„Was für ein Riesen-Fucking-Gendergap“

Frauen, die für Sex bezahlen, brechen noch immer ein Tabu. Das zu überwinden, ist Teil der Emanzipation.
Von Lisa Winter
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Foto: Photobank / Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

Sexarbeit wird in Alltagsdiskussionen oft als heterosexuell dargestellt - Frauen, die als Sexarbeiterinnen arbeiten und Männer, die sie für den Sex mit ihnen bezahlen. Forschung und Berichte von Sexarbeiter*innen zeigen zwar einen Anstieg an weiblicher Kundschaft, doch sind Frauen als Kundinnen noch immer eher die Ausnahme. Warum sollten sie auch Geld für Sex bezahlen, in einer Gesellschaft, in der Frau eigentlich nichts dafür tun muss, um Sex zu haben? 

Sexarbeit wird zudem oft als grundsätzlich sexistisch und ausbeuterisch gesehen. Und tatsächlich ist Sexarbeit nicht immer freiwillig, sondern häufig ein System männlicher Dominanz. In der Sexarbeit gibt es jedoch auch Frauen wie Kristina Marlen, die in diesem Text nur bei ihrem Künstlerinnenname genannt werden möchte. Sie hat sich aus freien Stücken dazu entschieden, mit Sex Geld zu verdienen. Marlen arbeitet seit vielen Jahren als Sexarbeiterin. Zu ihrer Kundschaft gehören nicht nur Männer, auch Frauen bezahlen für den Sex mit ihr. Auf ihrer Webseite richtet sie sich explizit an ihre weibliche Kundschaft und lädt diese ein, sich mit ihr auf „vielfältige sexuelle Reisen“ zu begeben.

Anfangs sind nur wenige Frauen dieser Einladung gefolgt. Heute liegt der Frauenanteil laut Marlen bei etwa 40 Prozent. So wie Kristina Marlen möchten auch andere Sexarbeiter*innen explizit Frauen zu bezahltem Sex ermutigen. Denn Sexarbeit könne bei der Emanzipation helfen, sind zum Beispiel auch Maggie Tapert sowie ihre Kolleg*innen Salomé Balthus und Michael König überzeugt. „Wir haben 50 Prozent Frauen in der Gesellschaft und 10 Prozent Frauen als Kundinnen. Was für ein Riesen-Fucking-Gendergap“, beklagt Michael in einem Blogeintrag beim Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen. Denn Frauen, die Sex kaufen, brechen noch immer ein Tabu. Nicht nur, weil sie so mit Rollenbildern brechen, sondern auch, weil sie als Kundinnen vermeintlich eine Industrie unterstützen, die  auf der Ausbeutung von Frauen basiert.

Es war der Beginn ihrer sexuellen Selbstbestimmung und körperlichen Selbstakzeptanz

Ein Narrativ, das auch Linas* Meinung stark beeinflusste und mit dem sie zu kämpfen hatte, bevor sie sich für eine Session mit Kristina Marlen entschied. Mit Anfang 20 gehörte die Studentin zu Marlens jüngsten Kundinnen. Das junge Alter und die frühe Radikalität, mit der sie ihre sexuelle Emanzipation in die Hand nimmt, habe auch die Sexarbeiterin fasziniert. Denn für Lina war es nicht der bloße Wunsch nach Sex, der sie zu Marlen brachte. Wenn sie heute von ihrem Treffen mit der Sexarbeiterin spricht, wird deutlich, dass sie dort mehr fand als sexuelle Befriedigung. Lina lernte, dass sie ihre Sexualität unabhängig von gesellschaftlichen Konstrukten und Kategorien denken und erleben kann. Es war der Beginn ihrer sexuellen Selbstbestimmung und körperlichen Selbstakzeptanz. Und im weitesten Sinne eine Investition in ihre Zukunft, wie sie selbst sagt. Denn die Sessions bei Marlen sind nicht gerade günstig. Für die sexuelle Selbstbestimmung und -findung eine Sexarbeiterin zu bezahlen, scheint daher ein radikaler und ungewöhnlicher Schritt. Doch im Alltag habe Lina sich oft unsicher gefühlt, wusste nicht, wie sie flirten sollte und habe sich für ihr sexuelles Interesse an Frauen geschämt. Eine Session bei Kristina Marlen erschien ihr als sicherer Rahmen, um sich auszuprobieren. In privaten Beziehungen sei es für sie oft schwierig gewesen, Grenzen klar abzustecken und deutlich zu kommunizieren, was sie möchte.

