„Die Situation ist auch eine Chance, Vertrauen aufzubauen“

Lohnt sich Streit in der Krise? Wie findet man als Paar oder in der WG Kompromisse? Das erklärt Paartherapeutin Sharon Brehm.
Interview von Berit Dießelkämper

Foto: Michel Maurice Lück / Illustration: jetzt

Aktuell hocken Partner*innen und Mitbewohner*innen in der Selbstisolation auf wenigen Quadratmetern zusammen und müssen sich irgendwie arrangieren. Das funktioniert nicht immer und es wird gestritten – manchmal über sehr große und wichtige Dinge, oft genug aber auch über kleine, sehr unwichtige. Wir haben von unseren Leser*innen einige Streitthemen in der Isolation gesammelt. Paartherapeutin Sharon Brehm erklärt im Interview, wie man sie am besten angehen sollte.

jetzt: Gibt es in dieser Krisenzeit eine Verhaltensgrundregel für Beziehungen, egal ob zwischen Partner*innen oder Mitbewohner*innen?

Sharon Brehm: Das Allerwichtigste ist freundlich sein. Das klingt so einfach, aber wir sind gerade alle sehr angespannt und gehen unterschiedlich mit Gefühlen wie Angst, Frustration oder Wut um. Das bedeutet auch, dass wir nicht so reagieren, wie wir normal reagieren würden. Ein schlechtes Wort ergibt dann schnell ein anderes schlechtes Wort und eine Kleinigkeit wird zum Trennungsgrund. Wir müssen daher viel rücksichtsvoller und wohlwollend in der Kommunikation sein.

Das heißt, man sollte sich in der Krise besser nicht trennen? 

Auf keinen Fall. Es ist für alle eine Ausnahmesituation und die meisten Streits entstehen nicht, weil Menschen nicht zusammenpassen, sondern weil wir gerade keine Orientierung haben und nicht wissen, wie man sich richtig verhält.

Viele jetzt-Leser*innen haben geschrieben, dass sie sich wie sonst auch über Dinge im Haushalt streiten. Wie sollte man damit jetzt am besten umgehen?

Bei diesen Streits geht es oft um etwas ganz anderes als nur die Ordnung in der Wohnung. Dahinter kann beispielsweise das Bedürfnis nach mehr Sicherheit, Struktur oder Routine stehen. Im Großraumbüro schaffen wir es ja auch, nicht zu streiten, nur weil eine Kaffeetasse rumsteht. Es ist wichtig, herauszufinden, was man eigentlich wirklich braucht und ob die andere Person überhaupt dafür verantwortlich ist, dieses Bedürfnis zu stillen. Das muss man kommunizieren, am besten als Ich-Botschaft. Zum Beispiel: „Ich wünsche mir, dass es hier aufgeräumter ist, weil ich mich dann wohler fühle und das unser Zusammenleben leichter macht.“ Vielleicht findet man sogar noch einen Grund, warum die andere Person auch davon profitieren würde.

Streitthemen, die in der Isolation neu dazukommen, drehen sich viel ums Arbeiten im Home-Office: Wer darf wann einen Videoanruf machen? Wer arbeitet am Küchentisch? Unterschwellig wird dabei auch immer verhandelt, wessen Arbeit wichtiger ist. Wie bekommt man da ein gutes Gleichgewicht hin?

Es muss allen um das bestmögliche Ergebnis gehen. Partner*innen und Mitbewohner*innen müssen sich klarmachen, dass sie ein Team sind und nur gemeinsam gewinnen können. Dafür müssen sie herausfinden, was die Werte hinter diesen Streits sind: Vielleicht will die eine Person lieber am Küchentisch sitzen, weil es dort ruhiger ist und die andere, weil dort das Internet besser ist. Dann kann man überlegen, wie bekommt die eine Person Ruhe und die andere gutes Internet.

„Ich erlebe oft, dass die Bedürfnisse nach Nähe und Freiheit zwischen den Partner*innen aufgeteilt werden“

Wie kann man unterschiedliche Tagesrhythmen koordinieren?

Es kann helfen, wie bei einem Meeting durchzusprechen, was jedem einzelnen wichtig ist. Welche unterschiedlichen Orte es in der Wohnung gibt und ob es Routinen gibt, die man gut kombinieren kann. So als wäre man eine Firma, die einen Tag oder eine Woche organisieren muss. Das hält man irgendwo fest, dann ist es auch für alle einfacher, sich daran zu halten.

Was kann man tun, wenn Partner*innen unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe und Distanz haben? Wenn eine*r am liebsten den ganzen Tag im Bett verbringen möchte, der*die andere aber Abstand braucht?

Ich erlebe oft, dass die Bedürfnisse nach Nähe und Freiheit zwischen den Partner*innen aufgeteilt werden und die eine Person für Freiheit „zuständig“ ist und die andere für Nähe. Das führt zu Konflikten, weil beide das Gefühl haben, sie müssten für ihr Bedürfnis betteln. Man sollte sich bewusst machen, dass beide jeweils beide Bedürfnisse haben, sie aber unterschiedlich leben. Dann geht es weniger darum, die andere Person zu überzeugen, sondern darum, zu verstehen, was für die andere Person Freiheit und Nähe bedeutet und ob es da auch Gemeinsamkeiten gibt. Da kann man beim kleinsten gemeinsamen Nenner anfangen.

Wie funktioniert das Zusammenleben, wenn zwei Menschen die aktuelle Situation unterschiedlich einschätzen oder Mitbewohner*innen die Kontaktbeschränkungen unterschiedlich streng auslegen?

Die Situation ist auch eine Chance, Vertrauen aufzubauen. Vertrauen bildet sich, wenn eine Person nicht nur an sich denkt, sondern auch an die Gemeinschaft. Das heißt: Wenn ein*e Mitbewohner*in die ganze Zeit raus geht und Menschen trifft und der*die andere panisch zu Hause in der Isolation sitzt, müssen sie sich fragen, was sie für die Gemeinschaft tun können. Vielleicht kann die Person, die rausgeht, einen Mundschutz aufsetzen oder anbieten, für alle anderen einzukaufen, und anders herum sollte die Person, die drinnen bleibt, nicht mit einem strafenden Blick zuschauen.

Was ist mit politischen Grundsatzdiskussion – lohnt es sich jetzt, die alten Streitthemen vernünftig auszudiskutieren?

Man sollte den Fokus auf einen guten Umgang miteinander legen und Grundsatzdiskussionen auf später verschieben. Die Themen laufen nicht weg und man kennt sie ehrlicherweise auch. Wenn es doch zur Diskussion kommt, muss man üben, sich von seinen Emotionen zu distanzieren. Unsere psychische Gesundheit ist gerade sehr wichtig und diejenigen, die körperlich, finanziell und sozial gesund sind, haben die große Verantwortung, auch mental gesund zu bleiben. Man kann zum Beispiel durch Meditation lernen, Gefühle, Vorurteile und Meinungen loszulassen. Das ist jetzt die große Aufgabe, die wir alle haben.

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