Bin ich überhaupt echt?

Das fragen sich Menschen, die an Depersonalisation leiden.
Von Maximilian Fischer

Foto: axelbueckert / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Mit 17 Jahren ist sich Valerie zum ersten Mal nicht sicher, ob sie existiert. Die Österreicherin hat gerade ihren Schulabschluss gemacht, als sie in einem Jugendcamp eine ihrer ersten Panikattacken erlebt. Zunächst überspielt sie ihre Probleme. Als die Panik stärker wird, lässt sie sich von ihren Eltern abholen. „Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und hatte dieses Unwirklichkeitsgefühl und extrem seltsame Gedanken“, sagt die heute 25-Jährige. „Ist das alles hier real? Wo sitzt eigentlich mein Gehirn? Wer denkt das hier gerade?“ Dies sind nur einige Beispiele für Gedankenstürme, die Valerie auch heute noch immer wieder aus der Bahn werfen. Sie wird zur außenstehenden Beobachterin ihres eigenen Lebens, erkennt sich im Spiegel nicht mehr, fühlt sich fremd in der Welt und emotional taub.

Was eine Depersonalisations- bzw. Derealisationsstörung ist, weiß sie damals noch nicht. Valerie hat jedoch Glück im Unglück. Nach ihrem ersten Zusammenbruch schicken sie ihre Eltern zu einem Psychiater, der eine Depersonalisationsstörung relativ schnell als Möglichkeit in Betracht zieht. Selbstverständlich ist solch eine Diagnose bis heute nicht.

Betroffene empfinden beispielsweise eigene Bewegungen als fremdgesteuert

Die häufig auch als DDS abgekürzte psychische Störung ist laut „Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung des Depersonalisations-Derealisationssyndroms“ charakterisiert durch ein Gefühl des Losgelöstseins oder der Entfremdung vom eigenen Selbst (Depersonalisation) oder der Umwelt (Derealisation). Betroffene denken häufig, „nicht richtig hier“ zu sein oder haben das Gefühl, in einem Schauspiel mitzuspielen.

Menschen mit Depersonalisation empfinden beispielsweise eigene Bewegungen als fremdgesteuert, Derealisationsbetroffene nehmen ihre Umgebung oft wie durch eine dicke Scheibe wahr. Meist treten beide Syndrome gemeinsam auf, wobei viele in Foren meist nur von einem Störungsbild berichten, das sie stärker beeinträchtigt. Im ICD-10, einem weltweit anerkannten Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen, sind beide Syndrome im Bereich der dissoziativen Störungen vertreten.

Depersonalisation und Derealisation sind in der Bevölkerung keine Seltenheit. Studien gehen davon aus, dass bis zu 50 Prozent der Deutschen solche Entfremdungserlebnisse mindestens einmal im Leben erfahren. Meist sind es kurze Episoden, die beispielsweise nach schweren Autounfällen auftreten können. Der Schock lässt einen in diesen Situationen sprichwörtlich aus der Haut fahren. Unter der klinisch-relevanten Störung, die als behandlungsbedürftig gilt,  leiden ein bis zwei Prozent in Deutschland. Das Unwirklichkeitsgefühl ist in diesen Fällen täglich über einen längeren Zeitraum vorhanden.

„Beide Syndrome sind typische Reaktionen auf Angst“

„Von einer Depersonalisation-Derealisationsstörung sprechen wir, wenn der Zustand sich wirklich dauerhaft über drei bis sechs Monate manifestiert“, erklärt Professor Matthias Michal, der am Universitätsklinikum Mainz die in Deutschland einzige Sprechstunde für Patient*innen mit DDS anbietet. Meist sind Jugendliche und junge Erwachsene betroffen. In einer 2016 veröffentlichten deutschen Studie, die 223 Menschen mit DDS erfasste, waren rund 65 Prozent unter 25 Jahren und nur fünf Prozent älter als 40. Im Vergleich zu den ebenfalls in dieser Studie befragten 1129 Personen mit einer depressiven Störung waren Menschen mit DDS tendenziell jünger und litten über einen längeren Zeitraum unter ihren Symptomen.

