Wie ein Berater in Kapstadt bei kleinen Penissen und großen Finanzsorgen helfen will

Eine Annonce wirbt für die Lösung wirklich ALLER Probleme. Unser Autor hat sich auf die Suche gemacht, was dahinter steckt.
Von Tycho Schildbach
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Foto: Tycho Schildbach

Kleine Penisse, große Finanzsorgen, ungewollte Schwangerschaften, gebrochene Herzen. Das beschäftigt Männer und Frauen rund um den Globus. Um genau zu sein: Fast jeder zweite Mann wünscht sich laut einer britischen Studien einen größeren Penis. Die privaten Schulden variieren pro Land sehr. Deutsche tragen im Schnitt mehr als 28 000 Euro Schulden mit sich herum. Laut WHO finden weltweit etwa 56 Millionen Abtreibungen im Jahr statt. Beim Thema Liebeskummer bleiben die Datenbanken von Weltbank, IWF und WHO bisher blank. Doch auch hier ist anzunehmen, dass Herzschmerz ein globales Phänomen ist. 

Vier Probleme, die Menschen in tiefe Sinn- und Lebenskrisen stürzen können. Abhilfe für alle Probleme zusammen verspricht eine Telefonnummer. Sie gehört nicht etwa zu einem neuen Forschungsprojekt einer amerikanischen Eliteuniversität. Nein, sie klebt in Zügen, auf Stromkästen und Straßenlaternen im südafrikanischen Kapstadt. Die großen blauen Ziffern begleiten mich und viele andere Stadtbewohner täglich auf dem Weg zur Arbeit oder zum Supermarkt. Über der Nummer stets dasselbe Versprechen: Hilfe bei kurz geratenen Penissen, finanziellen Problemen, ungewollten Schwangerschaften und Beziehungsproblemen. Der Heilige Gral der Telefonberatung.

Wer ist dieser mysteriöse Beratungsmessias?

Vor dreieinhalb Jahren blickte ich während der Zugfahrt geistesabwesend im Abteil umher, bis mich über dem Fenster die Aufschrift „ABORTION LOST LOVE PENIS ENLARGEMENT FINANCIAL PROBLEM“ aus meinen Tagträumen riss. Seither lässt mich ein Gedanke nicht mehr los: Wer ist dieser Beratungsmessias und wie vollbringt er seine Wunder? Geschult durch jahrelange abendliche „Die drei Fragezeichen“-Detektivgeschichten, siegte irgendwann der Spürsinn über die Scheu. Ich beschloss, die Nummer anzurufen. 

Als ich die Ziffern mit schwitzigen Fingern ins Handy tippe, liegt vor mir ein Zettel mit meiner imaginären Identität: Tino, 29 Jahre, Callcenter-Mitarbeiter. Mein Gehalt reicht kaum, um den Lebensunterhalt für mich und meine arbeitslose Freundin zu stemmen. Meine Freundin ist nun im dritten Monat unerwartet schwanger. Im Streit um die Finanzierbarkeit eines Babys zog sie zu ihrer Schwester. Ach ja, einen größeren Penis möchte ich natürlich auch. Natürlich sind manche dieser Probleme in der Realität ernster als andere. Wer einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen möchte, sollte definitiv nicht die Nummer auf einem Stromkasten anrufen. Aber ich will, dass der Kapstädter Telefonguru für meine Beratung aus seinem gesamten Repertoire schöpft – und darüber vielleicht auch etwas über seine Identität verrät.

Eine neue SIM-Karte für die verdeckte Ermittlung

„Hallo?“, meldet sich ein Mann am anderen Ende der Leitung. Ich stelle mich etwas schüchtern, aber höflich vor. Mein Telefonberater hat wohl keinen guten Tag erwischt. „Was willst du?“, raunt er mich an. Etwas zögerlich beginne ich die Punkte auf meinem Spickzettel zu einer Geschichte zu verbinden, doch da legt mein Berater schon abrupt auf. 

Mir ist klar: Justus Jonas von den Drei Fragezeichen hätte sich nicht so leicht abschütteln lassen. Einen Ausflug zum Einkaufzentrum später und mit neuer SIM-Karte ausgerüstet, rufe ich erneut an. Womöglich hatte die unterdrückte Rufnummer beim ersten Versuch Misstrauen an der Aufrichtigkeit meines Unterfangens erweckt. Und tatsächlich: „Jetzt habe ich Zeit. Wir können reden“, erklärt der Mann, der sich als Omar vorstellt. 