Als Lina in einem Beitrag sah, wie selbstsicher, reflektiert und feministisch Marlen sich über ihren Beruf äußerte, geriet ihre kritische Haltung gegenüber Sexarbeit ins Wanken. Immer wieder schaute sie sich das Video an und besuchte ihre Webseite. Bis es schließlich „Klick machte“ und Lina erkannte, dass es Alternativen gibt zu den heteronormativen Lebensentwürfen. „Ich schäme mich nicht mehr dafür, dass ich auch Frauen attraktiv finde“, sagt sie, „ich habe angefangen, mich von meinen konservativen Gedanken, wo Sexualität ganz viel mit Scham zu tun hatte, zu befreien.“

 „Ich bin jetzt ganz bei Dir.“ Mit diesem Satz, der für Lina noch heute sehr präsent ist, schaffte Marlen es, dass sie ihr vertraute und sich trotz Nervosität geborgen fühlen konnte. Für die Tantra-Massage war Lina nur noch mit einem Tuch bekleidet, Marlen rieb sie mit einem Massageöl ein, im Hintergrund lief Musik. Sie kann sich noch gut an den Geruch des Öls erinnern und daran, wie athletisch Marlen und wie weich ihre Haut ist. Weil sie so aufgeregt war, seien ihre körperlichen Reaktionen eher zurückhaltend gewesen.

Das Bild „Mann im Puff“ kennt man, Frau im Puff hingegen scheint etwas Neues zu sein

Auch Noa entschied sich mit Anfang 20 für eine Session mit Kristina Marlen. Sie wollte sich „mal etwas gönnen“. Schon länger hatte sie über ihren BDSM-Fetisch nachgedacht, nie wurde es konkret. Das wollte sie nun ändern. Aufgeregt war sie nicht, erzählt sie später. Generell geht sie sehr offen mit ihrer Sexualität um und empfindet wenig als Tabu – auch nicht Frauen als Kundinnen in der Sexarbeit. „Aber viele sind der Meinung, Frauen hätten das nicht nötig“, sagt sie, „Männer ja aber eigentlich auch nicht.“ Nur sei das eben gesellschaftlich mehr akzeptiert. Das Bild „Mann im Puff“ kennt man eben. Frau im Puff hingegen scheint etwas Neues zu sein.

Mit diesem Gefühl setzte sich Lina auch noch nach ihrem Treffen mit Marlen auseinander: „Wenn man in einer Gesellschaft aufwächst, in der Sexarbeit mit Straßenstrich und Zwangsprostitution verbunden wird und nur Geschichten von widerlichen Männern, die ihre Frauen im Puff betrügen, erzählt werden, kann man sich von sowas nicht vom einen auf den anderen Moment frei machen.“ Tatsächlich gibt es keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Frauen freiwillig Sexarbeit anbieten und wie viele dazu gezwungen werden. Die Schätzungen gehen teils weit auseinander. Nach einem Bericht des Bundeskriminalamts gab es 2018 430 Opfer von Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung, fast ausschließlich Frauen. Die Hurenbewegung und das Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter weisen jedoch darauf hin, dass es in der Diskussion um die Freiwilligkeit immer wieder zu einer Vermischung der Begriffe Sexarbeit und Zwangsprostitution kommt. Sexarbeit sei eine „selbstbestimmte Dienstleistung zwischen Erwachsenen gegen Entgelt“ und müsse daher wie jede andere Erwerbsarbeit anerkannt werden.

Nach der Sitzung seien Lina immer wieder Gedanken aufgekommen, ob sie Marlen Unrecht getan hat, indem sie sie für Sex bezahlt hat. Heute ist sie an dem Punkt zu sagen, dass sie die Session mit Marlen gerne gemacht hat. Der Besuch bei ihr war nur der Anfang ihrer sexuellen Emanzipation: „Es gibt so viele Glaubenssätze, mit denen wir aufgewachsen sind, wie Frauen sich verhalten müssen, wie weibliche Sexualität auszusehen hat, die ganz viel verdunkeln, verdecken und unterdrücken.“

Diese Glaubenssätze möchte Marlen auflösen. „Es geht bei mir darum, wie sich etwas anfühlt und nicht, wie es aussieht“, sagt sie, „ein gefühlter, lebendiger Körper ist eine Ressource, und gerade junge Frauen sollten ihn sich als solche erobern. Dafür biete ich den Raum.“ Frauen werde oft vermittelt, sie müssten nur auf den perfekten Liebhaber warten, dann würde das mit der sexuellen Befriedigung schon klappen. Die Gesellschaft denke weibliche Sexualität weniger offensiv. Frauen hätten über lange Zeit gelernt, ihre Lust zurückhaltender auszuleben.

Aber es sind nicht nur Frauen, die bei Marlen ihrer Geschlechterrolle entfliehen wollen. „Auch Männer stehen unter einem gewissen Performancedruck“, sagt sie, „da wird oft erwartet, dass sie den aktiven Part übernehmen. Bei mir können sie endlich loslassen und sich hingeben.“

Doch obwohl Rollenbilder alle Geschlechter unter Druck setzen, sind es in erster Linie Frauen, die Marlen ermächtigen möchte. Und gibt ihnen deshalb einen individuellen Rabatt. Denn nicht nur der Sex, sondern auch das Geld gehört den Männern in einer patriarchalen Gesellschaft.

*Name geändert

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