„Beide Syndrome sind typische Reaktionen auf Angst“, sagt der Experte Michal. Er sieht die Störung als einen Abwehrmechanismus. Der wird, glaubt man der Neurowissenschaft, im  limbischen Systems des Gehirns, genauer gesagt durch die Amygdala, getriggert, die für unsere Angst- und Stressreaktion zuständig ist. Stehen wir unter Dauerdruck, schaltet das System in den sogenannten Fight-or-Flight-Modus und sendet Signale an die Nebenniere, die vermehrt die Botenstoffe Adrenalin und Cortisol produziert und die Stressreaktion so am Leben hält. „Das Angstsystem dient dazu, unser Überleben zu sichern. Der Vorteil der Depersonalisation ist, dass man trotz großer Angst funktioniert. Der Nachteil ist, dass man sich auch von allen anderen Emotionen abkapselt, was Patienten verzweifeln lässt.“ Wöchentlich besuchen Michal zufolge bis zu zehn Personen seine Sprechstunde – Tendenz steigend.

Viele haben einen Ärztemarathon hinter sich. Laut Michal seinen viele Ärzte mit der Diagnose nicht vertraut. Ein Grund dafür ist, dass das DDS meist als sekundäres Störungsbild in Kombination mit anderen psychischen Erkrankungen, wie Angststörungen und Depressionen auftritt und gesamtheitlich behandelt wird. Michal berichtet von Fällen, in denen Patient*innen eine Psychose oder gar Schizophrenie diagnostiziert wurden, was häufig mit „Verrücktsein“ gleichgesetzt wird. Dabei sind DDS-Betroffene keineswegs verrückt. Ihr Realitätsempfinden ist im Gegensatz zu Menschen mit Psychosen stets intakt. Die Angst, dennoch den Verstand zu verlieren, ist in der DDS hoch. Valerie kennt das.

„Trotz Diagnose habe ich mich zunächst sehr alleine gefühlt. Der Arzt gibt dir zwar eine Fachmeinung, aber ich hatte immer das Gefühl, so ganz versteht man mich dennoch nicht.“ Ihre Probleme seien doch bestimmt so schlimm wie bei keinem anderen davor. Damals fürchtet sie sich auch vor ihrem eigenen Körper. Bewegt sie gerade selbst die Beine? Sie hört auf Sport zu treiben. Ihre Leidenschaft Tennis bleibt auf der Strecke. Die automatisierten Bewegungen machen sie fertig. Sie beginnt eine Therapie, hat mehrere Rückfälle. Seit 2015 hat Valerie nach eigenen Angaben das schlimmste überstanden. Neben der eigentlichen Therapie setzt sie auf Achtsamkeitsübungen. Sie meditiert, macht Yoga und stellt ihre Ernährung um. Drei Jahre später beginnt sie im Netz unter dem Namen „freeviebee“ über ihre Erlebnisse zu sprechen. „Ich will mit meinem Blog Eigeninitiative fördern. Ich kenne nicht jedes Problem von jedem Betroffenen, aber wenn man den Zustand als Ganzes begreift und sieht, dass man damit nicht allein ist, hilft das.“ 

Medikamente gegen DDS gibt es bis heute nicht

„Betroffene haben häufig eine Angst vor emotionaler Nähe“, erklärt Michal. Bindungstraumata aus früher Kindheit spielen meist eine Rolle. Dabei müssen die Kinder überhaupt kein schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern haben, trotzdem gab es emotionale Vernachlässigungen. Viele Eltern von Betroffenen litten selbst unter psychischen Erkrankungen. In der Therapie lernen Patient*innen, ihre Affekttoleranz zu stärken. Extrem belastende Gefühle werden nicht mehr verdrängt, sondern zugelassen.

Das bekannteste Therapieverfahren ist in diesem Zusammenhang die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT), in der Patient*innen lernen, ihre Haltung zu ängstlichen Gedanken zu verändern. Medikamente gegen DDS gibt es bis heute nicht. Studien, in denen Betroffene mit Fluoxetin und anderen Antidepressiva behandelt wurden, zeigten keine signifikante Verbesserung der Symptome. Eine Blaupause für Heilung gibt es nicht. In der Kognitiven Verhaltenstherapie reichen manchen Betroffenen schon einige Sitzungen für positive Veränderungen. Andere müssen über Monate Sitzungen besuchen. In der DDS-Leitlinie ist jedoch verankert, das die Störung prinzipiell immer veränderbar ist.

