Die Angst vorm Telefonieren

Allein die Vorstellung, ein Telefonat zu führen, ist für manche Leute furchterregend. Warum ist das so? Und was kann man dagegen tun?
Von Veruschka Haas
kallejipp / photocase.com

„Mit einem Anruf wäre die Sache viel schneller geklärt.“ Diesen Satz habe ich von meinem Vater schon etliche Male gehört. Meistens, wenn ich gerade eine gefühlte Stunde gebraucht habe, um mich mit jemandem über Whatsapp-Nachrichten zu verabreden. Oder wenn ich, um eine Information zu bekommen, ewig auf eine Antwort auf meine E-Mail gewartet habe, statt kurz anzurufen. Termine und Reservierungen mache ich meist online. Wenn es aber doch mal keinen Weg gibt, einen Anruf zu umgehen, bekomme ich Herzrasen, fühle mich atemlos und hoffe, dass die Person am anderen Ende nicht abnimmt. Mein Vater kann meistens nicht verstehen, wieso es so schwer für mich ist, einfach irgendwo anzurufen. Er selber hat kein Problem damit, einen kurzen Anruf zu tätigen. Anders als ich. Und viele andere Menschen. 

Seit einer Weile kann man nun nämlich schon Kurse und Übungen online finden, die Menschen mit ihrer Telefon-Phobie helfen sollen. Dort gibt es zum Beispiel Seiten, die „10 Schritte, um die Angst vor dem Telefonieren zu überwinden“ anbieten. Es scheint also genug Menschen zu geben, denen die Vorstellung ein Telefonat zu führen ähnlich unangenehm erscheint wie mir.

Während andere Leute ohne Problem nach dem Hörer greifen und eine Person anrufen, wählen Personen, die Angst vor dem Telefonieren haben, meistens Kommunikation in Form von SMS, Nachrichten über Social Media Plattformen und E-Mails. Denn beim Schreiben lassen sich die meisten Aspekte, die wir beim Telefonieren so beängstigend finden, vermeiden. Wir haben Zeit, uns die Nachricht des Gegenübers in Ruhe durchzulesen. Zeit, um dann über eine passende Antwort nachzudenken. Und wir können diese dann notfalls noch mehrere Male umformulieren, bis wir zufrieden sind und sie schließlich abschicken.

Beim Telefonieren dagegen muss alles etwas flotter gehen. Wenn jemand etwas sagt oder gar eine Frage stellt, kann man meistens nur schlecht länger über eine Antwort nachdenken – zumindest nicht, ohne für eine unangenehme Pause zu sorgen. Und wenn man dann tatsächlich etwas gesagt hat, kann man dies auch ohne weiteres nicht so schnell wieder zurücknehmen oder sich verbessern.

Wie hört sich meine Stimme an? Stottere ich etwa? Hat sich das, was ich gerade gesagt habe, dumm angehört? Vielleicht störe ich die Person ja gerade? Und vor allem: Was denkt die andere Person von mir? Im Gegenteil zur direkten Konversation im echten Leben sieht man beim Telefonat nämlich weder Mimik noch Gestik und kann Reaktionen nur durch die Stimme abwägen. Das wiederum fällt den meisten Leuten schwer, wenn sie nicht unbedingt der Mentalist oder Sherlock Holmes sind.

 

Vermeidungsstrategie allein hilft leider nicht

 

Wie viele Menschen von einer „Telefon-Phobie“ betroffen sind, kann man schlecht sagen. Auch sollte man anmerken, dass es verschiedene Varianten gibt. Menschen, die eine echte Phobie haben, und Menschen, denen es einfach nur großes Unbehagen bereitet, da sie im Zeitalter der Kurznachrichten-Dienste schlichtweg nicht mehr an Telefonate gewöhnt sind. Aber wie entsteht diese Furcht überhaupt? „Auslöser für eine Telefon-Phobie können zum Beispiel eine oder mehrere negative Erfahrungen sein“, erklärt Jürgen Steurer, der an der Juvenis-Klinik in Wien als Psychotherapeut tätig ist. „Viele Betroffene spielen diese unangenehme Situation immer wieder gedanklich durch und prägen sie sich dadurch noch stärker ein. Sie neigen dazu, sich nach künftigen Telefonaten selbst zu kritisieren – sie überlegen, was sie alles falsch gemacht haben und verstärken dadurch ihre Ängste weiterhin.“ Viele Menschen würden diese Befürchtungen teilweise auch von ihren Eltern übernehmen, fügt er hinzu. 

