seine Regeln gehalten. Ich zog keine kurzen Röcke mehr an, bedeckte mich immer mehr. Ich bin mit dem Longsleeve in die Disco. Sein Verhalten setze mich extrem unter Druck. Wenn ich irgendwo feiern war, hatte ich große Angst vor diesen Partyfotografen, die in der Disco immer herumliefen. Ich dachte, wenn mein Freund mich auf einem Foto beim Feiern sieht, dann gibt es Ärger.

Mein Freund hat damals auch gesagt, wenn ich begrapscht oder vergewaltigt werden würde in so einem Outfit, dann sei das meine Schuld. Heute sagt man dazu slut shaming und victim blaming. Hätte ich diese Begriffe gekannt und das alles einordnen können, dann wäre es mir sicher besser gegangen. 

Es wurde immer extremer. Ich habe irgendwann angefangen, seine Hausaufgaben zu machen, weil ich viel besser in der Schule war als er. Wenn wir irgendwo waren, stand ich züchtig angezogen im Hintergrund und habe ihn reden lassen. Freundinnen haben damals zu mir gesagt, dass es sie nicht wundern würde, wenn ich bald eine Burka trage. Ich sagte dann, dass mein Freund das nur so macht, weil er mich so mag. In Wahrheit wollte er mich aber klein halten. Ich habe später erfahren, dass er das in allen seinen Beziehungen genau gleich gemacht hat. 

Kurz vorm Abitur habe ich es geschafft, ihn zu verlassen. Meine Freundinnen wollten mit mir zusammen in den Urlaub fahren. Ich bin nicht mit, weil ich wusste, dass das den Streit des Jahrhunderts geben würde. Ich dachte, wir zwei fahren ja dann in den Urlaub und bastelte mir weiter meine Welt von meinem tollen Freund, der mich so sehr liebt, dass er mich nicht teilen will. Dann hat er mir eröffnet, dass er diesen Sommer mit seinen Kumpels eine Sauftour plant. Ich sollte allein daheim bleiben. Nach diesem Sommer habe ich mich getrennt. 

Rückblickend verstehe ich, was für ein toxisches, patriarchalisches Verhältnis das war. Ich kenne keine Frau, die zu einem Mann sagt, ‚Zieh bitte nicht dieses T-Shirt an, darin siehst du so hot aus, da fallen andere Frauen direkt über dich her.‘  Wenn jemand so mit dir redet, dann ist das keine Liebe. Es ist eine Form von Kontrolle. Liebe sollte ja so sein, dass jeder das sein kann, was er oder sie möchte. 

Auch wenn ich mittlerweile eine sehr gesunde Beziehung habe, merke ich wie das Klamottenthema immer noch in mir arbeitet. Vor allem im Job überlege ich drei Mal, ob ich einen Ausschnitt trage. Trotzdem weiß ich heute, dass Feminismus heißt, dass jede Frau machen darf, was sie will. Ich wünschte, ich hätte das damals gewusst. Und ich bin sehr froh darüber, dass viele junge Frauen heute mehr theoretischen Unterbau zu diesen Themen haben als ich es damals hatte.“

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