In der Klinik werden ihm verschiedene Diagnosen von Psychose bis Schizophrenie gestellt

Männer und Frauen werden statistisch ähnlich häufig von DDS betroffen. Genau wie Valerie hat auch Sebastian die Störung überwunden und vloggt heute unter dem Namen „ZwangsNeurotiker“ auf YouTube über seine Leidenszeit. Mit seinem Pferdeschwanz und der beruhigenden Stimme möchte man ihm gerne etwas Guruhaftes andichten. Er selbst betont aber immer wieder, nicht als Experte gesehen werden zu wollen, sondern lediglich als Betroffener, der über seine Erfahrungen spricht. Für Sebastian ist die Depersonalisation nur ein Beiprodukt, vielmehr macht ihm die Derealisation zu schaffen. Er sieht die Welt wie durch eine Scheibe, nimmt seine Umwelt nicht mehr richtig war. „Wie sturzbesoffen“, beschreibt der heute 38-Jährige das Gefühl.

Schon als Kind hatte er oft das Gefühl, übermüdet zu sein. 2002 und 2003 wird die DDS für den damals 20-Jährigen zum ständigen Begleiter, aber erst 2017 erreicht er den Tiefpunkt. Ins Krankenhaus kommt er damals primär wegen seines Tinnitus. Zwischenzeitlich hört er eigenen Angaben zufolge bis zu elf verschiedene Töne und macht seit Monaten nachts kein Auge mehr zu. In der Klinik werden ihm verschiedene Diagnosen von Psychose bis Schizophrenie gestellt. Erst in einer anschließenden Verhaltenstherapie lernt er, mit seinen Dissoziationszuständen besser umzugehen. Schlimm sei für ihn die permanente mentale Anspannung gewesen. „Du bist immer kurz vor dem Punkt, an dem das Fass überläuft. Bei mir hat sich das in Ticks wie Muskelzuckungen geäußert.“ Besserung bringen ihm unter anderem Entspannungsübungen, Meditation, Yoga, Qi Gong. Wenn etwas nicht mehr funktioniert, versucht er was anderes. Er steigt wieder aufs Rad, reduziert Stress und versucht sogar die DDS zu genießen. „Andere bezahlen für so ein Erlebnis Geld“, erzählt er heute lachend.

An einem Ostertag wacht Sebastian schließlich auf und plötzlich sind alle Symptome weg. Über den Berg ist er da noch nicht, aber an dem Tag weiß er, „da geht was“. Heute beschreibt er sich als symptomfrei. Wenn ihm Leute im Netz schreiben, die noch mitten in der DDS stecken, erkennt er sich wieder. „Die Leute, die mir bei YouTube oder Facebook schreiben, sind sehr perfektionistisch und haben meist mit Zwangs- oder Angstgedanken zu tun.“ Professor Michal zeichnet nach unzähligen Fallbetrachtungen ein ähnliches Bild: „Die Patienten sind nicht selten selbstunsichere Menschen, die sich durch perfektionistisches Verhalten unangreifbar machen wollen.“  

Fast ironisch, dass Sebastian den Weg zur Besserung mit einer Simulation, einem Videospiel vergleicht: „Je stärker der Gegner, desto mehr Erfahrungspunkte bekommst du. Und wenn du viel später wieder in den ersten Level des Spiels springst, sind alle Probleme ganz einfach.“

Mehr Informationen zur Sprechstunde Depersonalisation des Universitätsklinikum Mainz gibt es hier: http://www.unimedizin-mainz.de/psychosomatik/patienten/poliklinik-und-ambulanzen/sprechstunde-depersonalisation.html

Valerie findet ihr hier: http://www.freeviebee.eu/

Sebastian ist auf YouTube unterwegs: https://www.youtube.com/channel/UCEsm1LsftBKz-OlRbfCjq6

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