Periodenarmut ist auch in Europa ein Problem

In Schottland soll es bald kostenfreie Menstruationsprodukte geben. Warum das wichtig ist.
Von Magdalena Pulz
schottland periodenprodukte cover

Fotos: freepik / Collage: Daniela Rudolf-Lübke

Menstruieren ist – da sind sich wohl die meisten Frauen einig – nicht gerade das, was sich am fantastischsten anfühlt. Das Spektrum des Unwohlseins reicht da von „sich müde fühlen“, bis zu „Bauchweh bis zum Übergeben“. Ganz abseits von körperlichen Beschwerden kann die Periode aber auch einfach eine absolute Sauerei sein – gerade, weil sie oft schwer berechenbar ist. Wann da wie viel Flüssigkeit kommt, ist lange nicht für alle Frauen einschätzbar. Um also nicht ständig die eigene Umgebung anzubluten – Unterwäsche, Hosen, Stühle, Betten – benutzen Frauen Menstruationsprodukte.

Über die Kosten für diese Produkte gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Streit. Tampons und Binden sind teuer. Viele finden das ungerecht und wünschen sich Gleichberechtigung: Die Hygieneprodukte sollten auch finanziell benachteiligten Frauen uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Und die Politik hat reagiert: Im vergangenen Jahr senkte Deutschland die Mehrwertsteuer auf Menstruationsartikel von 19 Prozent auf sieben Prozent. Kanada, Irland, Australien oder Kenia befreiten diese Produkte ganz von der Mehrwertsteuer.

Am Mittwoch kam es zu einer weiteren historischen politischen Entscheidung für die Geschichte der Menstruation: Das schottische Parlament hat einstimmig beschlossen, Tampons und Binden künftig kostenlos zur Verfügung zu stellen. Das Gesetz sieht dabei vor, dass an öffentlichen Orten wie etwa Gemeindezentren, Jugendclubs oder Apotheken Tampons und Binden kostenlos erhältlich sein sollen. Ein bisschen Spielraum haben die schottischen Abgeordneten aber noch, es ist noch möglich, Änderungen am Gesetz vorschlagen. 

Bisher heißt es, dass das Vorhaben das Land jährlich 24 Millionen Pfund kosten soll. Für manche Menschen könnte das sicherlich Fragen aufwerfen: In einer Welt, in der man auf quasi jedem Tankstellen-Klo dafür bezahlen muss, sein Geschäft zu verrichten, soll plötzlich etwas kostenlos sein? Und warum von allen Sanitätsprodukten ausgerechnet Tampons und Binden? Warum nicht etwas, das für alle nützlich wäre, etwa Zahnbürsten oder Rasierer? Und weshalb ist das Thema ausgerechnet für die Schottinnen und Schotten so wichtig?

„Period Poverty“ ist das Schlagwort, das in Großbritannien und vor allem in Schottland die Schlagkraft hatte, den politischen Diskurs zu beeinflussen – Periodenarmut. So nennt man das weltweit auftretende Problem, wenn Frauen nicht genug Geld haben, um sich Periodenprodukte zu kaufen. Das Problem ist für den weiblichen Teil der Bevölkerung kein kleines: Eine Frau menstruiert immerhin einen beträchtlichen Teil ihres Lebens – mehr als sechs Jahre im Schnitt. Einer Studie zufolge geben britische Frauen in dieser Zeit mehr als 21 000 Euro für Menstruationsprodukte aus.

2017 konnte sich im Schnitt eines von zehn Mädchen in Großbritannien keine Hygieneprodukte leisten

Man könnte meinen, dass „Period Poverty“ nur in sehr armen Ländern vorkommt. In Schottland gab jedoch Studien, die zeigen, dass Periodenarmut sehr wohl auch ein europäisches Problem sein kann: 2018 gab im Schnitt jede fünfte Frau in Schottland an, dass sie Probleme habe, für Hygieneartikel aufzukommen. 22 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die Produkte nicht so oft wechseln können, wie sie eigentlich gerne würden. Eine andere repräsentative  Studie des Kinderhilfsorganisation Plan stellte 2017 fest, dass eines von zehn Mädchen in Großbritannien sich keine Hygieneprodukte leisten konnte.

Periodenarmut ist dabei ein doppelschneidiges Schwert. Für das Phänomen zentral ist Scham: Scham darüber, sich keine „richtigen“ Produkte leisten zu können – und stattdessen etwa Stoffreste hernehmen zu müssen. Angst, dass diese selbstgebastelten Binden nicht halten und man etwa U-Bahn-Sitze anmenstruiert. Und auch die ganz zentrale Scham, überhaupt zu menstruieren. Auch wenn sich in den westlichen Ländern hinsichtlich der Tabuisierung von Menstruation in den vergangenen Jahren schon einiges getan hat, ist auch hier der natürliche Vorgang und alles was dazu gehört oft mit peinlichem Schweigen verbunden.

Diese Periodenarmut kann also dazu führen, dass Menschen während der Menstruation nicht oder nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Gleichzeitig spielt aber neben dem sozialen und psychischen Aspekt natürlich auch der physische eine Rolle: Plan-B-Menstruationsprodukte wie Socken oder Wattebäusche stellen ein weit höheres Hindernis für Hygiene dar als herkömmliche Produkte.

In Deutschland existiert keine Statistik, wie viele Frauen unter Periodenarmut leiden. Dabei bieten solche Studien der Politik Boden für neue Regelungen und Verbesserungsansätze. Das neue Gesetz in Schottland ist zwar international bahnbrechend, aber im Land eigentlich nur die Vollendung eines schon länger verfolgten Plans. Bereits vor zwei Jahren wurde beschlossen, Tampons und Binden an Schulen und Universitäten kostenlos zu verteilen – auch damals war das Land das erste, das einen solchen Vorstoß umsetzte. Kaum jemand in Schottland hat gegen das Gesetz argumentiert.

Nur Aileen Campbell von der schottischen Nationalpartei hatte die etwas abstruse Sorge, dass Menschen von außerhalb Schottlands einreisen, große Mengen an Tampons und Binden einsammeln und dann im Ausland weiterverkaufen könnten. Immerhin da könnten die dank Brexit wiedereingeführten Grenzenkontrolle Abhilfe schaffen.

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