Periodenarmut ist auch in Europa ein Problem

In öffentlichen Einrichtungen in Schottland muss es jetzt kostenfreie Menstruationsprodukte geben. Warum das ein wichtiger Schritt ist.
Von Magdalena Pulz
schottland periodenprodukte cover

Fotos: freepik / Collage: Daniela Rudolf-Lübke

Menstruieren ist – da sind sich wohl die meisten Frauen einig – nicht gerade das fantastischste Gefühl. Und abgesehen von körperlichen Beschwerden kann die Periode auch noch eine ziemlche Sauerei sein – gerade, weil sie oft schwer berechenbar ist. Damit es nicht so weit kommt, sind Frauen auf Menstruationsprodukte angewiesen. Doch anders als Klopapier gehören die nicht zur Standardausstattung öffentlicher Toiletten.

Am Dienstagabend hat das schottische Parlament nun ein Gesetz verabschiedet, das dieses Problem lösen soll: Menstruationsartikel sollen in öffentlichen Einrichtungen künftig kostenlos zur Verfügung stehen. Den Gesetzesentwurf dazu hatte die Labour-Abgeordnete Monica Lennon eingebracht. Demnach muss die schottische Regierung ein landesweites Programm zur Bereitstellung von Binden und Tampons einrichten.

Schulen und Universitäten müssen Menstruationsprodukte kostenlos zur Verfügung stellen

Das Gesetz ist in Schottland schon seit Februar Thema, schon da hatten die Abgeordneten das Ganze einstimmig beschlossen, allerdings hatten die Mitglieder des Parlaments noch Zeit, Änderungen vorzuschlagen. Jetzt sind Schulen und Universitäten verpflichtet, Menstruationsartikel kostenlos in den Toiletten bereitzustellen. Auch weitere öffentliche Einrichtungen können dazu verpflichtet werden. Regierungschefin Nicola Sturgeon äußerte sich auf Twitter zu dem Durchbruch: „Ich bin stolz darauf, für diese bahnbrechende Gesetzgebung gestimmt zu haben, die Schottland zum ersten Land der Welt macht, das kostenlose Menstruationsprodukte allen zur Verfügung stellt, die sie brauchen.“ Im Februar hieß es, dass das Vorhaben das Land jährlich 24 Millionen Pfund kosten könne.

Über die Kosten von Hygieneprodukten wie Tampons und Binden gab es auch in anderen Ländern in den vergangenen Jahren immer wieder Streit. Denn Tampons und Binden sind teuer. Viele finden das ungerecht und fordern, dass Hygieneprodukte auch finanziell benachteiligten Frauen uneingeschränkt zur Verfügung stehen sollten. Und die Politik hat reagiert: Im vergangenen Jahr senkte Deutschland die Mehrwertsteuer auf Menstruationsartikel von 19 auf sieben Prozent. Kanada, Irland, Australien und Kenia befreiten diese Produkte ganz von der Mehrwertsteuer.

„Period Poverty“ ist das Schlagwort, das in Großbritannien und vor allem in Schottland die Schlagkraft hatte, den politischen Diskurs zu beeinflussen – Periodenarmut. So nennt man das weltweit auftretende Problem, wenn Frauen nicht genug Geld haben, um sich Periodenprodukte zu kaufen. Das Problem ist für den weiblichen Teil der Bevölkerung kein kleines: Eine Frau menstruiert immerhin einen beträchtlichen Teil ihres Lebens – mehr als sechs Jahre im Schnitt. Einer Studie zufolge geben britische Frauen in dieser Zeit mehr als 21 000 Euro für Menstruationsprodukte aus.

2017 konnte sich im Schnitt eines von zehn Mädchen in Großbritannien keine Hygieneprodukte leisten

Man könnte meinen, dass „Period Poverty“ nur in sehr armen Ländern vorkommt. In Schottland zeigten Studien jedoch, dass Periodenarmut sehr wohl auch ein europäisches Problem sein kann: 2018 gab im Schnitt jede fünfte Frau in Schottland an, dass sie Probleme habe, für Hygieneartikel aufzukommen. 22 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die Produkte nicht so oft wechseln können, wie sie eigentlich gerne würden. Eine andere repräsentative Studie des Kinderhilfsorganisation Plan stellte 2017 fest, dass eines von zehn Mädchen in Großbritannien sich keine Hygieneprodukte leisten konnte.

Scham spielt beim Thema Periodenarmut eine große Rolle: Scham darüber, sich keine „richtigen“ Produkte leisten zu können – und stattdessen etwa Stoffreste hernehmen zu müssen. Angst, dass diese selbstgebastelten Binden nicht halten und man etwa U-Bahn-Sitze anmenstruiert. Und auch die ganz zentrale Scham, überhaupt zu menstruieren. Auch wenn sich in den westlichen Ländern hinsichtlich der Tabuisierung von Menstruation in den vergangenen Jahren schon einiges getan hat, ist auch hier der natürliche Vorgang und alles, was dazu gehört, oft mit peinlichem Schweigen verbunden.

Diese Periodenarmut kann also dazu führen, dass Menschen während der Menstruation nicht oder nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Gleichzeitig spielt aber neben dem sozialen und psychischen Aspekt natürlich auch der physische eine Rolle: Plan-B-Menstruationsprodukte wie Socken oder Wattebäusche stellen ein weit höheres Hindernis für Hygiene dar als herkömmliche Produkte.

In Deutschland existiert keine Statistik, wie viele Frauen unter Periodenarmut leiden. Dabei bieten solche Studien der Politik Boden für neue Regelungen und Verbesserungsansätze. Das neue Gesetz in Schottland ist das Ergebnis eines schon länger verfolgten Plans. Bereits vor zwei Jahren wurde beschlossen, Tampons und Binden an Schulen und Universitäten kostenlos zu verteilen – auch damals war das Land das erste, das einen solchen Vorstoß umsetzte. Kaum jemand in Schottland hat gegen das Gesetz argumentiert.

Nur Aileen Campbell von der schottischen Nationalpartei hatte die etwas abstruse Sorge, dass Menschen von außerhalb Schottlands einreisen, große Mengen an Tampons und Binden einsammeln und dann im Ausland weiterverkaufen könnten.

Dieser Text erschien erstmals am 7.  Februar 2020 und wurde am 25. November 2020 aktualisiert.

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