Was der Zyklus mit Privilegien zu tun hat

Blutung und Verhütung sind bereits unter idealen Umständen ein Stressfaktor. Umso wichtiger ist Unterstützung für Frauen* in prekären Umständen.
Von Rena Föhr
zykluskolumne 14 periodenarmut cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Kein Einkommen, auf der Straße, auf der Flucht: Der Zugang zu Periodenprodukten und Verhütung ist längst nicht so selbstverständlich, wie er sein müsste

Wachwerden, weil man spürt, wie Blut die Innenseiten der Schenkel hinunterrinnt. Feststellen, dass man kein Hygieneprodukt in der Nähe hat: Mir ist das nur einmal passiert, im Wohnheim meines damaligen Freundes. Andere Leute im Gebäude kannten wir nicht – ich fluchte, ging ins Gemeinschaftsbad und rollte mir aus grauem, kratzigen Recycling-Klopapier ein notdürftiges Menstruationsprodukt. Dann verabschiedete ich mich schnell, ging zum Drogeriemarkt, kaufte Tampons – problem solved. Die vorherige Situation, die maximal eine Stunde angedauert hat, empfand ich als extrem unangenehm, ja entwürdigend. Trotzdem sollte es noch Jahre dauern, bis mir bewusst wurde, dass es vielen Menstruierenden jeden Monat sehr viel schlechter ergeht.

 

Im Hartz-IV-Regelsatz sind pro Monat 16,11 Euro für Gesundheitspflege vorgesehen. In diese Kategorien fallen unter anderem Shampoo, Cremes, Zahnpasta und eben auch Menstruationsprodukte oder Verhütung. Eine Tamponpackung zwischen 1 und 4 Euro zu bezahlen, mag für die einen so nebensächlich sein wie ein Coffee-To-Go, andere stellt sie vor ein Problem. Und viele sehen sich noch viel schlimmeren Situationen ausgesetzt. In Deutschland sind nach Schätzungen etwa 678 000 Menschen wohnungslos. Geflüchtete ohne Wohnung sind dabei noch nicht eingerechnet. Theoretisch können sie in Notunterkünften Menstruationsprodukte erhalten, diese sind aber oft Mangelware, weil viele soziale Einrichtungen auf Spenden angewiesen sind. Und selbst, wenn die Ressourcen da wären: Nicht alle Bedürftige kommen an sie heran. Schwierig wird es beispielsweise, wenn man weder die Sprache noch die Hilfsangebote des Landes kennt.

Laut UNHCR waren Ende 2019 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht oder zwangsvertrieben, knapp die Hälfte davon weiblich. Das bedeutet Millionen von Personen im reproduktiven Alter, die keinen oder nur unzureichenden Zugang zu Hygiene- und Verhütungsprodukten haben. So schreibt das vor Kurzem gestartete Crowdfunding-Projekt Feminist Support Lesvos, dass unter den sowieso schon katastrophalen Bedingungen im Camp Moria für Menstruierende das Problem hinzukommt, dass ein akuter Mangel an Binden besteht – und das, obwohl Sanitärversorgung ein anerkanntes Menschenrecht ist. Wie der Zugang zu Menstruationsprodukten in Gefängnissen aussieht, habe ich mich zum ersten Mal auf meiner komfortablen Couch gefragt – beim Netflix-Bingen von „Orange is the New Black“. Mit ein wenig Recherche fand ich schnell heraus, dass die filmische Darstellung in OITNB, wo es immer wieder zu Mangel an Binden und Tampons kommt, zumindest in Bezug auf die USA keineswegs übertrieben ist. So schreibt das Magazin Mother Jones, dass Binden in Gefängnissen zwar kostenlos zur Verfügung stehen, jedoch meist schlecht klebende Produkte oder auf nur eine Binde pro Tag der Menstruation rationiert. Tampons werden oft weit über dem Marktpreis verkauft – und somit für viele Insass*innen unerreichbar. Auch finden sich Berichte über eine Gefängnisinsassin, die nach der Nutzung eines aus Toilettenpapier gebauten Tampon das Toxische Schocksyndrom erlitt, woraufhin ihr Uterus in einer Not-OP entfernt werden musste, und über eine psychische erkrankte Frau, die keinen Nachschub an Binden erhielt und schließlich in Isolationshaft in einer Pfütze aus Blut saß.