 

Vermeidungsstrategie allein hilft leider nicht, egal ob es sich um eine richtige Phobie handelt oder nur ein Gefühl des Unbehagens. Schließlich kommen die meisten um das Telefonieren nicht herum. Es ist sogar Teil ihres Jobs. Man könnte nun natürlich argumentieren, dass Menschen mit "Telefon-Phobie" einfach in keiner Branche tätig sein sollten, in der sie häufig telefonieren müssen. So einfach ist das aber leider nicht, denn  Kommunikation per Telefon gehört bei den meisten Jobs dazu. Und manchmal muss man erst durch ein Telefon-Interview durch, um einen Job überhaupt zu bekommen. Das Problem kann also nicht einfach umgangen werden, es werden mögliche Lösungen dafür benötigt. Bevor sie aber zu einem Arzt gehen, versuchen die meisten Menschen zuerst, eine schnelle Lösung für ihr Problem im Internet zu finden. Dort stoßen sie dann auf eine der vielen Websites, die ihnen Hilfe gegen ihre Telefon-Probleme versprechen. Und tatsächlich sind sich die meisten dieser Seiten über drei Lösungsmöglichkeiten einig.

 

Die Ratschläge der Internetseiten sind teilweise tatsächlich hilfreich

 

Man kann seine Telefongespräche zum Beispiel planen. Das funktioniert bei kurzen Telefonaten wie Arztterminen auch perfekt, wo man meist nur ein Datum ausmachen und vielleicht kurz sein Anliegen oder seine Symptome schildern muss. Bei längeren Telefongesprächen wie zum Beispiel Jobinterviews dagegen funktioniert diese Taktik nicht, da die Fragen teilweise unvorhersehbar sind. Wenn man den Job dann auch noch unbedingt will, ist man meist noch nervöser vor dem Telefonat als sowieso schon. Versprecher und unangenehme Pausen sind dabei vorprogrammiert. Hier hilft planen also eher weniger. Was kann man also noch tun?

 

Zum Beispiel so häufig wie möglich telefonieren. Je öfter man etwas tut, desto leichter fällt es einem und schlussendlich verliert man sogar die Angst davor. Auch Jürgen Steurer ist der Meinung, dass häufiges Telefonieren hilfreich ist. „Betroffene sollen so die Angst abbauen und korrigierende Erfahrungen machen, das heißt die Erfahrung, dass ihre Befürchtungen nicht eintreten.“ Wenn bei einem Telefonat die peinlichen Pausen und die Versprecher also ausbleiben, hat das eine positive Wirkung. Aber es bedeutet, dass man jedes Mal, wenn man sonst auf E-Mail oder Nachricht ausweichen würde, nach dem feindlichen Telefon greifen muss, um jede Chance nutzen zu können, diese positive Erfahrung zu machen und selbstbewusster zu werden.  

 

Die Angst vor dem Telefonieren ist in den meisten Fällen eine Ausprägung einer Sozialen Phobie, also einem Problem mit zwischenmenschlichem Kontakt. Während aber nicht alle Menschen mit einer Sozialen Phobie automatisch auch Probleme mit dem Telefonieren haben, haben auch nicht alle Menschen, denen Telefonate Angst machen, eine Soziale Phobie. Trotzdem ist es einleuchtend, dass das Telefonier-Problem wie eine Soziale Phobie behandelt werden kann – nämlich mit einer Verhaltenstherapie. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Therapie anzugehen. „Manche Menschen haben Angst zu telefonieren, weil sie ganz einfach über zu wenige soziale Fertigkeiten verfügen. Im Rahmen der Verhaltenstherapie wird ein entsprechendes Fertigkeitentraining durchgeführt. Die vermittelten sozialen Kompetenzen werden in Rollenspielen und später in realen Situationen eingeübt“, erklärt Jürgen Steurer. „Andere Personen verfügen über ausreichende Fertigkeiten und haben trotzdem Angst, sich beim Telefonieren zu blamieren. In diesem Fall ist die Konfrontation die Methode der Wahl. Dabei wird mit der Klientin oder dem Klienten genau besprochen, welche Situationen Angst auslösen, um sich diesen in weiterer Folge gezielt auszusetzen.“ Außerdem werde bei der Verhaltenstherapie auch das Problem von negativen Gedanken und Hintergrundproblemen – wie zum Beispiel Versagensängste und Selbstwertprobleme – angegangen.

 

Die Ratschläge der Internetseiten sind also teilweise tatsächlich hilfreich. Am Ende kann jedoch jeder entscheiden, auf welche Weise er versuchen will, seine Angst vor dem Telefonieren zu bekämpfen. Das einzige, von dem Jürgen Steurer komplett abrät, ist die Einnahme von Beruhigungsmitteln oder der Situation weiterhin auszuweichen. Ich denke, ich werde in Zukunft versuchen, mich meiner Angst öfter zu stellen. Reservierungen und Termine werde ich ab jetzt öfter telefonisch machen. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass meine Angst vor dem Telefonieren schon nicht mehr so groß ist wie sie es vor ein paar Jahren einmal war. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich bei meinen letzten paar Jobs häufig dazu gezwungen war, Telefonate anzunehmen. Mich der Angst entgegenzustellen, hat anscheinend tatsächlich geholfen.

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