Wieder trage ich das traurige Lebensschicksal auf meinem Zettelchen vor, mit der Eloquenz und dem Esprit eines kalten Teebeutels. Die Rolle des einfältigen Sonderlings soll der Tarnung dienen. Omar beißt an, als er von der ungewollten Schwangerschaft hört. „Ich kann dir eine Pille geben, die das Baby abtreibt“, erklärt er und fragt postwendend, wo wir uns treffen können. Eine persönliche Begegnung mit dem mysteriösen Allheiler? Das war nicht Teil des Plans. Ich muss mir Zeit erkaufen. „Hast du auch am Wochenende Zeit?“, frage ich daher. Als Callcenter-Mitarbeiter könne ich das Homeoffice kaum verlassen. Kein Problem für Omar: „Ich kann die Pillen jederzeit zu dir nach Milnerton (Stadtteil in Kapstadt Anm. d. Red.) liefern und wir treffen uns dort.“ 

Stotternd bohre ich nach: „Und... wie... wie funktioniert die Pille?“ Im dritten Schwangerschaftsmonat müsse meine Freundin erst drei und dann zwei Pillen mit einem Getränk einnehmen, klärt mich Omar auf. Langsam wage ich mich zu seiner Biografie vor, versuche dabei so gutgläubig wie möglich zu klingen: „Aber hast du denn medizinische Erfahrungen?“ Jaja, die habe er, denn er sei Arzt. „Meine Praxis ist in der Longer Street“, bekräftigt Omar. Laut Google Maps existiert diese Straße in Kapstadt nicht. Omar meint wohl die „Long Street“, das Herz des zentral gelegenen Ausgehviertels. 

Aber wie löst Omar, der Arzt, nun meine Finanznot? „Bei diesen Problemen gebe ich dir eine Lotion, mit der du dich zu Hause waschen musst. Nach drei Tagen kommst du dann zurück zu mir“, erklärt er mir. All mein Pech müsse erst von mir abgewaschen werden. Mit einem zweiten Medikament würde er mir dann zu finanziellem Erfolg verhelfen. Sein vielfältiges medizinisches Wissen stamme aus seinem Heimatland Togo. „Ich verbinde traditionelle mit konventioneller Medizin. Denn ich habe einen Doktortitel in Chemie.“ 

Ein Doktor, der seinen Doktortitel verschweigt. Welch erfrischende Bescheidenheit. Da wir nun schon so vertraut miteinander plaudern, beschließe ich, seinen Titel auch weiterhin wegzulassen. Keine unnötige Distanz, für die nächste heikle Frage.

Ein größerer Penis in nur drei Tagen

Ich senke meine Stimme, druckse ein wenig: „Also... auf dem Plakat erwähnst du die Penisvergrößerung. Wie läuft das ab?“. Dabei bin ich mir selber nicht sicher, ob mein nervös-neugieriger Tonfall gespielt ist. Authentisch ist er allemal. 

Er habe zwei ganz spezielle Medikamente entworfen, die ich miteinander kombinieren müsse. „Das erste nimmst du als Tee mit heißem Wasser ein. Das andere ist eine Creme, die du in den Penis einmassieren musst.“ Die Bestandteile seiner Medikamente besorge der Chemiker und Arzt persönlich bei Reisen nach Tansania, Kenia, Togo und Kongo. „Du solltest sie für sieben Tage anwenden. Aber schon nach drei Tagen siehst du Ergebnisse“, beteuert Doktor Omar. 

Vermögend und gut bestückt muss ich dann nur noch das Herz meiner Freundin zurückgewinnen, denke ich. Omar weiß auch wie: „Bring mir ein Foto deiner Freundin und sechs Eier“. Damit ausgestattet könne er mir helfen. Berauscht am Erfolg meiner Ermittlung, verfalle ich dem Übermut. Meine gestotterten Fragen weichen langsam einem Kreuzverhör. Als ich nach Details seines Studiums in Togo frage, dringt plötzlich nur noch ein Tuten durch die Leitung. Meine Tarnung ist zwar aufgeflogen, aber ich glaube, Justus Jonas von den „Drei Fragezeichen“ wäre dennoch stolz auf mich. Omar wird mich nicht in seiner Praxis in der Long Street empfangen. Was sich wirklich in seinen „Medikamenten“ verbirgt, bleibt ein Rätsel. 

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