Periodenarmut ist das eine, Verhütungsarmut das nächste Problem  

Diese Liste ist keineswegs vollständig und es gibt viele weitere Umstände, unter denen der Zugang zu Menstruationsprodukten nicht vorhanden ist. Darüber hinaus sollten wir nicht vergessen, dass der Zyklus nicht nur eine monatliche mehrtägige Blutung, sondern auch potenzielle Fruchtbarkeit bedeutet – und somit auch die Versorgung mit Verhütungsmitteln ein essentielles Anliegen ist. Im Vergleich zu Menstruationsprodukten sind diese meist teurer, wobei es hier auch auf die Methode ankommt und darauf, wie häufig man sie benötigt: Eine Packung Kondome kostet in Deutschland etwa drei bis zehn Euro, eine Monatspackung der Pille fünf bis 20 Euro, eine Spirale zwischen 120 und 400 Euro. Letztere hält dann zwar drei bis fünf Jahre, doch zunächst einmal muss man die Kosten aufbringen. In Deutschland sind manche Verhütungsmittel für Kassenpatient*innen bis 18 Jahren kostenlos, bis 22 Jahren werden sie teilweise erstattet, danach gar nicht mehr. Und auch die Unterstützungsleistungen unter 22 betreffen lediglich die Methoden, die ärztlich verordnet oder eingesetzt werden müssen. Alle anderen, auch Kondome, müssen selbst bezahlt werden. Gratiskondome sind in manchen städtischen Anlaufstellen, aber nicht flächendeckend erhältlich. Schlimmer wird die Lage, wenn durch mangelnden Zugang eine ungewollte Schwangerschaft entsteht. Abbrüche sind in vielen Ländern, einschließlich Deutschland, kostenpflichtig. In einigen sind sie unter allen Umständen streng verboten. Gleichzeitig gibt es in vielen Ländern keine oder nur extrem geringe staatliche Unterstützung für Mütter beziehungsweise Eltern. 

In Deutschland zwar schon, aber knapp bemessen, wie man beispielsweise anhand des Regelsatzes sieht. Sichere Verhütung hängt außerdem nicht nur vom Geldbeutel ab, sondern auch davon, ob und wie gut man sexuell aufgeklärt wurde, wie der Zugang zu fachlicher Beratung und Einkaufsmöglichkeiten ist. Woran es hingegen nicht mangelt: an Stigmatisierung. Ich wohne aktuell in Kolumbien und sah – vor der Ausgangssperre im Zuge der Pandemie – oft schwangere Geflüchtete aus Venezuela. „Hört auf, Kinder zu gebären!“, schrieb Claudia Palacios dazu in einer polemischen Kolumne. Der Text ging viral und sorgte sowohl für Beifall als auch für Entsetzen. Kurz später besuchte ich den Vortrag der bekannten Feministin Catalina Ruiz-Navarro, die anmerkte, dass sie – und die allermeisten – sich in einer prekären Situation bei der Wahl zwischen Essen und Kondomkauf für das Essen entscheiden würde. Und eine Bekannte erzählte mir, dass es ihr die Augen geöffnet habe, als sie selbst ungeplant schwanger wurde. Außerdem las sie, dass körperliche Nähe zum*zur Partner*in gerade in Notsituationen ein starkes Bedürfnis ist, um sich getröstet zu fühlen. Deswegen sei es unmenschlich, gerade an diese Menschen den Anspruch zu stellen, streng abstinent zu bleiben. Und selbst wenn sie das möchten, bleibt vielen Frauen* nicht einmal diese Wahl: Gerade in Fluchtkontexten ist die Gefahr, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden, sehr hoch.

Es gibt Entwicklungen und Initiativen, die Hoffnung machen

Trotz alldem gibt es auch Entwicklungen und Initiativen, die Hoffnung machen. In den vergangenen Jahren wurde die Steuer auf Menstruationsprodukte in einigen Ländern gesenkt (in Deutschland von 19 auf sieben Prozent, zum 1. Januar dieses Jahres) oder komplett abgeschafft. Es gibt NGOs, die Spendenboxen für Periodenprodukte an öffentlichen Orten aufstellen oder diese an Notunterkünfte weiterleiten (in Deutschland tut dies der Verein Social Period seit 2019). Und in Schottland wurde vor wenigen Monaten beschlossen, Binden und Tampons an öffentlichen Orten gratiszur Verfügung zu stellen. Auch kostenfreie Verhütung wird in Deutschland immer wieder debattiert (in manchen Ländern und Regionen, beispielsweise Großbritannien, ist sie bereits gang und gäbe), zwei Bundesanträge dazu scheiterten allerdings vergangenes Jahr. Klar ist: Mangelnder Zugang zu Menstruations- und Verhütungsprodukten sowie zur Aufklärung über ebendiese ist mindestens unangenehm und einschränkend, oft gesundheitsgefährdend und schlimmstenfalls tödlich – wie durch Folgeerkrankungen oder illegale Abtreibungen. Wer nun immer noch sagt, der Zyklus wäre ein Nischenthema und Feminist*innen sollten sich um „wirklich wichtige“ Themen kümmern, hat nichts verstanden. „Lass nicht zu, dass Privilegien dein Mitgefühl trüben“, sagen lateinamerikanische Aktivist*innen aus der Mittel- und Oberschicht. Ein Satz, nach dem auch ich leben möchte.

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